Dreiste Taten auch in Gerlingen Vom Automaten bleibt meist nicht viel übrig

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So sah der Zigarettenautomat aus, der in der Leonberger Straße in Gerlingen gesprengt wurde. Foto: Archiv/7aktuell

Gerlingen - Für die Polizei sind es zwei weitere Fälle: In Gerlingen haben Unbekannte vor wenigen Tagen zwei Zigarettenautomaten in die Luft gejagt – innerhalb von drei Tagen, beziehungsweise Nächten. Dass dies im gleichen Ort innerhalb kurzer Zeit zweimal geschieht, ist relativ selten. Solche Taten gehen meist auf das Konto von reisenden Banden. Die bundesweite Serie begann vor etwa 15 Jahren.

Gas oder Sprengstoff

Die Blechkiste hängt nur noch an einer Schraube an der Halterung, die Tür des schrankähnlichen Gebildes steht offen, Metallteile liegen verstreut auf dem Boden: Wie die Täter an der Leonberger Straße in Gerlingen in der Nacht zum 19. März ihr Ziel zerstört haben, ist nicht bekannt. „Die Kriminaltechnik sucht noch nach Spuren, auch nach Resten von Sprengstoff“, sagte Yvonne Schächtele vom Polizeipräsidium Ludwigsburg unserer Zeitung. Jedenfalls fehlte die Geldkassette. Die Täter würden meist so vorgehen, dass die Kassette ganz bleibe und sie diese mitnehmen könnten. Ist die Explosion zu stark, wird auch der Münzenbehälter zerrissen – und die Geldstücke, die man erbeuten will, wie die Zigarettenschachteln verteilen sich im weiten Umkreis um den Automaten. Die Tat geschah kurz vor 2 Uhr – da wurde ein Anwohner durch einen lauten Knall wach. Der Schaden beträgt etwa 4000 Euro.

Ähnliches war drei Nächte zuvor etwa anderthalb Kilometer davon entfernt geschehen. Da zerriss es gegen Mitternacht in der Dieselstraße einen Zigarettenautomaten durch eine Explosion. Die Täter flüchteten mit der Geldkassette, ein Zeuge sah ein weißes Auto davonfahren. Ob dies aber mit der Sprengung zusammenhängt, ist noch nicht bekannt. Auch in diesem Fall sei die Spurenlage schwierig, so die Polizeisprecherin. Die Ermittler schließen nicht aus, dass dieselben Täter am Werk waren.

Sprengung ist beliebt

Zigarettenautomaten sind ein beliebtes Ziel von Einbrechern, die Sprengung ist eine ihrer Methoden. Im Kreis Ludwigsburg wurde erst am 27. Januar in Kirchheim am Neckar eine ähnliche Tat begangen; außerdem zählte die Polizei einige Aufbrüche nach der klassischen Aufhebel-Methode. Mitte September 2018 wurde in Gerlingen der Geldautomat einer Bank gesprengt; das Gerät wurde zerstört, gab aber das Geldfach nicht frei.

Gesprengt wird entweder mit Gas, häufig Campinggas oder Acetylen, oder mit Böllern. Im Internet sind dazu Anleitungen zu finden. Hierzulande erhältliche Silvesterkracher reichen meist wegen ihrer relativ geringen Sprengkraft dafür nicht aus. „Meistens werden sogenannte Polen-Böller verwendet“, erklärt der Ludwigsburger Polizeisprecher Peter Widenhorn. Das sind Kracher, die im östlichen Nachbarland frei verkäuflich sind. Ihre Sprengwirkung übersteigt die der in Deutschland erlaubten Feuerwerkskörper deutlich.

„Polen-Böller“ sind gefährlich

Polen-Böller sind deshalb entsprechend gefährlich. Bei mindestens zwei Sprengstoffanschlägen auf Automaten sind in den vergangenen Jahren in Deutschland die Täter ums Leben gekommen: in Wittighausen im Main-Tauber-Kreis am 17. September 2013, sowie am 21. März 2017 im Dortmunder Stadtteil Scharnhorst. Von den Folgen dieser Tat gibt es ein Video im Internet. Darauf sind Rettungskräfte zu sehen, die sich in der Nähe eines gesprengten Automaten um einen Mann kümmern.

Wie viele solcher Taten bundesweit verübt werden, ist nicht genau bekannt. Die Zahlen schwanken um die 300. In Baden-Württemberg hat das Landeskriminalamt (LKA) 2018 insgesamt 27 solcher Fälle gezählt, 2015 bis 2017 waren es zusammen 22. LKA-Sprecher Ulrich Heffner: „Im Bereich des Präsidiums Reutlingen/Ulm waren es 14 dieser 27 Fälle.“ Einer ortsansässigen Gruppe von Verdächtigen laste man neun dieser 14 Taten an. Landesweit würden die Automaten-Sprengungen nicht aus einer Hand ermittelt, dafür seien die Fallzahlen zu gering.

Die Automatenindustrie versucht übrigens, die Täter abzuschrecken: Vor allem Geldautomaten enthalten Farbpatronen, die bei einer Explosion platzen und das enthaltene Geld wertlos machen.

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