Diskussion in Weil der Stadt Energiewende: Nichts tun hilft am allerwenigsten

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Spannende Diskussion: Wie ist die Energiewende zu schaffen, auch auf lokaler Ebene? Foto: factum/Jürgen Bach

Weil der Stadt - Wie lässt sich die Energie-Wende konkret und vor Ort schaffen und der Klimawandel aufhalten? Die große Resonanz auf eine Veranstaltung am Mittwochabend zeigt, wie sehr die Menschen dieses Thema bewegt: Über 100 Interessierte waren ins Klösterle gekommen, um einen Vortrag des Ingenieurwissenschaftlers und Solarpreisträgers Joachim Nitsch zum Thema zu hören. Im Anschluss ging es bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion, die Ulrike Otto, Redakteurin der Leonberger Kreiszeitung, moderierte, um konkrete Möglichkeiten, etwa Anlagen für erneuerbare Energien vor Ort zu schaffen. „Wir müssen erst schauen, wo stehen wir, dann fragen, wo wollen wir hin und schließlich, wie und mit welchen Mitteln schaffen wir das“, gab sie die Richtung vor.

Martin Schrade vom Energieforum Weil der Stadt hatte die Idee zu dieser Veranstaltung. Schon seit mehr als zehn Jahren betreibt das Forum zwei Bürgersolaranlagen auf der Stubenberghalle in Schafhausen. Jetzt möchte die Initiative unter dem Dach des Vereins Miteinander-Füreinander einen neuen Anlauf nehmen, in Weil der Stadt einen Arbeitskreis Klima/Energie zu bilden. Hans Müller, Vorsitzender von Miteinander-Füreinander, sagte Martin Schrade seine Unterstützung zu. Man möchte – ähnlich wie in Leonberg mit dem Energiekreis der Lokalen Agenda – eine Gruppe schaffen, bei der sich Bürger informieren können, wenn sie in Sachen erneuerbare Energien etwas tun wollen.

„Wir haben viel zu tun in Deutschland“

Dass Handeln angesagt ist, machte Joachim Nitsch deutlich. Der Wissenschaftler sagte, dass man zwar bei den erneuerbaren Energien schon einen Anteil von 18 Prozent in Deutschland habe, dass man aber wenig Erfolge bei der Senkung des Energieverbrauchs insgesamt verzeichnen könne. Seit 1990 sei dieser nur um neun Prozent zurückgegangen. Am kürzlich verabschiedeten Klimapaket der Bundesregierung übte Nitsch Kritik. Damit sei das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, nicht zu erreichen. Auch den Ausstoß der Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent zu verringern – im Vergleich zu 1990 – sei mit den geplanten Maßnahmen nicht zu schaffen. „Wir haben unglaublich viel zu tun in Deutschland“, mahnte er und nannte den Ausstieg aus der Kohle, Alternativen in der Wärmeversorgung, beim Verkehr („unser Sorgenkind“), bei Industrieprozessen, in der Landwirtschaft und Abfallwirtschaft. Die Zukunft sieht er beim Strom aus erneuerbaren Energien. Sonne und Wind gebe es genug, es fehle an den Anlagen.

Doch wie ist das zu schaffen, auch auf lokaler Ebene? Kommunale Wärmeleitpläne könnten als Grundlage für langfristig angelegte und kosteneffiziente Wärmeversorgung dienen. „Mischen Sie sich ein in die kommunalen Energieplanungen, werden Sie selbst aktiv“, forderte er das Publikum auf. Im Übrigen könne jeder selbst viel dazu beitragen, den Energieverbrauch zu verringern. Schon den Stand-by-Modus von Geräten auszuschalten und Energiesparlampen zu verwenden, würde etwas bringen.

„Allein mit Freiwilligkeit kommen wir nicht weiter“

Jürgen Katz, der Erste Beigeordnete von Weil der Stadt, sagte, dass man im Augenblick intensiv überlege, eigene Stadtwerke zu gründen. Man sei dabei, Dächer in der Stadt zu erfassen. Eventuell könne man eine Fläche für eine Bürgersolaranlage abgeben, weitere Anlagen könnte die Stadt selbst nutzen. Dafür erntete Katz reichlich Beifall von den Zuhörern. Berthold Hanfstein von der Energieagentur Kreis Böblingen gab zu Bedenken, dass dies in denkmalgeschützten Bereichen eventuell schwierig sein könnte. Man müsse auf die Gegebenheiten vor Ort achten. „Doch allein mit Freiwilligkeit kommen wir auch nicht weiter“, betonte er und wies auf eine Veranstaltung am 7. November hin, die sich unter dem Motto „Energiewende ist Chefsache“ an Unternehmer richtet. Auf den großen Dachflächen von Gewerbegebäuden gebe es Potenziale für Solaranlagen.

Auf die Frage von LKZ-Moderatorin Ulrike Otto, ob neben erneuerbaren Energien auch energetische Sanierung eine Rolle spiele, sagte Jürgen Katz mit Blick auf die Sanierung des Schulzentrums: „Das geht heute gar nicht mehr anders. Das steht bei uns bei den Gebäuden ganz oben. Viele Förderprogramme setzen das auch voraus, sonst gibt es keine Zuschüsse.“ Auch über den Bau von Blockheizkraftwerken denke man nach. Demnächst wolle man im Gemeinderat beschließen, dem Klimaschutzpakt Baden-Württemberg beizutreten. „Wir wollen uns auf den Weg machen und beispielsweise quartiersbezogene Energiekonzepte entwickeln.“

Appell: Engagieren Sie sich

Wie Bürger aktiv werden können, schilderte auch Rüdiger Beising vom Energiekreis der Lokalen Agenda Leonberg. Die Aktiven richteten auf geeigneten Dächern mehrere Solaranlagen ein, Bürger finanzierten dies mit dem Kauf von Anteilen. Inzwischen empfehle man aber, dass die Stadt solche Anlagen selbst baue und die gewonnene Energie auch in ihren Gebäuden nutze.

Martin Schrade appellierte noch einmal an die Besucher, sich im geplanten Arbeitskreis zu engagieren. „Die Bürger brauchen neutrale Informationen. Da ist Bedarf da, das zeigt der heutige Abend“, sagte Schrade. „In unserer Arbeitsgruppe wollen wir mithelfen, dass die Dinge vorangehen.“

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