Deutsche Journalistin in der Ukraine Als der Krieg kam, war sie bereits dort

Von Stefanie Keinath-Berk
Andrea Beer während ihres Vortrags im Leonberger Haus der Begegnung: Sie schilderte die Gräuel des Krieges.Foto: Simon Granville Foto:  

„Menschen werden gefoltert, Menschen werden gedemütigt, vergewaltigt, verlieren Angehörige, werden verletzt durch Raketen- und Artilleriebeschuss, durch Bomben, Minen, und Scharfschützen“, beginnt Journalistin Andrea Beer im Haus der Begegnung in Leonberg ihren Vortrag. Beer ist in Leonberg aufgewachsen, ihre Eltern Linde und Klaus Beer sind Mitglieder der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg, auf deren Einladung sie an diesem Abend spricht.

Seit November 2021 berichtet Beer mit Unterbrechungen aus der Ukraine. „Ich wurde zur Kriegsreporterin, ohne dass ich es beabsichtigt hatte.“ Als der Krieg kam, war sie bereits dort.

Beer spricht über die Zerstörung – aber auch über schöne Momente

Sie und ihre Kollegen von der ARD haben ihren Sitz in Kiew. „Wir fahren überall hin, wo wir glauben, dass es im Moment wichtig ist.“ Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, gefällt ihr persönlich besonders gut. „Im Nordosten der Stadt, Richtung Russland absolute Zerstörung“, erzählt sie und zeigt auf verstörende Bilder. Plötzlich scheint der Krieg nah zu sein. Beer spricht über diese Zerstörung, aber auch über schöne Momente in der Ukraine.

„Es war eiskalt, es war Luftalarm“, schmunzelt sie über einen lyrischen Abend, bei dem der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan völlig ungerührt während des Alarms aus seinem neuesten Gedichtband vorliest. „Das klingt jetzt dramatisch, aber wenn man den Luftalarm oft hört, gewöhnt man sich tatsächlich daran.“ Ein Bild von Zhadan, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, lesend, vor einer Wand, die mit als Ballons stilisierten Bomben verziert ist. Kunst und Krieg – so nah, so real. Doch nur so ist Überleben möglich.

KZ-Überlebende erleben noch einmal einen Krieg

Dann das Porträt eines alten Mannes, Anton Rudnew – Buchenwald-Überlebender. Nun sitzt der 97-Jährige alleine in seinem kleinen Haus in Charkiw und kann nicht fassen, in was für einem Albtraum er lebt. „Das ist natürlich hochdramatisch, weil ja auch Holocaust-Überlebende durch russische Angriffe ums Leben gekommen sind.“ Ihn und andere ehemalige KZ-Überlebende besucht Beer in ihrer Funktion als Ehrenamtliche beim Kolpingwerk regelmäßig, trinkt Kaffee mit ihnen, hört sich ihre Geschichten an.

„Das sind alles Menschen, die noch einmal einen Krieg erleben müssen, von einem Land, das sie unter Umständen aus den KZs befreit hat“, gibt sie zu denken. „Es gibt Orte, an denen die Menschen in den Keller gesperrt wurden, an der Schule 300 Menschen. Zum Teil sind sie erstickt“, erzählt Beer. Nach Aussage der Bewohner haben Angehörige der russischen Armee oben gehaust und sich alles angeeignet.

Bevor der Kanzler in die Ukraine reiste, bekommt Beer auch solche Sätze zu hören: „Wann kommt denn Olaf Scholz endlich, wir finden ihn scheiße.“ Als die Getreide-Geschichte losgeht, befinden sich Beer und ihr Team in Odessa. „Die waren sehr nervös. Der Hafen dort ist militärisches Sperrgebiet.“ Filmarbeiten sind strikt verboten. Sie als Radiojournalistin hat es einfacher. Um die Atmosphäre einzufangen, lässt sie ihr Aufnahmegerät laufen. „Kollaboration ist ein sehr wichtiges und schmerzhaftes Thema in der Ukraine“, erklärt sie. Selbst im Staatsapparat gibt es Kräfte, die mit Russland kooperieren. „Warum der Süden von Cherson so einfach eingenommen werden konnte“, eine These, die keine mehr ist, berichtet sie.

Die Verzweiflung der Menschen ist immer wieder zu spüren

Viel muss in der Ukraine aufgearbeitet werden. Wie verzweifelt die Menschen sind, bekommt Beer immer wieder zu spüren. Flüchtende Menschen, die wochenlang auf dem Boden nächtigen. Kinder, die mit der Situation nicht klar kommen, deren Hass sich auf die nächsten Angehörigen entlädt. Es ist eine schwierige Situation. In Isjum hat sie Reporterglück, trifft Präsident Wolodymyr Selenskyj. „Er schien uns sehr bedrückt.“ Am nächsten Tag dann die Information über das Massengrab. „Meine Tochter hat gesagt, dass sie jetzt auch gerne Russen töten möchte“, berichtet ihr ein Polizist in Isjum traurig. Traumatisierte Kinder, die Verstörendes von sich geben – eine andere, hässliche Facette des brutalen Angriffskriegs.

Bei der Exhumierung der ersten Toten ist sie nah dran. Wieder ein Bild, das die traurige Realität und die Hässlichkeit dieses Krieges zeigt – weiße Leichensäcke. „Wir haben selber gesehen, dass sie zum Teil auf dem Rücken zusammen gebundene Hände hatten und Schlingen um den Hals.“ Dann das Bild der dreijährigen Milenka mit Teddy im Arm. „Sie sitzt schon fast routiniert im Keller, neben ihr die Großmutter“, wie Beer erzählt. Negativ beeindruckend findet sie, dass Milenka die Sirenen mittlerweile nachahmt. Kinderbetten stehen unter dicken Rohren, Spielzeug liegt neben Decken und Kissen.

Sich mit der Situation zu arrangieren ist nötig. Flucht kommt für diese Leute nicht in Frage. „Solange unser Haus steht, hoffen wir, dass unsere Armee die Russen aufhalten kann“, bekommt Beer immer wieder zu hören und wird schon bald wieder aus der Ukraine berichten.

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