Coronavirus und die Liebe zum Haustier Auf den Hund gekommen

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Wer könnte diesem Blick widerstehen? Golden Retriever gehören zu den besonders beliebten Hunderassen. Foto: //kb-photodesign

Stuttgart - Das ersehnte Happy End fand in dieser Woche statt: Familie Frenzel aus Bad Cannstatt saß in ihrem VW-Bus und fuhr voller Vorfreude auf die Schwäbische Alb. Die beiden Kinder waren höllisch aufgeregt – wussten sie doch, dass auf der Rückreise ein neues und vermutlich noch aufgeregteres Familienmitglied auf dem Rücksitz Platz nehmen und in sein künftiges Leben starten wird: Jipe, ein zehn Wochen alter Australian-Shepherd-Rüde mit schwarzem Fell und weißen Pfoten, der so sehnlich gewünschte Familienhund. Die Frenzels fühlen sich „wie Lottogewinner“.

Nach jahrelanger Überlegung hatte die Familie vor rund drei Monaten entschieden, dass die Zeit gekommen ist, sich Verstärkung zu holen und einem Hund ein neues Zuhause zu geben. Dummerweise war es genau jene Zeit, in der die Corona-Krise begann – und unzählige weitere Tierfreunde feststellten, was Loriot schon immer wusste: dass ein Leben ohne Hund möglich, aber sinnlos ist. Nie zuvor gab es so viele Menschen, die sich einen vierbeinigen Begleiter wünschen.

Homeoffice und Kurzarbeit, Kontaktsperre und die Sehnsucht nach Gesellschaft tragen dazu bei, dass die Nachfrage regelrecht explodiert ist. Sie übersteigt das Angebot um ein Vielfaches – vor allem bei beliebten Rassen wie Retrievern, Bulldoggen, Border Collies oder Rauhaardackeln. Die Schließung der Grenzen hat die Situation zusätzlich verschärft, da keine Welpen mehr aus Osteuropa nach Deutschland kommen, sei es auf legalem oder illegalem Wege.

Die Frenzels haben bei ihrer Suche schnell gemerkt, wie groß die Konkurrenz ist. Mehrmals täglich durchforsteten sie die einschlägigen Haustierportale im Internet, studierten die Kleinanzeigen in Tageszeitungen und Wochenblättern und fragten im Bekanntenkreis nach möglichen Geheimtipps. Bald weiteten sie ihre Recherchen auf ganz Deutschland aus – „von der dänischen Grenze bis in den Bayerischen Wald“, wie Dirk Frenzel berichtet. Und mussten feststellen, dass ein Welpe derzeit noch schwerer zu bekommen ist als eine günstige Altbauwohnung im Stuttgarter Westen.

Die Züchter werden überrollt

Rund zwei Dutzend Züchter hat der Familienvater kontaktiert – und, sofern er überhaupt eine Antwort bekam, zunächst lauter Absagen erhalten. Entweder war der gesamte Wurf bereits vergeben; oder es gab Interessenten, deren Bewerbung dem Züchter noch besser gefiel, obwohl die Frenzels über Hundeerfahrung verfügen, einen weitläufigen Garten hinterm Haus haben und ihre Freizeit am liebsten im Grünen verbringen. Auch ein Eintrag in die Wartelisten versprach wenig Aussicht auf Erfolg. Nicht selten sind Welpen bereits per Anzahlung reserviert, noch ehe die Hundemama überhaupt begattet wurde.

Neue Inserate bei Ebay-Kleinanzeigen oder Deine-Tierwelt.de verzeichnen in diesen Wochen bereits nach kürzester Zeit Zugriffszahlen in mittlerer vierstelliger Höhe. Professionelle und private Züchter werden häufig von einer Lawine überrollt, die sie dazu veranlasst, ihr Angebot umgehend wieder aus dem Netz zu nehmen – sofern sie ihre Welpen überhaupt noch auf diesem Wege anbieten. „Die meisten Züchter veröffentlichen ihre Würfe gar nicht mehr“, sagt Frank Röhrig, Vorsitzender des Labrador-Clubs Deutschland.

Auch Olga Lindörfer konnte nicht ahnen, was auf sie zukommen würde. Der Zufall wollte es, dass die Hundeliebhaberin aus der Nähe von Pforzheim mitten in der ­Corona-Krise unter die Hobbyzüchter gegangen ist. Im Februar ließ sie ihre braune Labradorhündin Flipsi decken – Ende ­April erblickten acht knuffige Welpen das Licht der Welt und springen seither im Wohnzimmer des Reihenhauses umher. Als sie die Tiere zum Kauf anbot, verging kein Tag, bis der ganze Wurf restlos vergeben war. „Ich hätte auch 40 Welpen an den Mann bringen können“, sagt Olga Lindörfer, die von Anfragen aus ganz Deutschland überschüttet wurde.

Jetzt haben auch ältere Vierbeiner eine Chance

Die plötzliche Inflation an Hundefreunden beschert den Züchtern florierende Geschäfte – und den Tierheimen jede Menge Arbeit. Zwar sind die Einrichtungen in den ersten Monaten der Corona-Pandemie geschlossen gewesen – das Interesse an den dort untergekommenen Katzen, Vögeln und nicht zuletzt Hunden war dennoch größer als je zuvor. Das Tierheim in Stuttgart-Botnang, für Interessenten seit Anfang Juni wieder geöffnet, erreichten in den vergangenen Wochen täglich rund 80 Anfragen – ungleich mehr als in normalen Zeiten. Etwa ein Drittel ist auf der Suche nach einem Hund.

Der Vorteil der so sprunghaft gestiegenen Nachfrage: auch kranke, alte, bislang schwer vermittelbare Vierbeiner haben jetzt deutlich bessere Chancen, ein neues Zuhause zu finden. Der Nachteil: der Wunsch nach einem Haustier basiert in diesen Wochen viel häufiger nicht auf reiflicher Überlegung, sondern einer kurzfristigen Eingebung während der größer gewordenen Freizeit. Die Frage ist daher: Wie ergeht es den Hunden nach der Corona-Krise? Was passiert, wenn die frisch gebackenen Frauchen und Herrchen wieder täglich zur Arbeit müssen und feststellen, dass ihr neues Familienmitglied auch dann noch viel Pflege, Zeit und Aufmerksamkeit benötigt?

„Wir fragen bei Interessenten jetzt noch kritischer nach und wollen noch genauer wissen, warum sie sich einen Hund wünschen“, sagt Marion Wünn, Leiterin des Stuttgarter Tierheims. Auf diese Weise solle sichergestellt werden, dass die Rücklaufquote der vermittelten Hunde so „verschwindend gering“ bleibt, wie sie schon in Vor-Corona-Zeiten war. Allerdings kann auch Marion Wünn nicht ausschließen, dass nach der Corona-Krise viele neue Gäste um Aufnahme im Tierheim bitten – abgegeben von entnervten Haltern, denen die Gesellschaft und die Ansprüche von Waldi, Bello oder Rex im Alltag dann doch zu stressig geworden sind.

Die Frenzels haben sich akribisch vorbereitet

Auch die seriösen Züchter, denen es nicht um den schnellen Euro, sondern um eine behütete Zukunft ihrer Welpen geht, schauen derzeit noch genauer hin, in welche Hände sie ihre Zöglinge abgeben. Sie haben bei der Vergabe ohnehin die freie Auswahl. „Die Gefahr, dass man sich Hunde aus einer kurzfristigen Laune heraus oder aus reiner Langeweile zulegt, ist momentan natürlich besonders groß“, sagt Ulrich Reidenbach vom baden-württembergischen Landesverband für Hundewesen. Sorge bereitet ihm auch, dass sich die Hundehalter in spe nicht ausreichend informieren und sich weniger für die Wesensmerkmale der unterschiedlichen Rassen, sondern viel mehr für die Optik interessieren. Großer Beliebtheit erfreue sich derzeit beispielsweise der Rhodesian Ridgeback – ein Hund von edlem Aussehen, der ursprünglich für die Löwenjagd in Afrika gezüchtet wurde. „In einer kleinen Stadtwohnung tut man solch einem Tier natürlich keinen Gefallen“, sagt Reidenbach.

Von der Unkenntnis der Konkurrenz profitierten am Ende auch die Frenzels aus Bad Cannstatt. Sie hatten sich akribisch vorbereitet, als sie es endlich schafften, sich bei dem Australian-Shepherd-Züchter auf der Alb persönlich vorstellen zu dürfen. „Eine Ehre“, wie der Gastgeber zur Begrüßung wissen ließ. Als Bilderbuchfamilie mit ausgeprägtem Fachwissen präsentierten sie sich bei ihrem Antrittsbesuch – und überzeugten deutlich mehr als jener Mitbewerber, der am Telefon als Erstes nach der Kontonummer des Züchters fragte und versprach, noch am gleichen Tag 3000 Euro zu überweisen.

Der Fürsorgegedanke des Züchters war glücklicherweise ausgeprägter als sein Geschäftssinn. Er sagte ab, als sich bei der ersten Rückfrage herausstellte, dass der Anrufer nicht einmal die Rasse kannte.

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