Coronavirus und Chorgesang „Masken verringern die Viruslast“

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Die Stuttgarter Kantorei in Vor-Corona-Zeiten – mit so wenig Abstand wie hier dürfen Chöre heute nicht mehr proben und auftreten. Foto: /Foto:Michele

Freiburg - Die beiden Leiter des Freiburger Instituts für Musikermedizin, Claudia Spahn und Bernhard Richter, haben im Mai eine aktuelle „Risikoeinschätzung einer Corona-Infektion im Bereich Musik“ herausgegeben. Sie enthält wertvolle Tipps für Instrumentalisten und für Chorsänger.

Frau Spahn, Herr Richter, wann wird das Musikleben endlich wieder so, wie es mal war?

Spahn: Da wir keine Propheten sind, können wir diese Frage nicht eindeutig beantworten. Wir schauen auf verschiedene Einflussfaktoren, und da wir derzeit eine positive Entwicklung der Infektionszahlen haben, wird auch in der Musik immer mehr möglich – es sei denn, im Herbst kommt eine neue Infektionswelle.

Richter: Das Musikleben wird sich erst dann wieder normalisieren, wenn es eine Impfung und wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt. Denken Sie nur an die Pocken, eine Infektionskrankheit, die lange sehr bedrohlich war: Heute ist sie durch weltweites konsequentes Impfen verschwunden.

Was ist das Besondere bei Covid-19?

Spahn: Dass es unser Sozialverhalten berührt. Diese Krankheit ist eine Bedrohung nicht nur für unsere körperliche, sondern auch für unsere seelische Gesundheit.

Wie gehen Sie als Wissenschaftler damit um?

Richter: Wir sind Teil eines lernenden Systems, und wir stehen noch am Anfang – wie Musiker, die sich einem Stück annähern, indem sie es erst einmal vom Blatt spielen.

Wissen Sie mittlerweile, wie gefährlich das Singen ist und was dabei das größte Risiko darstellt?

Richter: Am Anfang der Pandemie gingen das Robert Koch-Institut und die WHO noch davon aus, das Virus würde sich hauptsächlich über Tröpfchen- und Schmierinfektion verbreiten, die Ausbreitung der kleinen Aerosole spiele also keine große Rolle. Heute weiß man, dass es drei Gefahren beim Chorsingen gibt: wenn Abstände nicht eingehalten werden, wenn Proben sehr lange dauern und wenn die Räume im Verhältnis zur Anzahl der Personen zu klein sind. Welche Gefahr die größte ist, konnte bis heute noch nicht geklärt werden. Aber stark in den Vordergrund gerückt ist die Übertragung über virushaltige Aerosole. Ich persönlich gehe davon aus, dass die Raumgröße, die Dauer des Musizierens und die Anzahl der Menschen die entscheidenden Faktoren sind – und mit der Raumfrage geht auch die Frage nach der Lüftung einher.

Also empfehlen Sie das Singen im Freien?

Spahn: Schon die Herkunft des Wortes Chor verweist auf eine alte kulturelle Open-Air-Tradition. Daran können wir heute anknüpfen. Unsere Gesellschaft musste in den letzten Monaten lieb gewordene Gewohnheiten und Gewissheiten aufgeben und sehr viel Neues ausprobieren, und das könnte man auch in der kulturellen Praxis tun. Warum soll man nicht draußen proben?

Richter: Viele, die sich zum Beispiel zurzeit gegen unseren Vorschlag wehren, mit Mund-Nasen-Schutz zu singen, haben das noch gar nicht versucht. Als wir vor 15 Jahren zum Gehörschutz im Orchester geforscht haben, sind wir seitens der Musiker ebenfalls auf große Widerstände gestoßen – heute gehört der Gehörschutz im Profi-Bereich fast schon zum Alltag.

Sie haben sich eingehend mit der Infektion durch Tröpfchen beschäftigt. Was haben Sie dabei herausgefunden?

Spahn: In einer Studie mit den Bamberger Symphonikern ging es um die Luftbewegungen beim Singen und Blasen. Damals hatte die Unfallversicherung bei Bläsern einen Abstand von zwölf Metern gefordert – was wohl auch auf dem Klischee beruhte, dass man in Blasinstrumente rein pustet, und dann käme aus dem Trichter ein wahnsinniger Luftstrahl, der alle Menschen im Raum mit Viruspartikeln überschüttet. Man wusste bereits, dass das nicht stimmt – schließlich wurde bei Sängern schon festgestellt, dass eine Kerze direkt vor dem Mund kaum flackert, wenn sie laut angesungen wird. Schallausbreitung braucht keine große Luftbewegung. Unsere Versuche bei Bläsern bestätigten, dass schon in 1,50 Metern Abstand vom Austrittsort des Schalls keine Luftbewegung über das Normale hinaus mehr messbar ist. Deshalb empfehlen wir, um einer Tröpfcheninfektion vorzubeugen, bei Bläsern wie bei Sängern einen Sicherheitsabstand von zwei Metern.

Und welche Rolle spielen nun die Aerosole?

Richter: Sie sind entscheidend bei der Übertragung etwa von Windpocken und Tuberkulose, und nach den Infektionswellen bei Chören, die in geschlossenen Räumen geprobt hatten, nimmt man an, dass sie auch bei Covid-19 eine Rolle spielen können. Das ist aber nur eine Korrelation, kein Kausalnachweis. Die zentrale Frage ist, wie viele überlebens- oder infektionsfähige Viren in Aerosolen enthalten sind, und dazu gibt es zurzeit noch nicht viele fundierte Erkenntnisse. Man weiß mittlerweile um die Existenz so genannter Superspreader, also Infizierter, die deutlich mehr virushaltige Aerosole ausstoßen als andere. Es ist aber sehr schwierig herauszufinden, wo genau die Aerosole hingehen und welche Größe sie haben – was nicht unwichtig ist, weil davon abhängt, ob die Viren in ihnen vertrocknen oder überlebensfähig sind. Die Ausbreitung der Aerosole wiederum hängt von der Raumgröße, der Raumtemperatur und der Lüftung ab. Bei einer hohen Luftwechselrate ist das Anreichern von virushaltigen Aerosolen im Raum unwahrscheinlicher als bei einer niedrigen. Diese zahlreichen Einflussfaktoren sind nicht leicht zu untersuchen.

Und dazu gibt es noch keine verlässlichen Erkenntnisse?

Richter: Die Zeit, in der sich virushaltige Aerosole in der Luft ansammeln, scheint ein entscheidender Faktor zu sein. 15 Minuten gelten in der Medizin als die Zeit, in der man sich mit einem Infizierten in einem Raum aufhalten kann, ohne dass eine direkte Infektion zu befürchten ist. Aber auch diese allgemeine Annahme ist bei Covid-19 bisher nicht im Detail wissenschaftlich untersucht, dazu ist die Krankheit zu neu.

Spahn: Wir finden es wichtig, dass interdisziplinär zu diesem Thema geforscht und dass keine Frage isoliert gesehen wird. Man muss unterscheiden zwischen dem Infektions- und dem Erkrankungsrisiko. Und man muss Chöre, bei denen viele Mitglieder zu Risikogruppen gehören oder sehr alt sind, anders beurteilen als junge Vokalensembles.

Warum raten Sie zu einem Mund-Nasen-Schutz bei Chorproben?

Richter: Auf die Viruslast in den Aerosolen scheint der Mund-Nasen-Schutz einen positiven Effekt zu haben, wie es aktuell unterschiedliche Arbeitsgruppen beschrieben haben. Natürlich werden nicht alle Aerosole am Austreten gehindert, aber in den chirurgischen Masken wird die Viruslast der austretenden Aerosole augenscheinlich deutlich vermindert, unter anderem wohl durch elektrostatische Effekte. Ein chirurgischer Mund-Nasen-Schutz verändert den Klang kaum, und man kann damit sehr gut atmen. In Kombination mit Hygieneregeln und mit einem gut belüfteten, größeren Saal könnten Gesichtsmasken Chorproben auch in geschlossenen Räumen wieder möglich machen.

Ist Singen riskanter als Sprechen?

Richter: Das weiß bisher keiner genau. Aber nach den neuesten Studien aus Berlin ist zu vermuten, dass beim Singen mehr Aerosole entstehen.

Und wie ist das bei Blasinstrumenten?

Spahn: Die einzelnen Blasinstrumente müssen differenziert betrachtet werden. Wegen des direkten Luftaustritts beim Querflötenansatz gibt es hier die größten Fragen. Tatsächlich aber haben wir bei den Messungen in Bamberg herausgefunden, dass es sogar rechts und links einer Querflötistin keine besonderen Luftbewegungen gab und dass auch das Abspalten des Luftstrahls am Mundstück keine Luftbewegungen im Abstand von zwei Metern verursachte. Auch die Tuba scheint diesbezüglich nicht gefährlicher zu sein als andere Instrumente. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier über die Tröpfchen. Wie es sich mit Aerosolen verhält, ist eine andere Frage.

Bläser müssen also nicht mit mehr Abstand platziert werden als Streicher?

Spahn: Wir raten der Einfachheit halber dazu, beim empfohlenen Zwei-Meter-Radius zu bleiben. Musiker sind ja keine Salzsäulen, sie sollen sich beim Spielen auch ein bisschen bewegen dürfen.

Richter: Wenn man diesen Abstand wahrt, ist es leider nicht möglich, jetzt gleich wieder mit einem 100-Mann-Wagner- oder –Puccini-Orchester einzusteigen. Aber man kann schon mal im kleineren Ensemble musizieren.

Spahn: Es wäre toll, wenn wir es im Profibereich machen könnten wie die Fußballer: indem wir einfach alle Orchestermusiker testen. Das hat allerdings auch etwas mit Geld zu tun. Eine Frage, die uns umtreibt, ist: Was macht Musizieren riskanter als andere soziale Aktivitäten? Gibt es Studien etwa zu Fitnessstudios? Schließlich keuchen die Leute dort auch, atmen tief ein und aus. Der Vergleich muss erlaubt sein. Und es sollte auf keinen Fall passieren, dass Singen und Musizieren auf Dauer mit etwas Gefährlichem assoziiert würden. Das wäre ein Schock, der lange bleiben könnte.

Weitere Informationen

Biografien der Experten:

Claudia Spahn, Jahrgang 1963 hat Medizin und Musik studiert. Die Fachärztin für psychotherapeutische Medizin ist habilitierte Medizinerin und Professorin für Musikermedizin. Ihr Behandlungsschwerpunkt liegt auf der integrierten psychosomatischen Behandlung von Musikern sowie auf der psychotherapeutischen Behandlung von Auftrittsängsten.

Bernhard Richter, Jahrgang 1962, ist ausgebildeter Sänger und hat sich nach zwei Facharzt-Ausbildungen (HNO, Phoniater/Pädaudiologe) als Mediziner habilitiert. Als Professor für Musikermedizin mit Schwerpunkt künstlerische Stimmbildung leitet er gemeinsam mit Claudia Spahn das Freiburger Institut für Musikermedizin, eine gemeinsame Einrichtung der Musikhochschule und der Universität Freiburg.

Dies sind die Empfehlungen der Freiburger Musikermediziner für Chöre:

– In-coming-Kontrolle: Die Chorsänger werden nach Vorerkrankungen, Symptomen und Kontakten zu Corona-Infizierten befragt, evtl. mit Fiebermessen.

– Musizieren im Freien. Falls das nicht möglich ist: ausreichend große Räume, regelmäßige Stoßlüftung nach jeweils 15 Minuten

– Mund-Nasen-Schutz

– Abstand von je 2 Meter Radius pro Sänger

– Mehr Infos: https://www.mh-freiburg.de/hochschule/covid-19-corona/risikoeinschaetzung

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