Coronavirus in Leonberg Pferdemarkt-Absage trifft Schausteller hart

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Im Reiterstadion, wo beim Pferdemarkt die Prämierungen stattfinden, bleibt es auch im Februar 2022 ruhig. Foto: Kathrin Klette

Leonberg - Mit großer Wehmut – und gleichzeitigem Verständnis – hat Gerhard Ziegler, der Oberrichter des Leonberger Pferdemarkts, die Nachricht über die Absage der Traditionsveranstaltung im Februar 2022 aufgenommen. „Wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt die Entwicklung der Pandemie betrachte, wäre es unverantwortlich, ihn durchzuführen“, sagt der Präsident des Pferdesportverbandes Baden-Württemberg, der in all den Jahren drei Absagen miterleben musste. Zwei coronabedingte, „und 1966, da war ich noch ein Kind, wegen der für Tiere tödlichen Maul- und Klauenseuche“. Von einem Pferdemarkt in abgespeckter Form hält der Ditzinger, der im kommenden Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, nicht viel. „Die Veranstaltung lebt vom Umzug, vom Menschengedränge, vom Rummel. Wenn alles reduziert würde, wäre es kein Pferdemarkt.“

Doppel-Olympiasiegerin im Gespräch

Gerhard Ziegler ist im Pferdesport bestens vernetzt und knüpft auch stets die Kontakte, wenn es beispielsweise um die Auswahl der Kandidaten für das Seminar für Reitlehrer im Reiterzentrum Tilgshäusle geht. Für das kommende Jahr war er bereits mit Jessica von Bredow-Werndl (Aubenhausen Oberbayern), der aktuellen Doppel-Olympiasiegerin in der Dressur, im Gespräch. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Für den Berufsreiter Jörg Widmaier, der im Benzenbühl sein Pferdesportzentrum betreibt, kam die Absage nicht überraschend. „In der aktuellen Situation eine vernünftige Entscheidung. Aber für alle Beteiligte ist das natürlich sehr schade, vor allem für die Leonberger, weil der Pferdemarkt zu Leonberg gehört“, sagt Jörg Widmaier, der in diesem Jahr am Pferdemarkt-Dienstag seinen Vater Günter auf der Kutschfahrt durch die Stadt zum Gedenken an das ausgefallene Fest begleitete.

„Werden erneut zurückgeworfen“

Seit nunmehr 70 Jahren kommt die Familie Roschmann auf den Leonberger Pferdemarkt, organisiert seit Jahrzehnten den Rummel auf dem Festplatz in der Steinstraße. Die erneute coronabedingte Absage trifft Mark Roschmann sehr hart. „Das ist der nächste Schlag nach der Absage der Weihnachtsmärkte. Wir befinden uns in einer Dauerschleife und der ganze Berufszweig ist in Gefahr“, sagt der 40-Jährige, der mit seinen beiden Geschwistern David und Sarah-Lena die Schausteller-Tradition der Familie in vierter Generation fortsetzt. Zudem ist er der Vorsitzende des Schaustellerverbandes Südwest Stuttgart.

Zuletzt hatte er im November einen sogenannten Pop-up-Park in Kirchheim unter Corona-Auflagen auf die Beine gestellt. „Das hat den Umständen entsprechend gut funktioniert, und wir dachten, das ist endlich wieder ein gutes Zeichen, bis die Inzidenzzahlen wieder in die Höhe schnellten. Jetzt wurden wir erneut zurückgeworfen.“ Normalerweise stemmt er 60 Veranstaltungen im Jahr. 2021 waren es nur sechs – mit harten Auflagen.

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Mit den Überbrückungshilfen könne man sich einigermaßen über Wasser halten. „Besser die halbe Miete als gar keine. Doch das Land kann ja nicht endlos Geld reinstecken, irgendwann bricht das alles mal zusammen. Außerdem wollen wir selbst unser Geld verdienen und unserer Arbeit, die wir mit Herzblut machen, nachgehen. Für die Psyche ist das gerade nicht einfach.“ Vor allem nach Leonberg kommt Mark Roschmann immer gerne, weil er dort familiäre Wurzeln hat. Der Urgroßvater, der aus Gerlingen stammt, zog nach der Hochzeit zu seiner Frau nach Eltingen in die Bruckenbachstraße.

Schausteller will Rummel schnell nachholen

Mark Roschmann selbst wohnt mit seiner Frau und den beiden schulpflichtigen Kindern in Eislingen. Nachdem er Ende der vergangenen Woche von der Stadt Leonberg die Absage des Pferdemarkts erhalten hatte, schrieb er gleich zurück und bekundete sein großes Interesse, den Rummel möglichst bald – losgelöst vom Pferdemarkt – nachholen zu wollen. „Wir vermissen ja auch die Menschen.“

Auch im Leonberger Rathaus ist man über die erneute Absage alles andere als erfreut. „Der Pferdemarkt ist das Traditionsfest der Stadt Leonberg. Darüber hinaus auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Bürgerinnen und Bürger müssen erneut auf einen Höhepunkt des Jahres verzichten“, sagt Karin Kießling-Emhardt vom Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Stadt stehe mit allen Veranstaltungspartnern im Dialog, die die Absage auch mittragen. „Wir sind zuversichtlich, dass kein Partner verloren geht“, so Karin Kießling-Emhardt.

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Für den Pferdemarkt 2022 waren etwa 400 000 Euro im städtischen Haushalt eingestellt, die nun nicht ausgegeben werden. Demgegenüber stehen diverse Einnahmen von knapp 25 000 Euro, die der Stadt entgehen. Dies umfasst etwa 15 000 Euro Standmieten, Teilnehmer-Beiträge, Prämierungen (Pferdeschau und Gespannwettbewerb) von 5000 Euro und die Festplatzmiete von 4500 Euro.

Das Amt für Kultur und Sport arbeite seit geraumer Zeit an der Überarbeitung des Pferdemarkt-Marketings. „Diese Arbeiten werden selbstverständlich weitergehen, weil alle künftigen Pferdemärkte davon profitieren werden“, sagt Karin Kießling-Emhardt.

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