Coronavirus Der Kampfbegriff „Zweite Welle“ – und was dahinter steckt

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  Foto: dpa/Christoph Schmidt

Genf - Es tönt wie eine Drohung, die Sache mit der zweiten Welle bei den Corona-Ansteckungen: sammelt das Virus irgendwo im Verborgenen neue Kräfte, die bald über die Welt hereinbrechen wie eine tödliche Welle in einem schrecklichen Sturm? Fordern die Menschen das Virus heraus, indem sie bei den Vorsichtsmaßnahmen nachlassen und die zweite Welle damit geradezu heraufbeschwören?

Die Expertenmeinungen gehen auseinander, ob man überhaupt von Wellen sprechen soll und was genau damit gemeint ist. Von Wellen sei wohl die Rede, weil die Fallzahlen oft in Kurven dargestellt werden, die wie Wellen aussehen, sagt Heiner Fangerau vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uni Düsseldorf. Pandemien verliefen aber nicht zwangsläufig in Wellen. „Die Pest grassierte mehr als sieben Jahre lang, da kann man nicht von Wellen sprechen, und bei der Cholera auch nicht.“

Robert Koch-Institut: keine Definition für eine Welle

Bei der Spanischen Grippe 1918/1919 heiße es zwar auch, die „zweite Welle“ sei schlimmer gewesen als die erste, aber Fangerau, der die Coronavirus-Pandemie gerade in einem Buch mit Alfons Labisch in ihrer historischen Dimensionen beleuchtet („Pest und Corona“), formuliert es anders: „Bei der Spanischen Grippe gab es den Effekt, dass nach einem Gipfel im Frühjahr erst im Herbst und Winter wieder mehr Menschen erkrankten als im Sommer.“

Das für Krankheitsüberwachung in Deutschland zuständige Robert Koch-Institut (RKI) hat keine Definition für eine Welle in einem Infektionsgeschehen. Ob und wann Infektionen nach einem Abflauen wieder ansteigen, hänge etwa von Schutzmaßnahmen, dem Reiseverhalten der Menschen oder auch davon ab, ob ein Virus sich im Sommer wegen höherer Temperaturen oder der UV-Strahlung schlechter ausbreite.

Zum letzten Punkt verweist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf die USA, wo die gemeldeten Infektionen gerade im Sommer rasant gestiegen sind. „Die Jahreszeit scheint die Ansteckungen im Moment nicht zu beeinflussen“, sagt WHO-Sprecherin Margaret Harris. „Was das Infektionsgeschehen aber beeinflusst, sind Massenveranstaltungen, sich mit Leuten treffen und keinen Abstand halten.“

Das Verhalten der Menschen dürfte beim Coronavirus ausschlaggebend sein, sagen viele Experten. Wenn viele aus dem Urlaub zurückkehren, zur Arbeit gehen und dort dann wieder mit mehr Menschen auf engerem Raum zusammen sind, wenn es draußen kühler wird und Aktivitäten wieder vermehrt in Räumen stattfinden, dann kann das Virus wieder besser von Mensch zu Mensch springen.

Was stecht hinter dem Begriff Welle?

In Deutschland wurden auf dem Höhepunkt der Pandemie im März mehrere Tausend Ansteckungen pro Tag gemeldet. Im Juni waren es nur noch einige Hundert. Seitdem steigen die Zahlen aber wieder, wie auch in Israel, Spanien und anderen Ländern. RKI-Präsident Lothar Wieler sagte Ende Juli, die Entwicklung bereite ihm „große Sorgen“.

Wenn das Wort Welle rein als Beschreibung der steigenden, fallenden und wieder steigenden Fallzahlen gemeint ist, ist auch Dirk Brockmann von der Berliner Humboldt-Universität an Bord. Der Physiker ist Spezialist für computergestützte Epidemiologie und macht Modelle, wie Pandemien sich entwickeln. Doch bei Corona ist das sehr schwierig.

„Ich mache das seit 15 Jahren, aber diese Sache ist für die Modellierer wirklich Neuland“, sagt er. Das Neue ist ein Virus, dessen Ausbreitung durch Verhaltensänderungen beeinflusst werde. Bei der letzten Pandemie, der Schweinegrippe 2009, habe sich das Virus ohne große Gefahr für den Menschen ausgebreitet und es habe praktisch keine Verhaltensänderungen gegeben. Wie genau reagieren die Menschen aber nun bei Corona? Ändern sie ihr Reise- und Ausgehverhalten? Ändern sie ihre Kontaktnetzwerke? Wie verändert sich die Gesellschaft? „Diese Wechselwirkung, das fängt erst jetzt an, dass man dies in Modellierungen berücksichtigt“, sagt Brockmann.

Modelle funktionierten zur Zeit höchstens mit Vorhersagen wie diesen: WENN die Menschen sich so verhalten wie vor der Pandemie, gehen die Infektionszahlen wieder nach oben. WENN alle Menschen eine Maske tragen, reduziert dies die Neuinfektionen um x Prozent - „Man kann an den Modellen sehen, welche Maßnahmen funktionieren“, sagt Brockmann.

Lektionen aus der historischen Betrachtung von Pandemien

Wenn WHO-Nothilfekoordinator Michael Ryan auf die zweite Welle angesprochen wird, steigt bei dem unverblümten Iren sichtbar der Puls. Sich am runden Tisch die Köpfe über eine zweite Welle heiß zu reden, bringe nichts, sagt er immer wieder. „Wir können akademisch über eine zweite Welle streiten, aber das ist nicht die Diskussion, die wir brauchen“, sagt er dann. Es gehe darum, das Virus zu unterdrücken, mit allen dafür nötigen Maßnahmen, Welle hin oder her.

Fangerau zieht zwei Lektionen aus der historischen Betrachtung von Pandemien: „Erstens: wir müssen uns darauf einstellen, mit dem Virus zu leben. Nur die Pocken sind weltweit bislang ausgerottet worden, und das hat trotz Impfstoff Jahrzehnte gedauert“, sagt er. „Zweitens: Wir müssen auf Prävention setzen, um Ansteckungen auf ein Minimum zu begrenzen.“ Dazu gehörten Verhaltensregeln, aber auch die Beseitigung von Infektionsherden. Bei der Cholera sei es die Reinigung von Wasser in Städten gewesen. Heute seien dies zum Beispiel eine Änderung der Wohn- und Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter von Schlachtbetrieben.

Brockmann arbeitet mit seinem Team jetzt an einem anderen Beitrag zur Virusbekämpfung: 530 000 Menschen in ganz Deutschland „spenden“ dem Team Daten von Fitnesstrackern über Herzrate und Schrittzahl. Die Wissenschaftler können daraus regionale Fieberkurven basteln, die ein Indikator für Corona-Hotspots sein können. „Wenn alles funktioniert, können wir schon ein Signal sehen, bevor die Menschen überhaupt zum Arzt gehen“, sagt er. Damit könnten gezielt und frühzeitig in betroffenen Regionen Corona-Tests gemacht und bei Bedarf Quarantäne verhängt und die Ausbreitung des Virus verhindert werden.

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