Coronabilanz Ein Virus versetzt die Welt in Angst

Von Werner Ludwig
Ein erster Tiefpunkt der Pandemie: Im italienischen Bergamo muss im März 2020 das Militär aushelfen, um die vielen Särge mit Corona-Opfern abzutransportieren. Später waren andere Länder die Sorgenkinder. Foto: imago//Carlo Cozzoli

„Es geht darum, Menschenleben zu retten“ – mit dieser Formel haben deutsche Politiker seit Beginn der Pandemie die teilweise drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus begründet. Doch wie gut wurde dieses Ziel tatsächlich erreicht? Setzt man die Zahl der coronabedingten Todesfälle im gesamten Verlauf der Pandemie in Relation zur Bevölkerung, liegt Deutschland Stand Mitte Mai mit gut 1600 Toten pro eine Million Einwohner international im oberen Drittel. Viele Nachbarländer, aber auch die USA und Großbritannien verzeichnen deutlich höhere Werte.

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Trotzdem sind viele Experten der Ansicht, dass Deutschland beim Schutz von Menschenleben ein gutes Stück hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben ist. So gilt es heute als großer Fehler, dass die damalige Bundesregierung im Herbst 2020 trotz beängstigender Modellrechnungen zunächst lange zögerte, bevor sie strenge Kontaktbeschränkungen einführte.

Zögern beim Lockdown im Herbst 2020

„Der Lockdown light im Herbst 2020 war wohl zu soft“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, dem „Spiegel“. Dem Lockdown light folgte dann bekanntlich zwei Wochen später doch ein harter Lockdown. Allein diese Verzögerung könnte Schätzungen zufolge zu rund 50 000 zusätzlichen Todesfällen geführt haben – auch weil erst ab der Jahreswende die ersten Impfungen möglich waren.

Im Nachhinein ist zudem festzustellen, dass Politiker und Bürger sowohl im Sommer 2020 als auch 2021 zu stark auf das Prinzip Hoffnung setzten. Die Folge waren nur halbherzige Vorbereitungen auf die weit infektionsträchtigeren Wintermonate. Hinzu kamen Pannen bei der Beschaffung von Masken, Impfstoffen und Tests. Dass Deutschland im internationalen Vergleich trotz solcher Probleme noch recht gut dasteht, ist sicher auch dem hiesigen Gesundheitssystem zu verdanken. So gibt es hierzulande pro Einwohner deutlich mehr Krankenhaus- und Intensivbetten als in vielen anderen Ländern.

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Dem Nutzen der Corona-Einschränkungen in Form geretteter Menschenleben stehen Nebenwirkungen gegenüber. Besonders deutlich wird das beim Blick auf das Extrembeispiel China, wo bisher nur rund vier Menschen pro Million Einwohner an dem Virus gestorben sind – so zumindest die offiziellen Zahlen. Aber die dortige Zero-Covid-Politik mit den weltweit wohl härtesten Beschränkungen verursacht gigantische soziale, psychische und ökonomische Schäden. Diese würden vermutlich kleiner ausfallen, wenn das Land sich nicht gegen die wirksameren Impfstoffe aus dem Ausland sperren würde.

Es kommt auf das tatsächliche Verhalten an

Der Zusammenhang zwischen der Härte der verfügten Anti-Corona-Maßnahmen und der Zahl der Schwerkranken und Toten ist aber nicht so eng, wie man zunächst erwarten könnte. So starben etwa in Schweden oder der Schweiz, wo die meiste Zeit weniger strenge Regeln galten, gemessen an der Gesamtbevölkerung bis jetzt ähnlich viele Menschen an oder mit Corona wie in Deutschland. Allerdings ist die Bevölkerung in beiden Ländern im Durchschnitt jünger als hierzulande.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Wie sich die Menschen tatsächlich verhalten – ungeachtet der politisch vorgegebenen Regeln. So zeigen Mobilitätsdaten, dass viele Schweden auf freiwilliger Basis ihre Kontakte zeitweise genauso stark eingeschränkt haben wie die Menschen in Deutschland.

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