Corona in Weissach Schnaps gegen Viren – aber nicht zum trinken

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Alkohol mit einem Gehalt von 95 Prozent braucht Manuel Caneri, um daraus Desinfektionsmittel zu machen. Foto: factum/Simon Granville

Weissach - Trübe Flüssigkeit verteilt sich in einem klaren Gemisch. Manuel Caneri schüttet darin den genau bemessenen Inhalt von drei Bechergläser zusammen. Heraus kommt, was in diesen Tagen zu den begehrtesten und rarsten Gütern gehört: Desinfektionsmittel. „Ja, die Tage sind zurzeit wirklich verrückt“, sagt der Apotheker. „Das hätten wir uns alle nicht vorstellen können.“

Manuel Caneri steht im Labor seiner Apotheke in Flacht. Schon die Gefäße sind außergewöhnlich. Bechergläser hat er hier stehen, die fünf Liter und mehr fassen – Gegenstände, die er noch vor wenigen Wochen gar nicht im Bestand hatte. Zwar hat jede Apotheke ein eigenes Labor, das ist vorgeschrieben. Die Pharmazeuten produzieren dort Cremes, Tropfen und Pulver in kleinsten Mengen, jeweils zugeschnitten auf den individuellen Patienten – normalerweise.

Vorsichtsmaßnahmen in Weissachs einziger Apotheke

Aber was ist derzeit schon normal? Schon beim Reinkommen muss man sich auch in der Flachter Marktapotheke an Regeln halten. Nur drei Kunden dürfen rein, müssen Abstand halten. Die Beschäftigten stehen hinter Plexiglasscheiben und tragen Atemschutzmasken. „Wir haben schon früh angefangen, Masken zu tragen“, erklärt Manuel Caneri. „Wir müssen unsere Kunden, aber auch uns schützen.“ Denn auch hier gilt: Tritt erst einmal ein Corona-Fall auf, wird der ganze Betrieb unter Quarantäne gestellt. Dann hat ganz Weissach ein echtes Versorgungsproblem, denn Manuel Caneri betreibt die einzige Apotheke in der Gemeinde.

Er ist froh, dass er wenigstens noch für seine Angestellten Schutzausrüstung vorrätig hat. Namentlich beschriftet hängen die Masken im Aufenthaltsraum, wo sie nachts trocknen. Das Einmal-Material ist jetzt im Dauereinsatz. Im Keller hatte Caneri sie gefunden, 60 Stück hatte man 2006 als Pandemie-Vorsorge eingelagert. Jetzt muss er selbst schmunzeln: „Momentan könnten wir gut Geld damit machen – wenn wir sie verkaufen würden.“

Das tut er natürlich nicht, auch wenn Kunden täglich nach Masken fragen. Stattdessen hat er jetzt Desinfektionsmittel im Angebot – aber auch das nicht für jeden. Derzeit ist er vollauf damit beschäftigt, Arztpraxen, Pflegekräfte und andere Berufsgruppen zu versorgen, die auch in diesen Tagen im direkten Kontakt mit Menschen arbeiten müssen. „Erst wenn die alle versorgt sind, kann ich es an die Endverbraucher geben“, sagt Caneri. Dass er sich diesem Produkt annimmt, sei Eigeninitiative gewesen. „Ich habe Arztpraxen abtelefoniert“, berichtet er. „Die waren alle gottfroh, dass ich das angeboten haben – ohne Desinfektionsmittel machen sie zu.“

Von wegen einfach

Die Herstellung klingt freilich einfacher, als sie ist. Das betrifft nicht die Rezeptur, die kann ein Pharmazeut aus dem Effeff. Die Krise bringt vielmehr die Rahmenbedingungen auch für so banale Dinge wie Händedesinfektion durcheinander. Erst musste nämlich das Recht geändert werden. Bislang durften Apotheker eben nur spezifische, individuelle Medikamente herstellen, aber keine Produktion im größeren Stil starten. Dann musste Manuel Caneri an die Ausgangsstoffe kommen. Deren Preise haben sich oft verdreifacht – wenn sie überhaupt verfügbar waren. Und dann muss er das Mittel irgendwie abfüllen. „Ich bekomme im Moment keine kleinen Plastikflaschen mehr geliefert“, nennt er nur ein Beispiel für die derzeitige Mangelwirtschaft.

Den Mangel kennen seine Kollegen und er inzwischen. Viele Medikamente sind inzwischen nur noch sehr schwer zu bekommen. Und dann gibt es immer wieder die Meldungen in Medien und sozialen Netzwerken von Wirkstoffen im Zusammenhang mit Corona. Erst neulich habe es eine Nachricht gegeben, in der ein Medikament genannt wurde, das angeblich gegen Corona hilft. Das konkrete Beispiel will Manuel Caneri nicht nennen, um nicht abermals eine Nachfragelawine loszutreten. „Ich habe einen Kunden mit einer seltenen Autoimmunerkrankung, der ist wirklich auf dieses Medikament angewiesen“, berichtet er. „Ich bekomme es aber nicht, ich habe extra mit einem Kollegen in Österreich telefoniert, auch dort ist es bei den Großhändlern ausverkauft.“

Offene Bestellungen – da ist Kreativität gefragt

Am Ende bedeutet das für die Apotheker auch einen erheblichen Zusatzaufwand an Bürokratie. Das betrifft zum Beispiel auch die Rabattverträge mit den Krankenkassen. Weil jede Kasse andere Verträge hat, müssten Apotheker an jeden Kunden unterschiedliche Medikamente rausgeben. Und weil sie diese nicht alle bevorraten können, müssen Kunden oft zweimal in die Apotheke – in Corona-Zeiten ein Risiko. Deshalb muss Caneri das Medikament rausgeben, das er da hat. Und nach Feierabend sitzt er dann im Büro und schreibt Erklärungen an die Krankenkassen, warum er wie gehandelt hat.

Dabei wartet noch das Desinfektionsmittel. Der wichtigste Wirkstoff, Alkohol, ist aber ebenfalls nur schwer zu bekommen. „Wir haben acht Bestellungen offen, von denen wir nicht wissen, wann sie eintreffen“, berichtet der 32-Jährige. Deshalb steht er derzeit mit sämtlichen Brennereien im Umland in Kontakt. Wo er fündig wurde, will er nicht verraten – dieser Betrieb könnte sich sonst vor Anfragen nicht retten. „Wir brauchen aber Alkohol mit einem Gehalt von 95 Prozent.“ Dafür nimmt er Vorlauf oder Neutralalkohol, in dem Brenner normalerweise zum Beispiel die Zutaten für Gin eingelegen.

„Beim Vorlauf teste ich den Alkoholgehalt vorher“, sagt Manuel Caneri. Und auch er kann von positiven Nachrichten in diesen Tagen berichten. Ein Brenner hat neulich angerufen und will ihm den Alkohol schenken. Das Desinfektionsmittel daraus verschenkt Caneri weiter, Geschäfte machen wolle er mit der Not der Menschen nicht. Und dann schüttet er wieder trübe Flüssigkeit ins klare Gemisch.

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