Corona Die Sorgen eines infizierten Pflegehelfers

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Hat sich der junge Mann in der S-Bahn angesteckt? Es wird keine Antwort darauf geben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Altkreis - Wo er sich infiziert hat, weiß der junge Mann nicht. Vermutlich aber war es in der S-Bahn. „Weil ich mir etwas anderes nicht vorstellen kann“, sagt der 20-Jährige. Er macht die Ausbildung zum Altenpflegehelfer, täglich ist er also in Kontakt mit Risikopatienten. Umso achtsamer, so sagt er, müsse er sein. Die Einladungen seiner Freunde zu einem Treffen in großer Gruppe schlug er aus, eins ums andere Mal. Er wahrte die Distanz, blieb fern und wurde nicht verstanden. Das prägte die Situation im Frühjahr.

Jetzt, im zweiten Lockdown, ist das kaum anders. Wenn seine Altersgenossen sagten, sie wollten nicht, dass sich ihre Großeltern mit dem Coronavirus infizierten, hält er dagegen, an seinem Arbeitsplatz in einem Pflegeheim im Landkreis täglich mit Omas und Opas zusammen zu sein und aus Verantwortung ihnen gegenüber zu agieren. Er selbst ist sich nicht sicher, ob Menschen aus Unbedachtheit oder Provokation keine Distanz wahrten. „Ich finde es rücksichtslos, wenn man sich nicht an die Regel hält.“

Aber weil er seinen Beruf und die Bewohner schätze, sei er umso angespannter gewesen, als er sich schlapp fühlte, einen Test machte, dann zudem den Geschmacks- und Geruchssinn verlor. „Da hatte ich für mich Gewissheit“, sagt der junge Korntal-Münchinger über die Zeit Anfang Dezember. Um sich selbst machte er sich keine Gedanken, als er die Diagnose bekam, wohl aber um die Heimbewohner. Wie sich später herausstellte, hatte er niemand angesteckt. „Ich mag meinen Beruf, ich liebe meine Bewohner“, sagt er. Nicht auszudenken für ihn, was gewesen wäre, ausgerechnet er, der noch lernt, hätte das Virus in die Einrichtung geschleppt. Diese hatte ihm zufolge bis heute keinen Fall von Covid-19 im Haus.

Inzwischen sind die Senioren in der Einrichtung geimpft, ein mobiles Impfteam sei dort gewesen, erzählt er. „Ein Coronatest ist komplizierter als ein Piks.“ Denn wie soll man einer dementen Person erklären, um was es sich handle, was da möglicherweise unangenehm sein werde? Einfühlungsvermögen, ein gutes Zureden, manchmal auch Humor hülfen in dieser Situation häufig weiter, erzählt der 20-Jährige, der im Strohgäu wohnt.

Es dauert noch, bis er geimpft wird

Weniger freundlich war, was er selbst vor Kurzem erlebt hat. „Ihr seid doch alle gekauft von der Regierung“, hatte ihm jemand nachgerufen. Er weiß nicht, wer das war und was das sollte. Er habe es mit Humor genommen, sagt er, „ich weiß, was ich leiste“. Dass die Bezahlung besser sein könnte für die Pflegeberufe, verhehlt er nicht. Wäre diese besser, würde der Beruf auch für Jüngere attraktiver, vermutet er. So lange das nicht der Fall ist, „schneidet sich die Politik ins eigene Fleisch“.

Unabhängig davon, wann er an der Reihe ist, muss er einige Monate warten, bis er nach der Infektion geimpft werden kann. Dass er sich impfen lässt, steht für den 20-Jährigen außer Frage. Die Kritik an der Impfung könne er nicht nachvollziehen, sagt er. Dafür stehe er auch ein. Sein Arbeitgeber indes begrüße zwar sein soziales Engagement, erzählt er. Aber er gehe eben nur als Privatperson an die Öffentlichkeit. Weil die Gesellschaft kontrovers über Sinn und Qualität der Impfung diskutiert, soll weder der Name der Ausbildungsstätte noch des jungen Mannes in diesem Text eine Rolle spielen.

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