Christian Walter Seit 111 Tagen ist er Bürgermeister von Weil der Stadt

Von Nathalie Mainka
Leere Stühle: Christian Walter hofft, dass er mit den Mitarbeitern bald wieder präsent im Ratssaal diskutieren darf. Foto: Jürgen Bach

Weil der Stadt - Etwas mehr als hundert Tage ist Christian Walter, der neu gewählte Bürgermeister von Weil der Stadt, nun schon im Amt. Und ein bedeutendes kulturelles Ereignis an seiner neuen Wirkungsstätte, die traditionelle Fasnet, hat er wegen der coronabedingten Absage verpasst. „Das habe ich sehr bedauert, ich hätte das Treiben gerne hautnah miterlebt“, sagt Walter, der als erster Bürgermeister in der Stadtgeschichte beim virtuellen Rathaussturm, Narrensprung und der Verurteilung durch das strenge Gericht der Narrenzunft wenigstens stimmlich Teil eines virtuellen Schauspiels wurde. Das allerdings, um möglichen Ärger zu vermeiden, wieder vorsorglich aus allen Kanälen gelöscht wurde.

Seit dem 2. November 2020 ist Christian Walter der Chef im Weil der Städter Rathaus, er löste Thilo Schreiber ab, der nicht mehr kandidiert hatte. Man gewöhne sich rasch daran, als Bürgermeister angesprochen zu werden, sagt er. „Das Alltagsgeschäft holt einen sehr schnell ein, eine Eingewöhnungsphase gibt es nicht. Man bekommt am ersten Tag den Schlüssel zum Rathaus, und dann geht es los“, sagt der 30-Jährige.

Keine Personalversammlung wegen Corona

Ausfallen musste im November die ursprünglich vorgesehene Personalversammlung, in der sich Walter seinen rund 400 städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern persönlich vorstellen wollte. „Deshalb habe ich leider noch nicht alle kennenlernen dürfen, sondern habe sie zu Beginn meiner Amtszeit in einem kleinen Video begrüßt. Aber ich hoffe, das bald persönlich nachholen zu können.“

Die Arbeitstage eines Bürgermeisters sind lang, er ist quasi rund um die Uhr im Dienst. „Diesen Beruf kann man nur ausüben, wenn man ihn als Berufung sieht“, sagt Walter. Und das tut er definitiv, auch wenn er gerne als Lehrer gearbeitet hat. Vor seiner Wahl hatte er eine Teilzeitstelle als Studienrat an einer Stuttgarter Gesamtschule. Zuletzt unterrichtete er 16 Stunden pro Woche. Hinzu kam seine Arbeit als Kommunalpolitiker im Stuttgarter Gemeinderat mit zahlreichen morgendlichen Sitzungen und sonstigen Terminen am Abend. „Das habe ich mit der Schule ganz gut abstimmen können. Was das Arbeitspensum betrifft, ist das jetzt kein großer Unterschied.“

Pandemiebedingt bezeichnet er die momentane Situation allerdings als die Ruhe vor dem Sturm. Abend- und Wochenendtermine sind sehr überschaubar. „Da kann ich mich in aller Ruhe am Schreibtisch in die Verwaltungsarbeit vertiefen“, sagt Christian Walter. Doch er freut sich darauf, wenn er endlich wieder raus kann zu den Menschen.

Aus dieser kontaktarmen Zeit macht er das Beste, nutzt dabei die modernen Kommunikationsmöglichkeiten auf Facebook und Instagram, um seine Arbeit transparent zu machen, um die Bürgerinnen und Bürger mit ins Boot zu holen, und um ihnen zu erklären, welche Themen gerade anstehen. „Wenn man damit aufgewachsen ist, läuft das so nebenbei. Ich versuche auch, so weit es die Zeit zulässt, möglichst viele Fragen zu beantworten.“

Für seinen monatlichen virtuellen Rückblick will er sich regelmäßig ein Stündchen Zeit nehmen. „Hierfür habe ich mir ein kleines Stativ geleistet, schnappe mein Handy, sitze dann hier in meinem Büro und rede in die Kamera.“ Christian Walter hofft, damit auch junge Menschen für die Lokalpolitik begeistern zu können. „Ich bekomme bis jetzt auf allen Kanälen viele positive Rückmeldungen.“ Auch die telefonische Sprechstunde kam gut an.

Zusammenarbeit mit der „Energie Calw“

Die ersten hundert Tagen seien bereits sehr arbeitsintensiv gewesen, auch mit dem Gemeinderat zusammen. Das erste wichtige Projekt? Die Gründung einer Gesellschaft mit der „Energie Calw“ (EnCW). „Der erste Schritt in Richtung Stadtwerke, was mein Vorgänger schon gut vorbereitet hat.“ Im nächsten Gemeinderat am Dienstag sollen Nägel mit Köpfen gemacht und die Gesellschaft soll beschlossen werden.

Lesen Sie hier: Tempo 30 für die ganze Stadt beantragt

Auch die Diskussion um Tempo 30 für die Ortsdurchfahrt-Straßen von Weil der Stadt, Merklingen, Münklingen und Hausen hat Christian Walter „geerbt“. Der Gemeinderat gab nach einer scharfen Debatte Ende des vergangenen Jahres auf der Grundlage des Lärmaktionsplans nun der Stadtverwaltung grünes Licht, dies zu beantragen. Die Entscheidungen müssen jetzt das Regierungspräsidium Stuttgart und das Landratsamt treffen, da es sich um Kreis- und Landstraßen handelt. „Ich versuche fair zu moderieren, akzeptiere auch andere Meinungen“, beschreibt Walter seinen Führungsstil.

Sanierungen, bezahlbares Wohnen und Bürgerbeteiligung

Auf der To-do-Liste steht einiges mehr: unter anderem das Baugebiet Häugern, bezahlbares Wohnen sowie die Sanierung der Schulen und des Marktplatzes – letzteres ist in vollem Gange. Christian Walter will auch die Bürgerbeteiligung mit Hilfe einer App und Expertenrunden in Angriff nehmen. Im März steht die Verabschiedung des Haushaltes an, noch im ersten Halbjahr wird der Schultes mit dem Gemeinderat zum Thema Finanzen in die Klausur gehen. „Ideen und tolle Themen, die ein neuer Bürgermeister mitbringt, scheitern gefühlt zu 99 Prozent an der finanziellen Lage der Stadt, die weitere Kredite aufnehmen muss.“ Das sei ein grundsätzliches Problem. „Kommunalpolitik ist kein Wettbewerb der Ideen, sondern eine Verwaltung des Mangels und viel Konfliktmanagement.“

Im Rathaus ist das neue Stadtoberhaupt angekommen. Eine kleine Zweitwohnung hat er bereits gefunden, wenn es sich abends nicht mehr lohnt, nach Stuttgart zu fahren. Christian Walter will mit seiner Partnerin nach Weil der Stadt ziehen, sucht noch die passende Wohnung. „Vielleicht finde ich irgendwann auch mal wieder Zeit, Handball zu spielen.“

Eine große sportliche Leidenschaft des 30-Jährigen. Unter anderem hat er beim TSV Weinsberg II in der Landesliga gespielt, bekam sogar bei der Ersten einen Einsatz in der Baden-Württemberg-Oberliga. Zuletzt war er mit der HSG Gablenberg/Gaisburg in der Bezirksklasse aktiv. „Leider gibt es in Weil der Stadt keine Handball-Abteilung, und ich werde nicht die Zeit haben, eine zu gründen“, sagt er und lacht. Immerhin hat er ortsnah in Renningen oder Magstadt Möglichkeiten.

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