Chorsingen und Corona Chöre bestimmen ihr Schicksal selbst

Von Stefanie Köhler
Derzeit proben die zwei Korntaler Ensembles zusammen. Weil der Chorleiter Till Weibel erkrankte, sprang eine Sängerin ein. Foto: Simon Granville

Corona samt der Folgen haben der Chorlandschaft zugesetzt. In Zeiten, in denen Präsenzproben verboten waren oder nur eingeschränkt erlaubt, ruhten Ensembles in Teilen oder ganz. Es gab keine Auftritte, überhaupt fehlte die Gemeinschaft, litt das Soziale. Die Studie „Chormusik in Coronazeiten“ mit mehr als 4300 Chören in Deutschland, Österreich und der Schweiz, beauftragt von der Universität Eichstätt-Ingolstadt und vom Stuttgarter Carus-Verlag, zeigte bereits nach einem Jahr Pandemie, dass die Chorlandschaft erheblichen Schaden durch die Rahmenbedingungen von Corona genommen hat. Die Chöre klagten über rückläufige Mitgliederzahlen, finanzielle Sorgen und Nachwuchsprobleme – und befürchteten auch für die Zeit danach einen Schwund an Mitgliedern.

Die hiesigen Chöre können davon ebenfalls ein Lied singen. „Durch die Coronazeit hat unser Chorleben leider sehr gelitten“, berichtet die Vorsitzende des Chors Korntal, Renate Gurka. Der Stammchor wie die Young Voices hätten einige Sängerinnen und Sänger eingebüßt. Doch allmählich werde es wieder. „Wir bekommen langsam wieder mehr Mitglieder“, so Gurka. Im Stammchor singen zurzeit knapp unter 20 Personen, vom jungen Chor kämen 14 regelmäßig zum Proben. Trotz der Nöte: „Man muss am Ball bleiben und etwas tun“, sagt Renate Gurka schlicht.

Welche Lieder? Die Sänger reden mit

Womit sie bei Till Weibel offene Türen einrennt. Der 54-Jährige aus Leonberg leitet seit April die Korntaler Ensembles, zudem weitere Chöre im Altkreis sowie einen in Stuttgart. Ihm ist wichtig, die Chöre bei der Auswahl der Lieder einzubeziehen und mit ihnen aufzutreten, auch gemeinsam mit anderen Ensembles. Grundsätzlich achtet er auf Kooperationen, auch mit Schulen und deren Chören. Das sei eine Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler abzuholen. Auch Freunde und Bekannte zum Singen zu ermuntern, helfe dabei, neue Mitglieder zu gewinnen. „Wenn das Repertoire nicht passt, empfehle ich einen anderen Chor mit anderer Musik“, sagt Till Weibel. Er hofft, dass er mit den Korntalern noch etliche Ausflüge unternimmt. „Aktivitäten über das Proben, das Singen hinaus stärken die Chorgemeinschaft und sind wie Auftritte gut für die Außenwirkung.“ Als er in Korntal-Münchingen das Ruder übernahm, sei Corona kein großes Thema mehr gewesen, so Weibel. Gleichwohl hat die Tatsache, dass die Chöre – zumindest zeitweise – inaktiv waren, Spuren hinterlassen: Die Stimme rostete ein, Techniken, aber auch Liedtexte gerieten in Vergessenheit. „Das war nicht gut für die Fortführung des Bestands“, sagt Till Weibel. Er machte die Erfahrung, dass coronabedingt zwar „ein paar vorsichtige“ Vereinsmitglieder länger wegblieben als der Rest, aber insgesamt alle diejenigen wieder erschienen, die vorher auch da waren. Es sei denn, jemand hatte ohnehin vor, den Chor zu verlassen. „Wer weg wollte oder musste, der war weg“, sagt Till Weibel. Corona hat geplante Austritte also beschleunigt oder wurde zum Anlass genommen, sich früher zu verabschieden, etwa aus gesundheitlichen oder Altersgründen.

Mehrere Gründe für schrumpfende Chöre

Laut Weibel schrumpft die Zahl der Mitglieder in allen Chören. „Das Phänomen gab es schon vor Corona.“ Dafür nennt Weibel mehrere Gründe. Mangelndes Interesse, fehlende Wissensweitergabe durch vorige Generationen, weniger Zugang von zuhause aus. Zu singen, bedauert Till Weibel, sei nicht mehr selbstverständlich, auch in der Schule nicht mehr, wo der Musikunterricht weniger ernstgenommen werde als andere Fächer. Und ihre knappe Freizeit würden junge Leute eher dem Computer oder Sport widmen.

Der Chor Korntal ist einer von 23 Vereinen mit 45 Gruppen im Chorverband Johannes Kepler mit Sitz in Rutesheim. Die Zahl ist zum Vorjahr gleichgeblieben, ein Verein löst sich aber gerade auf. Was laut der Verbandspräsidentin Angelika Puritscher nichts mit Corona zu tun hat. Puritscher, die die Korntaler Chöre als „sehr teilnahme- und unterstützungsfreundlich“ bezeichnet, sagt, die Situation sei unterschiedlich. Chöre hätten Mitglieder verloren, manche welche gewonnen, und auch online habe es neue Möglichkeiten gegeben. „Mitgliederschwund ist ein natürlicher Prozess, wenn keine regelmäßige Werbung für neue Projekte betrieben wird“, sagt Angelika Puritscher. Eine Pandemie verdeutliche lediglich Schwachstellen. „Dort, wo etwas geboten wird, gehen Menschen auch hin. Das ist überall so.“

Überalterte Männerchöre scheitern

Woran viele Männerchöre offenbar scheitern. „Sie sind im Rückgang“, stellt Angelika Puritscher fest. Warum? Die meisten reinen Männerchöre seien überaltert. „Oft passen die Strukturen nicht mehr in die heutige Zeit.“ Vereine, die auf gemischte Chöre oder auf zusätzliche Ensembles umstrukturieren und zusätzlich Männerchor singen, hätten dabei mehr Chancen. Angelika Puritscher sagt: „Reine Männerchöre betreiben selten Jugendarbeit. Das rächt sich.“

Bundesweit werden mehr als vier Millionen aktive Sängerinnen und Sänger gezählt. Damit gilt Chormusik als eine wesentliche Säule des Laienmusizierens. Die der Bund bereitwillig fördert, etwa mit dem Programm „Neustart Amateurmusik“ oder dem jetzt beschlossenen Amateurmusikfonds über fünf Millionen Euro, um die Strukturen der Amateurmusik, der „bedeutenden Chor- und Orchesterlandschaft“, nach der Pandemie in der Fläche zu sichern. Laut dem Bundesmusikverband Chor & Orchester machen in Deutschland mehr als 14,3 Millionen Menschen in ihrer Freizeit Musik. „Die Initiativen der Fördermaßnahmen treffen schon den Kern für alle unternehmungslustigen und -willigen Vereine“, sagt Angelika Puritscher. Wer die Fördergelder nutzte, habe auch was bewegen können. „Nun können auch Regionalchorverbände Anträge stellen.“ Etwas bewegen, das will auch der Chor Korntal. Er probt momentan intensiv für sein Adventskonzert am 11. Dezember. „Danach ziehen wir Bilanz“, kündigt die Vorsitzende Gurka an. Die, klar, Folgen haben wird.

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