Bus-Streik Wöhr-Mitarbeiter streiken zum ersten Mal

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Seit dem Wochenende weisen Zettel auf den Streik hin, wie zum Beispiel hier in der Weissacher Ortsmitte. Foto: factum/Granville

Weissach - Im kommenden Jahr wird ihr Unternehmen 95 Jahre alt. „Nein, das haben wir noch nie erlebt“, sagt Monika Wöhr-Kühnemann. Am Freitag hat die Chefin des Weissacher Busunternehmens den Anruf von Verdi erhalten. Am Dienstag werde Wöhr-Tours bestreikt, hieß es.

Seitdem laufen die Vorbereitungen. Sämtliche Wöhr-Linien im Raum Leonberg, Rutesheim und Heimsheim fahren heute nicht. Bestreikt werden dann ebenfalls die Busse von Omnibus Müller (FMO) in Weil der Stadt, Pforzheim, Ludwigsburg und Böblingen und die Ludwigsburger Verkehrslinien (LVL).

Da der Streik den ganzen Tag laufen wird, sind nicht nur Pendler, sondern auch Schüler betroffen. Gerade Wöhr bringt normalerweise viele Schüler nach Rutesheim. „Wir haben die Eltern über die Elternvertreter und unsere Handy-App informiert“, berichtet Jürgen Schwarz, der Leiter des dortigen Gymnasiums. Schüler aus Leonberg könnten die S-Bahn nehmen, denn auch der Stadtbus in Rutesheim fährt. „Die Eltern können ihre Kinder auch persönlich vorbeibringen“, sagt er. Falls dies nicht möglich ist, bittet die Schule um eine Nachricht.

Klausuren fallen eventuell aus

Schwarz wirkt ruhig am Telefon. „Das ist eben höhere Gewalt“, sagt er. „Wir haben kein Empfinden, wie sich das alles auswirken wird.“ Deshalb werde man alles auf sich zukommen lassen. Sollten nur ein oder zwei Schüler je Klasse fehlen, sei das eher der Normalzustand. „Fehlen dann aber zehn Schüler, wird es problematisch“, sagt Schwarz. Sollten Klausuren anstehen, werde man weitersehen.

Betroffen sind nur die Buslinien privater Unternehmer – also nicht die S-Bahn und auch nicht die gelben Busse in Stuttgart, die von den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) gefahren werden, denn Verdi streitet sich momentan nur um den Tarifvertrag im privaten Omnibusgewerbe. Die SSB zahlen nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes.

Ausweichen können Fahrgäste in Richtung Leonberg auf Busse des Friolzheimer Unternehmens Seitter, das nicht bestreikt wird. Seitter hält in Perouse und fährt weiter nach Leonberg. „Wir verstärken unser Angebot und fahren mit extra großen Bussen“, sagt der Chef Alf Seitter. Große Gelenkbusse setze er auch im Stadtverkehr Rutesheim ein, sodass der Bahnhof im Leonberger Stadtteil Silberberg mit dem Ort verbunden bleibt und Fahrgäste, die auf die S-Bahn ausweichen, Anschluss haben.

Für Aufsehen sorgt indes, dass Wöhr den Werksverkehr von Porsche und Bosch aufrecht erhält. „Dafür haben wir mit Verdi eine Notfallvereinbarung getroffen“, bestätigt Unternehmenschefin Monika Wöhr-Kühnemann. Auf der Facebook-Seite unserer Zeitung empörte sich dazu ein Leser: „Porsche und Bosch werden versorgt, aber Schüler sollen zur Schule laufen – prima Lösung.“ – „Hab’ ich mir auch grad gedacht“, bekam er als Antwort.

Andreas Schackert, der Verdi-Verhandlungsführer, weiß, dass solche Notfallvereinbarung immer heikel sind. „Weil wir Wöhr zum allerersten Mal bestreiken, haben wir diese Aufnahmen angeboten“, erklärt der Gewerkschafter unserer Zeitung. Der Werksverkehr sei für Wöhr wichtig. „Uns geht es nicht darum, die Unternehmen kaputt zu machen.“ Dass aber Fahrgäste getroffen werden – in diesem Fall vor allem Schüler und Pendler, liege in der Natur der Sache.

Der Leiter des Rutesheimer Gymnasiums empfindet das nicht als ungerecht. „Für den Schulverkehr als Teil des öffentlichen Nahverkehrs wollte die Gewerkschaft keine Ausnahmen machen“, sagt Jürgen Schwarz. Daher sehe er auch keine Verantwortung beim Busunternehmen Wöhr.

Um 5,8 Prozent mehr Geld tritt Verdi in den Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO) ein. Aus Sicht der Gewerkschaft wäre das lediglich eine Angleichung an die Bedingungen, die Busfahrer im öffentlichen Dienst – beispielsweise bei der SSB – haben. „Sie arbeiten länger als ihre kommunalen Kollegen, mit schlechteren Schichtzeiten und dann noch für deutlich weniger Geld“, sagt Andreas Schackert. „Das haben sie satt.“

„Alles, was darüber hinaus geht, wäre ruinös“

Für kommenden Donnerstag ist eine weitere Verhandlungsrunde angesetzt. Gibt es dann keine Einigung, sind weitere Streiks zu befürchten. Auf Nachfrage will Schackert nicht ausschließen, dass dann auch weitere Unternehmen in der Region und der Werksverkehr betroffen sind.

Die Unternehmerin Monika Wöhr-Kühnemann kritisiert, dass die Streiks jetzt bereits vor diesem Verhandlungstermin stattfinden. „Das wird jetzt auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen“, sagt sie. Mit Blick auf die Forderung von Verdi ist sie erschrocken. Zweieinhalb Prozent Lohnerhöhung habe sie eingeplant, berichtet sie: „Drei Prozent wären gerade noch so verkraftbar. Alles, was darüber hinaus geht, wäre ruinös.“ Denn gerade im Dezember sind die Buslinien neu vergeben worden. Bis auf weiteres ist zusätzliches Geld von den öffentlichen Auftraggebern nicht zu erwarten. „Fällt die Lohnsteigerung zu hoch aus, müssten wir dann eventuell mit der öffentlichen Hand nachverhandeln“, sagt sie.

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