Bundestagswahl 2021 Fünf Abgeordnete für Kreis Böblingen?

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Um das Direktmandat im Wahlkreis Böblingen kämpfen 15 Kandidaten. 2017 waren es noch acht. Foto: Stefanie Schlecht

Kreis Böblingen -

Am 26. September wird der Landkreis Böblingen mal kurz zu einer Nummer unter vielen: 260. So lautet die Ziffer des Landstrichs zwischen Strudelbach – wobei Weissach seit 2017 zum Wahlkreis Ludwigsburg zählt – und Ammer, der künftig sogar mit fünf Abgeordneten in Berlin vertreten sein könnte. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn alle Kandidaten konnten gute Listenplätze ergattern – und dürften auch ohne Direktmandat ins Parlament einziehen. Doch welche Besonderheiten weist der Kreis auf? Welche Themen dominieren den Wahlkampf?

Ausgangslage Seit 1949 war das Direktmandat im Kreis Böblingen fest in der Hand der Christlich-Demokratischen Union (CDU) – fast. Nur einmal gelang es einem Sozialdemokraten, das Direktmandat zu erringen: 1972 zog Hans Geiger in den Bundestag ein. 2017 wurde Marc Biadacz mit 38,8 Prozent der Voten direkt gewählt – ein Verlust von 15,5 Prozent zu 2013. Damals hatte Clemens Binninger sein Direktmandat mit 54,3 Prozent verteidigt, das er seit 2002 innehatte.

Binninger war anfangs als neutraler CDU-Kandidat angetreten, nachdem Brigitte Baumeister eine Verwicklung in den CDU-Spendenskandal nachgesagt wurde. Die ehemalige CDU-Schatzmeisterin saß von 1990 bis 2002 im Berliner Parlament. Konkurrenz hat Biadacz vor allem von Jasmina Hostert (SPD) zu befürchten. Sie war bereits vor vier Jahren angetreten und hatte damals 19,6 Prozent geholt. Doch im Bundestrend liegt die SPD mittlerweile fast gleichauf mit der Union.

Wirtschaft Als Sitz der Entwicklungszentren von Mercedes-Benz (Sindelfingen), Porsche (Weissach) und Bosch (Renningen und Leonberg) sowie der Deutschlandzentralen von IBM (Ehningen) und Hewlett-Packard (Böblingen) gilt der Landkreis als ausgemachter Hightech-Standort, vereinzelt wird er das deutsche Silicon Valley genannt. Die Ansiedlung des ersten kommerziellen Quantencomputers in Europa bei IBM hat diesen Ruf nicht geschmälert. Entsprechend überdurchschnittlich ist das Einkommens- und Bildungsniveau der über 392 898 Kreisbewohner. Mit über 4700 Euro Bruttoeinkommen im Schnitt lag der Kreis 2019 deutschlandweit sogar auf Platz vier. Wohlstand, der über Jahrzehnte erarbeitet wurde – und den niemand in Gefahr sehen möchte.

Mobilität Große Teile der Wirtschafts- und Innovationskraft hängen von der Automobilindustrie ab. Neben seinem Entwicklungszentrum mit rund 10 000 Beschäftigten fertigt Mercedes-Benz auch die Baureihen der S-, E- und CLS-Klasse in Sindelfingen sowie das Elektroauto EQS und Sonderfahrzeuge. Insgesamt ist es mit rund 35 000 Angestellten das drittgrößte Automobilwerk in Deutschland hinter Volkswagen in Wolfsburg und Audi in Ingolstadt. Im Schatten des Werkes floriert die Zuliefererindustrie. Dementsprechend drängend ist die Frage nach dem technologischen Wandel: Wie gut wird es gelingen, die vielen Arbeitsplätze auch im Zeitalter der Elektroautos zu sichern?

Verkehr Vom Stichwort Auto ist es nicht weit zum Verkehr: Wo so viel produziert und entwickelt wird, herrschen täglich immense Pendlerströme in die Landeshauptstadt Stuttgart und die umliegenden Landkreise. Das Leonberger Dreieck ist einer der größten Stau-Hotspots in ganz Deutschland.

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Nach zähem Ringen wird derzeit die Autobahn 81 als wichtigste Verbindungsachse zwischen Stuttgart und Bodensee verbreitert und überdeckelt. Ein Mammutprojekt mit geplant fünf Jahren Bauzeit und 360 Millionen Euro Kosten. Zugleich droht der Landkreis, von der Gäubahn abgekoppelt zu werden, die den Raum Stuttgart mit dem Bodensee und Zürich verbindet. Durch den ins Spiel gebrachten Gäubahn-Tunnel wäre die Verbindung fünf Jahre lang gekappt. Die Elektrifizierung der Nahverkehrsverbindung Schönbuchbahn im Süden des Landkreises ist zuletzt ins Stocken gekommen: Das Eisenbahn-Bundesamt erteilte den neuen Zügen eine wichtige Zulassung nicht.

Digitalisierung Neben den realen Autobahnen werden die Datenautobahnen immer wichtiger. Doch der Breitband-Ausbau via Glasfaser geht vielen noch zu schleppend voran. Bis 2025 sollen alle Schulen und Gewerbegebiete an das Turbo-Internet angeschlossen sein, bis 2030 90 Prozent der Haushalte. Im Kreis Böblingen surften Ende 2020 erst 8,7 Prozent der Haushalte und Firmen über Glasfaser. Erst kürzlich beteiligte sich die Stadt Böblingen an der Ausschreibung für einen Innovationspark für Künstliche Intelligenz – und hatte das Nachsehen. Die Landesförderung ging nach Heilbronn.

Gesundheit Der größte Krankenhaus-Neubau in Baden-Württemberg entsteht derzeit auf dem Flugfeld zwischen Böblingen und Sindelfingen: Das Flugfeldklinikum soll einmal über 700 Betten verfügen. Kostenpunkt: Knapp eine halbe Milliarde Euro. Im Jahr 2025 soll der Bau fertig sein. Gleichzeitig bleiben die Klinik-Standorte in Herrenberg und Leonberg bestehen und werden ebenfalls modernisiert. In Leonberg wurde erst im Juli eine neue nach modernsten Gesichtspunkten gestaltete Zentrale Notaufnahme für fünf Millionen Euro in Betrieb genommen. Insgesamt 73 Millionen Euro werden in der Leonberger Klinik investiert.

Wahlkreis ist nicht gleich Landkreis

Wahlkreis
 Der Wahlkreis 260 ist nicht ganz deckungsgleich mit dem Landkreis Böblingen. Im Norden wurde Weissach dem Nachbar-Wahlkreis Ludwigsburg (265) zugeschlagen. Im äußersten Osten fehlen die Gemeinden Steinenbronn und Waldenbuch. Sie gehören zum Wahlkreis Nürtingen (262).

Wahlberechtigte
 Insgesamt sind am Sonntag, 26. September, rund 250 000 Wahlberechtigte an die Urnen gerufen. Bei der Bundestagswahl 2017 lag die Wahlbeteiligung bei 80,2 Prozent. Der Kreis gliedert sich in 235 Urnen- und 120 Briefwahlbezirke. Die Wahllokale haben am 26. September von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

Vertreter
Derzeit ist der Wahlkreis Böblingen mit Marc Biadacz (CDU), Florian Toncar (FDP) und Markus Frohnmaier (AfD) im Bundestag vertreten. Alle verfügen über gute Chancen auf den Wiedereinzug, sei es über den Gewinn des Direktmandats oder aussichtsreiche Plätze auf den jeweiligen Landeslisten der Parteien. Über solche verfügen auch Jasmina Hostert (SPD) und Tobias Bacherle (Grüne).

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