Bürgerverein löst sich auf Kein Interesse mehr

Von Michael Holzer
Rundgang durchs Ramtel mit Stadtführer Gerd Jenner Foto: /Simon Granville

Der älteste Bürgerverein Leonbergs ist Geschichte. Auf der letzten Mitgliederversammlung der Bürgergemeinschaft Leonberg-Ramtel in der Marie-Curie-Schule haben die anwesenden 16 Mitglieder einstimmig für die Auflösung nach mehr als sechs Jahrzehnten Aktivität des traditionsreichen Vereins votiert. Das Leonberger Amtsgericht hat die Vorsitzende Martina Weises nun als Liquidatorin eingesetzt. Sie wird nun die Auflösungsformalien betreuen. „Es ist zuletzt nur noch ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, doch wir haben lange darüber nachgedacht, bis wir diesen Schritt gegangen sind“, sagt Martina Weise mit Bedauern. Die Gründe sind mannigfaltig. „Da war erstens ein mangelndes Interesse der Mitglieder an der Arbeit des Ausschusses und des Vorstandes“, zählt die Vorsitzende auf. „Es ist ein Wandel in der Gesellschaft zu bemerken, man kriegt so gut wie niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, um sich für die Belange seiner Mitmenschen einzusetzen“, hat Martina Weise festgestellt.

Auch ist der Besuch der Veranstaltungen des Vereins drastisch zurückgegangen und zu den bislang gut frequentierten Bürgerstunden kam niemand mehr. „Es gingen seitens der Mitglieder auch keine Vorschläge für die Arbeit des Vereins ein“, zählt die Vorsitzende weiter auf. Und nicht zuletzt gab es keine Vorschläge für eine neue Vorsitzende oder einen neuen Vorsitzenden. „Ich wollte nach 14 Jahren im Amt, dieses in jüngere Hände übergeben“, sagt die 66-Jährige nach mehr als einem Jahr Suche.

Die Geschichte des Vereins ist eng mit der Entstehung des Stadtteils und untrennbar mit der Geschichte der Vertriebenen und Flüchtlinge verbunden, die nach 1945 nach Leonberg kamen. Man habe sie damals in dem Gebiet regelrecht „zusammengepfercht“, weiß Martina Weise von ihren Vorgängern. Willkommenskultur sei ein Fremdwort gewesen. „Die wollte man regelrecht über den Tisch ziehen “, sagt Weise.

1959 gründet Erich Mayer-Stehle die Bürgergemeinschaft

Im Norden des Ramtels begann 1957 das Siedlungswerk der Diözese Rottenburg eine Wohnsiedlung zu planen, die ungefähr 1960 bezugsfertig war. Etwa zur gleichen Zeit legte auch die Gewog, eine Tochtergesellschaft der Neuen Heimat, südlich und östlich des Hotels Eiss mit Wohnsiedlungen los. Im Anschluss an diese werdende Siedlung entstand nördlich ein Gewerbegebiet.

1958 waren die ersten Häuser bezugsfertig und damit begannen die Probleme. Die Siedlung bestand nicht nur aus 200 Reihenhäusern, sondern auch aus drei achtgeschossigen Hochhäusern - ein ungewohnter Anblick in Leonberg und so war schnell von „Klein-Chicago“ die Rede. Es gab endlose Probleme zwischen den Käufern und der Gewog bei der Abwicklung der Kaufverträge, den Darlehensverträge und den Verträgen für Hypotheken. Zudem häuften sich die Baumängel und es gab nicht nachvollziehbare nachträgliche Preissteigerungen.

So wurde 1959 als Interessensvertretung der Kaufanwärter unter dem Vorsitz der Journalisten Erich Mayer-Stehle die Bürgergemeinschaft Leonberg-Ramtel (BG) ins Leben gerufen. Eine Klägergemeinschaft entstand und ein Rechtsfonds wurde eingerichtet. Eine treibende Kraft war der spätere langjährige Vorsitzende Walter Grimm. Erst 1964 wurde ein Erfolg erzielt und die Zahlungsnachforderungen der Gewog um ein Drittel.

Großes Problem über alle Jahre: der Verkehr

Fortan versuchte die Bürgergemeinschaft, die Gestaltung und Entwicklung der Neubaugebiete maßgebend zu beeinflussen. So setzte sie sich für eine neue Schule ein und so entstand in der 1960er Jahren die August-Lämmle-Schule, die heutige Marie-Curie-Schule. Doch schon in den Aufbaujahren kristallisierte sich heraus, dass der Verkehr im Ramtel zu einer großen Belastung für die dort Lebenden, wie überall in der Stadt, entwickelte. Und so verwundert es nicht, dass 1966 die Arbeitsgemeinschaft der Bürgervereine in der Großen Kreisstadt Leonberg gegründet wurde. Gemeinsam wollten sie sich mit den Verkehrsproblemen, aber auch mit dem Thema eines dringend benötigten Klärwerks beschäftigen. Die Querelen um das Letztere führten auch dazu, dass sich der Oberbürgermeister Otto Rexer aus dem politischen Leben zurückzog, was 1969 den Weg für den jüngst verstorbenen Alt-OB Dieter Ortlieb geebnet hat.

Kein Ikea, kein Multiplex

Die Bürgergemeinschaft rebellierte mit Erfolg gegen die Bebauungspläne im Ramtel II, die viel zu dicht ausfallen sollten, was selbst das Regierungspräsidium der Stadt attestierte. Sturm lief der Verein, als die Stadt auf der „Leonberger Heide“ auf den aufgegebenen Golfplätzen ein Wohnbaugebiet für rund 6000 Neubürger plante.

Auch bei der Gestaltung des Gewerbegebiets Riedwiesen tat der Verein immer wieder seine Bedenken kund. So im Jahr 1975 als eine Anlage zur Sammlung und Verwertung von Sondermüll im Gespräch war. Protest gab es auch 1977 als Schwabenland 2000 seine Fertighausausstellung aus Fellbach samt Vergnügungspark bis zum Ost-Anschluss aufbauen wollte. Auch Möbel-Mann mit seinem Wertkauf war 1980 nicht willkommen, ebenso Ikea zwei Jahre später. 1997 wollte ein Investor ein Multiplexkino ansiedeln, auch dagegen lief die BG Sturm.

Bereits 1986, als die Arbeiten am Ost-Anschluss begannen, machte sich die Bürgergemeinschaft für den Westanschluss stark. Nur so könne der Ziel- und Quellverkehr der B295 unverzüglich auf die Autobahn gelangen. Bei den Bürgervereinen und Menschen im Westen der Stadt, machte man sich damit keine Freunde. Ebenso, als der Verein vehement für die Renaturierung der alten Autobahn stritt. Als Sieg wurde es gefeiert, als im Februar 1997 der Gemeinderat es ablehnte, die Machbarkeitsgutachten für einen Hasenbrünnele-Tunnel und die alte Autobahntrasse als Umgehungsstraße im Auftrag zu geben.

Neuer Wind mit der langjährigen Vorsitzenden Martina Weise

Noch einmal heiß ging es her, als 2005 wieder die „Kirschgärten“ aktuell wurden. Die BG sprach sich auch gegen die Bebauung aus. Gemeinsam mit der Kirschgärten-Initiative, dem Bund, der Nabu, der Gabl, der Radl-Gruppe, der Frauengruppe und Bürgern von Gerlingen demonstrierte sie gegen die Bebauung des Areals. Doch aus unbekannten Gründen hat sich die Bürgergemeinschaft dann aus der Initiative verabschiedet. Ab Sommer 2005 wurde es still um die Bürgergemeinschaft. Es wurde sogar ernsthaft über die Auflösung des Bürgervereins nachgedacht.

Im Jahr 2007 bringt ein neuer Vereinsausschuss, dem auch die spätere Vereinsvorsitzende Martina Weise (ab 2009) angehört, neuen Wind in den Verein. Ein Nothelferdienst, der kurzfristige Hilfe anbietet, wird aufgebaut. Die Bürgergemeinschaft veranstaltet vier Mal im Jahr eine Bürgersprechstunde. Eine Vereinszeitung die Ramtelpost wurde gegründet. 2008 erfolgt die Gründung der Ramtel-Brücke - ein soziales Netzwerk von Einrichtungen, die im sozialen und Bildungsbereich aktiv, das seither von der BG koordiniert wird. 2015 kommt der Stelldichein-Nachmittag dazu, eine Kooperation mit der Kirche.

Viele Aktivitäten bleiben bestehen

„Als Erfolg verbuchen wir auch, dass 2018 nach acht Jahren Kampf die alte Autobahntrasse endlich eine Beleuchtung bekommen hat“, sagt Martina Weise im Rückblick. Sie wird nun für ein Jahr als Liquidatorin Ansprüche von Gläubiger an den Verein entgegennehmen. Erst dann ist das Vereinsvermögen zugänglich. „Das wollen wir dann an die Leonberger Tafel spenden“, sagt Martina Weise. Doch ganz verabschieden will sie sich nicht von den initiierten sozialen Projekten wie das Basteln mit den Senioren in der Seniorenresidenz und dem Stelldichein-Nachmittag in der Kirche. Auch die Ramtel-Brücke soll weiter bestehen. In der Planung hat sie zudem einen lebendigen Adventskalender im Viertel und ein Bürgerforum zum Austausch in der Ramtelkirche.

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