Bürgermeisterwahl in Weil der Stadt Mit dem Kandidaten auf dem Spielplatz

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„Ich will ansprechbar sein“, sagt Christian Walter. Auch dann, wenn er am 16. August Bürgermeister wird. Foto: factum/Andreas Weise

Weil der Stadt - Nachmittags auf dem Spielplatz? Bei den Bartels ist das nichts Außergewöhnliches. „Wir sind sowieso hier“, sagt der Vater Matthias Bartel. Er freut sich trotzdem über den Gast, der sich dazugesellt. Christian Walter ist Bürgermeisterkandidat, beim ersten Wahlgang vor anderthalb Wochen hat er mit 47 Prozent alle anderen Bewerber weit überflügelt. Jürgen Katz – jener Mitbewerber, der zehn Prozent dahinter lag, aber als einziger neben Walter zweistellig – hat längst zurückgezogen.

Also ist doch für den zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag alles entschieden, oder? Matthias Bartel schüttelt mit dem Kopf. „Wenn jeder so denkt, dann gibt es eine Wahlbeteiligung von unter 20 Prozent“, sagt der Weil der Städter, der am Blammerberg wohnt. „Ich freue mich, dass ich hier die Gelegenheit habe, Christian Walter kennenzulernen.“

„Ich will noch einmal mit Ihnen reden“

Ein kleines Grüppchen von Weil der Städtern hat sich versammelt, etwa ein Dutzend Leute. Manche sind eh da, manche sind extra gekommen, so wie Karin Frey. „Ich will noch einmal mit Ihnen reden“, sagt sie und betont das „noch einmal“ so, als steige Christian Walter bald auf, abgehoben, auf den unerreichbaren Bürgermeistersessel. „Ich habe vor vier Jahren die Ausbildung zur Stadtführerin gemacht“, erzählt Karin Frey dann. Ein optimistischer Start in die Tourismus-Zukunft Weil der Stadts war das damals, aber dann sei die Bürokratie gekommen. „Eine Dame rief mich mal an“, berichtet Frey. Sie wollte eine Karte für die Gaumenkitzel-Tour, die es nur im Vorverkauf gibt. „Man hatte ihr gesagt, sie müsse selbst vorbeikommen, zwischen 11 und 17 Uhr in die Touri-Info. Dabei wohnt sie in Göppingen.“

Ein kleines Mosaik ist das nur, aber Christian Walter hört genau zu. Der 30-Jährige ist leger gekommen, in Sportschuhen und Hemd. Optisch unterscheidet er sich von den Eltern auf dem Spielplatz höchstens durch die Jeans, die trotz der tropischen 35 Grad lang ist. Mit der S-Bahn kommt er derzeit jeden Morgen aus Stuttgart angefahren, das Fahrrad, mit dem er alle Wahlkampf-Termine absolviert, lehnt jetzt an einem Baum. „Ich gebe gleich ohne lange Vorrede an Sie ab“, sagt er. Er ist gespannt auf die Fragen der Bürger. „Ich hätte gern mehr Input, wo Ihnen der Schuh drückt.“

Walter will mehr Social-Media

Das Thema Tourismus ist angesprochen, an dem sich ganz gut beobachten lässt, wie Christian Walter denkt. Praktisch-pragmatisch, nach Lösungen suchend, und immer auch durch die Brille seiner Generation blickend. Was die Verwaltungsregeln einer Kommunaladministration nicht hergeben, muss eben anders gelöst werden. „In Stuttgart werden auch keine Eintrittskarten über die Stadtkasse verkauft“, sagt er in Richtung Karin Frey. „Es gibt aber externe Dienstleiter, die das übernehmen könnten.“ Weil der Stadt müsse sich als Tourismus-Magnet besser etablieren, die große Marktplatz-Sanierung sei dafür der „richtige Schritt“.

Jetzt brauche es noch eine Gastronomie mit Außenterrasse auf dem Marktplatz und ein Hotel, aber das sei ja bereits im Häugern vorgesehen. Und mehr Werbung. „Wenn ich in Stuttgart erzähle, ich kandidiere in Weil der Stadt, dann klingelt da bei den meisten erst einmal wenig – außer dass das als Ende der S 6 auf vielen Bahnen steht“, erzählt er. „Gerade bei Leuten meiner Generation.“ Wie es besser geht? „Wir brauchen mehr Social-Media“, sagt er. „Allein schon, wenn wir die Stadt auf Instagram bewerben, bekommen die jungen Leute das mit.“ Darin sehe er ein „Mega-Potenzial“.

Wozu noch Wahlkampf?

Viele sehen die Bürgermeisterwahl längst als entschieden an. Wie also macht man Wahlkampf, wo es nichts mehr zu erkämpfen gibt? Ganz einfach: Christian Walter lässt sich wenig davon beeindrucken und startet voll durch. Allein am Montag: Zuerst war er auf einem Bio-Bauernhof in Merklingen, dann bei Grama-Natursteine in Merklingen, je eine Stunde auf den Spielplätzen Jahnstraße und Burgunderstraße am Blammerberg und dann noch bei den Erzieherinnen und Elternbeiräten der Kita „Kindertreff“ in Weil der Stadt. „Mein Motto in dieser Woche ist, dass ich weiterhin vor Ort bin“, sagt er. „Ich lehne mich nicht zurück.“ Die Resonanz sei gut, es gebe noch viele Menschen, die neugierig auf ihn sind.

So wie Michael Schray, der zwar in der Weiler Altstadt wohnt, aber zum Spielplatz am Blammerberg gekommen ist. „Wie wollen Sie für mehr Transparenz sorgen?“, will er von Walter wissen. Michael Schray nennt als Beispiel die Marktplatz-Sanierung. „Bei 30 Millionen Euro Schulden – für was brauchen wir da einen so teuren Marktplatz?“, fragt er sich. Die Transparenz funktioniere nicht, von der Kostensteigerung beim Marktplatz habe man kaum etwas erfahren.

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Tatsächlich hatte es zum Marktplatz eine Bürgerinfo-Veranstaltung in der Stadthalle gegeben. Die Kostensteigerung hatte die Stadtverwaltung im April per Pressemitteilung bekannt gegeben. Christian Walter sieht ebenfalls Nachholbedarf. „Transparenz – oder vorher schon Information – ist für mich ein großer Punkt“, sagt er. „Das fängt mit ganz banalen Dingen an.“ Auf der städtischen Homepage sei noch vier Tage vor der Bürgermeister-Kandidatenvorstellung keine Uhrzeit angegeben worden. Er wolle für eine bessere Internetseite sorgen, auf der mehr Infos – etwa zum Marktplatz – zu lesen sind.

Ein Termin jagt den anderen

Matthias Bartel hat eine ganz andere Frage. „Was bringen dem Bürger eigentlich die Stadtwerke?“, will er wissen. Für Christian Walter ist der plötzliche Themenwechsel kein Problem. Eine der Aufgaben von Stadtwerken sei die Beratung der Bürger. „Den Vertrieb von Strom sollten wir auch angehen“, sagt er. „In Stuttgart bieten die Stadtwerke hundert Prozent Ökostrom an. Es wäre toll, wenn das auch hier klappt.“

Christian Walter muss weiter, zum nächsten Termin. Die Vorbemerkung von Karin Frey aber hat er nicht vergessen. Dass er nämlich, nach seiner Wahl zum Weiler Bürgermeister, nicht mehr zu sprechen sei. „Ich will ansprechbar sein“, sagt er. Natürlich digital. Aber auch zum Beispiel bei regelmäßigen Einwohnerversammlungen, in allen Ortsteilen. Dann radelt er weiter.

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