Bürgermeisterwahl in Weil der Stadt Der Traumjob wäre für Christian Walter im Rathaus

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Kurze Pause an der Würm: Vom dort angrenzenden Merklinger Ried ist Christian Walter begeistert. Foto: factum/Andreas Weise

Weil der Stadt - Alle Wahlkampf-Termine absolviert Christian Walter derzeit mit dem Fahrrad. Das ist anstrengend in einer Stadt mit fünf Ortsteilen, die sich zwischen den Heckengäu-Hügeln verteilen. Aber man kommt rum – zum Beispiel vorbei am Merklinger Ried, zwischen Weil der Stadt und Merklingen gelegen. „Das ist ein wirkliches Juwel für Weil der Stadt“, hat er dabei festgestellt.

Am 2. August wählen die Weil der Städter den neuen Bürgermeister. Unter den neun Kandidaten werden dem von den Grünen unterstützten Christian Walter gute Chancen zugerechnet. Er klappert derzeit die Vereine ab, besucht die Parteien und organisiert Stadtteilspaziergänge. Fast 100 Leute waren in Merklingen, 40 in Hausen – er selbst ist erstaunt über die große Resonanz.

Und zwischen all den Terminen entspannt er, zum Beispiel im Merklinger Ried. „Die Natur- und Vogelfreunde Merklingen und die Nabu-Mitglieder haben mir das Ried ausführlich gezeigt“, erzählt er. Gegen ein kleines Entgelt übernehmen die Vogelfreunde die Pflege dieses Naturschutzgebiets. „Ich finde es toll, dass so ein Natur-Projekt von der Bürgerschaft getragen ist“, sagt Walter.

Umstrittenes Neubaugebiet Häugern

Und schon ist er mittendrin in den Weiler Themen. Zum einen ist da das große ehrenamtliche Engagement in den rund 130 Vereinen der Stadt, zum anderen das größte kommunalpolitische Projekt, das Neubaugebiet Häugern. Oberhalb vom Ried soll in den kommenden Jahren auf zehn Hektar Wohnraum entstehen. Der Gemeinderat hat dazu alle Planungen in die Wege geleitet. Nur die Grünen waren immer gegen die Bebauung der Streuobst-Wiesen im Häugern. Wie also positioniert sich Christian Walter?

„Wer auch immer neuer Bürgermeister wird“, sagt er, „er wird das Baugebiet nicht stoppen.“ Es gehe jetzt darum, das Gebiet so zu entwickeln, dass das Ried nicht gefährdet und vom Wasserzustrom abgeschnitten wird. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das technisch möglich ist und passiert“, sagt der Kandidat. Bei seinen Gesprächen habe er festgestellt, wie groß die Not an Wohnraum in der Stadt ist. Studenten hätten ihm berichtet, hier gerne eine WG gründen zu wollen – aber keine Wohnung finden. Und junge Familien, die von hier stammen, würden gern in der Stadt bleiben.

„Der Häugern und das Gebiet Schwarzwaldstraße werden jetzt entwickelt – aber dann muss sich Weil der Stadt auf die Innenentwicklung konzentrieren“, sagt Walter. Die spannende Frage allein ist: Wie geht Nachverdichtung? Er nennt als eine seiner Ideen das „Nufringer Modell“, bei dem die Kommune älteren Eigentümern hilft, in barrierefreien Wohnungen unterzukommen, damit Familien in die Einfamilienhäuser einziehen können. „Es gibt in Weil der Stadt eine riesige Nachfrage nach barrierefreien Angeboten“, berichtet er von einer zweiten Beobachtung bei seinen Gesprächen. Walter lobt da zum Beispiel das Projekt in der Schafhausener Ortsmitte, das derzeit errichtet wird.

Aufgewachsen ist Christian Walter in Neckarsulm (Kreis Heilbronn), einer Stadt mit vier Ortsteilen und 26 000 Einwohnern – also etwa vergleichbar mit Weil der Stadt, wie er erzählt. In Stuttgart hat er Deutsch, Politik/Wirtschaft und Sport auf Lehramt studiert und dabei seine Leidenschaft für Politik entdeckt. Mit Kommilitonen saß er im Studentenwohnheim und hätte eigentlich gern eine WG gegründet. „Aber eine geeignete Wohnung zu finden, war schon damals der blanke Horror – da haben wir gesagt, wir müssen das ändern“, erinnert er sich. Also gründeten die jungen Leute die „Junge Liste“, für die er 2014 in den Stuttgarter Gemeinderat einzog.

Zwei Jahre später fasst Stuttgart einen Beschluss, der die Zweckentfremdung von Wohnungen verbietet, also zum Beispiel die Umwandlung von Wohnungen in lukrative Ferienwohnungen. Für Walter eines der Beispiele, dass man in der Kommunalpolitik was erreichen kann. „Kommunalpolitik bedeutet für mich Nähe zum Menschen, und man kann konkret vor Ort anschauen, was man beschließt“, sagt er.

2017 wird er Referendar am Gymnasium Renningen, heute ist er Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Stuttgart. Im Heckengäu habe es ihm als passionierter Radfahrer gleich gefallen, erzählt er. Sein erster Eindruck damals: „Weil der Stadt ist idyllisch im Würmtal gelegen – super schön.“

Er will wieder aufs Land

Jetzt bezeichnet der 30-Jährige das Bürgermeisteramt als seinen „Traumberuf“. Schon als Stuttgarter Stadtrat habe er sich gefragt, wie es wäre, in die verantwortliche Position vorzurücken. „Es muss aber eine Stadt sein, in der ich mich wohl fühle“, sagt er. Es ziehe ihn nach Jahren in Stuttgart wieder aufs Land. „Und ja“, sagt er dann zu seiner Qualifikation, auf die er als Nicht-Verwaltungswirt immer wieder angesprochen wird, „ich traue es mir zu einhundert Prozent zu“. Er habe Politik und Wirtschaft studiert, trage in Aufsichtsräten Verantwortung für viele Mitarbeiter, habe viele Fortbildungen zu Verwaltungsthemen absolviert und sei nun seit einem Jahr auch in der Verantwortung als Fraktionsvorsitzender. „Ein Bürgermeister muss Visionen haben, und wissen, wie man sie umsetzt“, erklärt der Kandidat, der keinen Zweifel daran lassen will, dass er beides hat.

Wobei das mit den Visionen so eine Sache ist in einer Stadt, die nicht einmal genug Geld hat, um nachts die Straßenbeleuchtung eingeschaltet zu lassen. Finanzen bezeichnet Walter als den Bereich, in dem er sich am sichersten fühlt. „Da ist in Weil der Stadt Krisenmanagement gefragt, und auch das traue ich mir zu“, sagt er. Hochwertige Firmen will er in der Stadt ansiedeln, die Gewerbesteuern zahlen. Stadtwerke könnten ein Teil der Lösung sein und mehr Tourismus in der Altstadt. „Das große Thema hier ist die Suche nach Fördermitteln“, sagt er. Fördermittel seien auch eine Lösung für das marode Schulzentrum. „Eine Privatfinanzierung schließe ich aber aus“, sagt er.

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