Bürgermeister gesucht Die Weil der Städter haben die freie Wahl

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Fünf der neun Kandidaten haben in Weil der Stadt ihre Bewerbungsfotos im Stadtgebiet aufgehängt. Foto: factum/Simon Granville

Weil der Stadt - Zu einer Job-Beschreibung gehören die Aufgaben, die einen Bewerber erwarten. Und da kann es einem schwindelig werden: Etwa 150 Millionen Euro müsste Weil der Stadt investieren, um auf den Stand zu kommen, auf dem vergleichbare Städte wie Renningen und Gerlingen heute schon sind. Das Feuerwehrhaus ist das schlechteste im Landkreis, betont der Feuerwehrkommandant Jürgen Widmann regelmäßig. Die Schulen fallen auseinander, per Notverordnung musste der Bürgermeister im vergangenen Jahr drei Räume vom Schimmel befreien lassen. Und um die Straßen ist es genauso schlecht bestellt.

All das gilt es zu regeln – aber wer will sich das antun? „Meine sieben Bürgermeisterjahre in Weil der Stadt haben sehr viel Kraft gekostet“, schrieb der amtierende Rathauschef Thilo Schreiber im März, als er ankündigte, sich nicht für eine zweite Amtszeit zu bewerben. Viele Probleme und viele Schulden. Der 54-jährige Schreiber jedenfalls will nach acht Jahren, die „überwiegend von Krisenmanagement“ geprägt gewesen seien, nicht mehr.

Chef von 400 Mitarbeitern und Repräsentant von 19 200 Bürgern

Wer also dann? Am Sonntag haben die Weil der Städter die Wahl – und dabei sogar eine richtige Auswahl, was heute selbst in ungleich reicheren Kommunen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Denn zu der speziellen Weil der Städter Job-Beschreibung (viele Probleme und viele Schulden) kommt noch die allgemeine hinzu: Der Bürgermeister als 24-Stunden-Arbeiter, Chef von 400 Mitarbeitern, Anführer von 27 selbstbewussten Gemeinderäten und Repräsentant von 19 200 Bürgern in fünf Ortsteilen.

Der örtliche Unternehmer Ralf Boppel war der erste, der seinen Hut in den Ring geworfen hat. Als Weil der Städter für Weil der Stadt hat er sich im Wahlkampf präsentiert. In der Politik oder der Kommunalverwaltung hat er zwar noch nie gearbeitet. „Das ist kein Hindernis, schließlich verwalte ich auch eine Firma“, fand er. Auch für die Merklingerin Silvia De Benedictis war der Wahlkampf die Premiere auf dem politischen Parkett. „Es sollte nicht so sein, dass nur Menschen mit einem bestimmten Geschlecht oder Ausbildung Bürgermeister werden“, findet die Kfz-Mechanikerin, die mit ihren mit ihren Erfahrungen als Mutter zu punkten versuchte. Mit Alexander Schopf kam dann ein Kandidat hinzu, der in der FDP die Unterstützung einer Partei fand. Und ein promovierter Mineraloge ist.

Überhaupt ist das die Besonderheit dieses Wahlkampfes: Es sind keine klassischen Bewerber dabei, die in Ludwigsburg das Verwaltungsfach studiert haben und dann nach Jahren als Amtsleiter oder Bürgermeister einer kleineren Gemeinde in Weil der Stadt das Sprungbrett auf die große Bühne suchen. Wer wird es also?

Einen klaren Favoriten gibt es nicht, dafür ein spannendes Duell zwischen dem amtierenden Beigeordneten Jürgen Katz und Christian Walter, bislang Lehrer und Stadtrat in Stuttgart. Katz, von den Freien Wählern unterstützt, verwies auf seine Erfahrungen und Weichenstellungen, die er in seinen vergangenen zwei Jahren in Weil der Stadt für die Lösung all der Probleme getätigt habe. Durchaus pointiert ging er dabei zuletzt auf Konfrontation: „Wer zwanzig Jahre Berufserfahrung als Stadtentwickler mitbringen soll, dazu geballte Führungserfahrung als Geschäftsführer und Beigeordneter, der muss älter und reifer als 30 Jahre sein.“

Duell Katz/Walter

Das ging gegen Christian Walter, 30 Jahre alt und von den Grünen unterstützt. Frischer Wind und den neutralen Blick von außen waren sein Angebot. Eine langfristige Perspektive, die er in zwei Amtsperioden würde umsetzen können – mindestens. „Herzlich und offen bin ich in Weil der Stadt empfangen worden“, berichtet Walter. „Eine große Lust ist spürbar, dass jemand von außen kommt.“

Am Sonntag nun ist Wahl, wobei viele Weil der Städter schon gewählt haben. Es ist ein Urnengang in Corona-Zeiten, die Stadtverwaltung hatte deshalb die Briefwahlunterlagen schon prophylaktisch an alle Wähler versandt und die Wähler aufgerufen, diese zu nutzen. Bis Freitag sind 5200 Briefe eingegangen, berichtet die Wahlorganisatorin Nina Weik: „Wobei heute und am Sonntag sicherlich noch einiges dazukommt.“ Zudem wurde die Zahl der Wahlhelfer, die die Briefwahl auszählen, verdoppelt.

Es verspricht also ein ruhiger Sonntag in den Wahllokalen zu werden. Zeit für die Kandidaten, durchzuatmen. „Ich werde am Sonntag Sport machen, um den Kopf frei zu bekommen“, sagt Christian Walter. Und Jürgen Katz nutzt die freien Minuten für einen Besuch bei seinen Eltern in Freudenstadt.

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