Brückensprengung bei Vaihingen/Enz Das explosive Ende der Egelseebrücke

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Die Egelseebrücke bei Vaihingen/Enz: Am Samstagmorgen schlug ihr letztes Stündchen. Foto: factum/Simon Granville

Vaihingen/Enz - Samstagmorgen. Es regnet. Der Himmel ist grau, das Gras nass. Während sich manche Menschen im Kreis Ludwigsburg noch genüsslich unter der Bettdecke rekeln, stehen ein paar Dutzend andere mit Bauhelmen hinter einem Absperrband auf einem Feld bei Vaihingen/Enz. Die Blicke sind in die Ferne gerichtet. Dort, am Horizont, ist eine weißgraue Abdeckung zu erkennen, unter der sich die Egelseebrücke über die Enz spannt. Noch.

Das letzte Stündchen der Brücke hat geschlagen. Weil sie marode ist, soll sie an diesem Morgen gesprengt werden. Die ursprüngliche Brücke war zum Ende des Zweiten Weltkrieges gesprengt und im Jahr 1948 auf alten Unterbauten wieder aufgebaut worden. Bei einer Überprüfung 2014 stellte man Schäden am Tragsystem fest. Daraufhin wurde der Verkehr auf der Egelseebrücke beschränkt und direkt nebenan eine Behelfsbrücke gebaut. Langfristig soll aber ein Neubau her.

Seit vier Wochen wird die Sprengung geplant

Martina Stahn vom Sprengunternehmen Lothar Rapp prüft den Zündkreis, die elektrische Verbindung der Zünder. „Wir können anfangen“, ruft Sprengmeister Lothar Rapp, der das Unternehmen mit seinem Sohn Jens leitet. Es folgen zwei Hornsignale, dann ein dumpfer Schlag – die akustische Begleitung einer kleinen Sprengung unter Wasser, die Fische aus der Nähe der Brücke vertreiben soll. „Drei, zwei, eins...“, zählt Rapp herunter, dann stürzt die Brücke zusammen, gefolgt von einem bombastischen Knall, der etwas später bei den Schaulustigen ankommt. Ein Raunen geht durch die Menge. Es riecht nach Silvester.

Alle müssen stehen bleiben – für den Fall, dass noch einmal gesprengt werden muss. Doch nach wenigen Minuten steht fest: Alles ist nach Plan verlaufen, das Gelände freigegeben. Die Anwesenden klatschen, Jens Rapp atmet auf. „Ich bin erleichtert“, sagt der Sprengmeister. Was innerhalb von Sekunden über die Bühne ging, hat er seit Wochen organisiert. Rapp: „Das war eine Woche Planungsarbeit mit den Ingenieuren. Im Anschluss kamen zwei Wochen Bohr- und eine Woche Lade- und Abdeckarbeiten.“

Die 380 Bohrlöcher in den Unterzügen und an zwei Pfeilern der Brücke haben sie mit 400 Kilogramm Sprengstoff präpariert. Um zu verhindern, dass die Bauteile unkontrolliert durch die Luft fliegen, deckten Rapp und seine Mitarbeiter die Enzbrücke mit Matten ab. So sollten das nahe gelegene Vereinsheim des örtlichen Fußballvereins und die Behelfsbrücke geschützt werden.

Die Egelseebrücke stand mitten im Naturschutzgebiet. Für die Fische scheute man keine Mühe. Der Fischereiverein siedelte am Freitag zahlreiche Exemplare um. Evakuiert wurden auch 42 Anwohner, berichtet Thorsten Gellhaus, der Leiter des örtlichen Polizeireviers. „Drei weitere Personen haben ihre Häuser vorsichtshalber freiwillig verlassen.“

7,6 Millionen Euro kosten Abbruch und Neubau

Die ersten Bagger nähern sich der kaputten Brücke. Für Martin Stein und seine Mitarbeiter des Entsorgungsdienstes beginnt ein Großteil der Arbeit erst jetzt. Sie fahren mit den Fahrzeugen seitlich in den Fluss und räumen die Matten zur Seite. Anschließend zerlegen sie die Brücke und verladen sie auf Lkws. „Die Prämisse ist, etwa 20 Meter bis heute Abend freizulegen“, sagt Stein. Die Enz soll möglichst schnell wieder natürlich fließen können. Spätestens am Mittwoch soll der Fluss nach Steins Plan komplett freigeräumt sein.

Neben den Mitarbeitern der Firmen, die den Abbruch erledigen, steht auch der Vaihinger Bürgermeister Gerd Maisch am Enzufer und blickt mit Andreas Hollatz vom Landesverkehrsministerium und dem Staatssekretär des Bundesverkehrsministeriums, Steffen Bilger, auf die kaputte Brücke hinab. Der Bund bezahlt Abbruch und Neubau der Egelseebrücke. 1,2 Millionen kostet der Abbruch, der Neubau voraussichtlich 6,4 Millionen Euro.

Arbeiten dauern bis Mitte 2021

Die alte Stahlbetonbrücke soll von einer 92 Meter langen und zwölf Meter breiten Spannbetonbrücke ersetzt werden. Die neuen Pfeiler werden sich optisch von den alten unterscheiden, teilt das Regierungspräsidium mit. Die Durchfahrt unter dem Bauwerk wird sich von bisher 3,10 auf 4,50 Meter erhöhen.

Bis es so weit ist, wird noch einige Zeit verstreichen. Die unter der Brücke verlaufende Walter-de-Pay-Straße soll bis Mitte 2020 gesperrt bleiben. Der Sprengung am Samstag werden noch mehrere kleinere Sprengungen folgen. Erst Ende Oktober werden alle Begleitarbeiten des Abbruchs abgeschlossen sein. Direkt im Anschluss wird das neue Brückenbauwerk gebaut, damit die Arbeiten im Flussbett im März beendet sind. Von März bis Juni sind Eingriffe in die Enz nämlich zum Schutz der Fische verboten. Die Arbeiten am Brückenneubau werden sich voraussichtlich bis Mitte des Jahres 2021 hinziehen.

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