Brandstiftung in Weil der Stadt Kinderweinen im Kopf und dann gezündelt

Von Henning Maak
Der Prozess am Landgericht soll bis Mitte Juni andauern. Foto: dpa/Peter Steffen

Der Mann auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts spricht zwar mit leiser Stimme, aber klar und geordnet. „Heute ist er in einem guten Zustand“, sagte seine Verteidigerin Franziska Rückert über den 42-Jährigen. Doch bis Anfang dieses Jahres war der Ingenieur häufig in keinem guten Zustand – weswegen er seit einigen Monaten im Zentrum für Psychiatrie Weissenau vorläufig untergebracht ist und dies nach dem Willen der Staatsanwaltschaft auch noch länger bleiben soll. Dies soll in einem so genannten Sicherungsverfahren bis Mitte Juni geprüft werden.

Als Assad-Gegner im Gefängnis gelandet

Die Anklagebehörde wirft dem Mann elf Straftaten vor – versuchte schwere Brandstiftung, gefährliche Körperverletzung, einen Verstoß gegen das Gewaltschutzgesetz und achtfache Sachbeschädigung. Der Mann soll die Taten zwischen August vergangenen Jahres und Januar dieses Jahres im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen haben, da er unter einer schizophrenen Psychose leide. Er sei aber für die Allgemeinheit gefährlich, es seien weitere rechtswidrige Taten von ihm zu befürchten.

Der 42-Jährige Sohn eines Imams wurde als sechstes von elf Kindern in Syrien geboren. Er hat ein Studium zum Ingenieur für Erdöl- und Erdgastechnik abgeschlossen, jedoch nie in seinem Beruf gearbeitet. Weil seine Familie in Opposition zum Assad-Regime stand, kam der Mann außerdem mehrfach ins Gefängnis und wurde geschlagen. „Ich wurde verfolgt und war psychisch belastet, schon in Syrien litt ich an Depressionen und wurde ärztlich behandelt“, berichtete der 42-Jährige.

Bei Flucht 17 000 Euro an Schleuser bezahlt

Im Jahr 2015 sei er über den Landweg mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Deutschland geflohen, dafür habe seine Familie rund 17 000 Euro an Schleuser bezahlt. In Deutschland seien seine Depressionen wieder schlimmer geworden, nachdem sich seine Frau von ihm habe scheiden lassen und er nur noch zweimal pro Woche telefonischen Kontakt zu seinen Kindern gehabt habe. Immer wieder sei er in den vergangenen Jahren ins Zentrum für Psychiatrie in Calw gekommen.

Der schwerste der insgesamt elf Vorwürfe lautet auf versuchte schwere Brandstiftung: Er soll Anfang Januar dieses Jahres in einem Fahrrad-Abstellraum eines Flüchtlingsheims in der Luisenstraße in Weil der Stadt, in dem 34 Menschen wohnen, einen Kinderwagen angezündet haben. Da in der Nähe ein Holzbalken gewesen sei, habe die Gefahr bestanden, dass sich daraus ein größerer Brand entwickelt. Der 42-Jährige räumte vor Gericht unumwunden ein, den Kinderwagen angezündet zu haben, sagte aber, Das Heim habe er jedoch nie in Brand setzen wollen. „Der Balken war mehr als einen Meter entfernt“, erläuterte er.

Papiere wegen schwarzer Magie verbrannt

Er sei traurig gewesen, da er keinen Kontakt zu seinen Kindern hatte, weil seine Tochter ihre SIM-Karte im Handy gewechselt hatte. Er habe eine Frauenstimme und Kinderweinen im Kopf gehört, daher sei er auf den Kinderwagen gekommen. Zudem seien die anderen Flüchtlinge neidisch auf ihn gewesen, weil er eine Frau und Kinder habe. „Ich war müde und psychisch belastet, nach dem Anzünden fühlte ich mich leichter“, erklärte der Mann. Er räumte auch ein, zuvor im Vorhof einer Kirche in Weil der Stadt zwei Türen und einen Tisch angezündet zu haben.

Auch die anderen zehn Straftaten, die zwischen August und November vergangenen Jahres geschahen, gab der Mann weitgehend zu: dass er im Streit mit einem Mitbewohner diesen mit einem Regenschirm geschlagen habe, weil er Angst vor ihm hatte. Dass er einen Anhänger mit einem Stein zerkratzt und an einem Fahrrad das Licht und Speichenreflektoren abgerissen habe.

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Dass er seinen eigenen Briefkasten aufgebrochen habe, weil er den Schlüssel verloren habe und in seiner Unterkunft verschiedene Papiere in einer Pfanne oder im Spülbecken verbrannt habe, weil sie ölig waren oder mit schwarzer Magie zu tun hatten. Auch dass er trotz eines Annäherungsverbotes an der Wohnungstür seiner Frau geklingelt hatte, weil er Hunger hatte, räumte der 42-Jährige ein.

Der Prozess wird am Donnerstag, 9. Juni, fortgesetzt, das Urteil soll dann am 15. Juni verkündet werden.

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