Booster-Impfungen Die Wartelisten werden immer länger

Von Stefanie Köhler und Kathrin Klette
Kranke Patienten, Vorsorgeuntersuchungen, Grippe-Impfungen: Zusätzlich zu den Booster-Impfungen müssen Ärzte wie Robin Maitra auch noch die Alltagsarbeit meistern. Viele Praxen sind dadurch völlig überlastet. Foto: Jürgen Bach

Altkreis - Die Wartelisten für Booster-Impfungen werden länger und länger – und die Mitarbeiter in Hausarztpraxen gehen auf dem Zahnfleisch. Termine für die Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus gibt es vielerorts erst wieder im Januar oder sogar erst ab Februar. Auch Ärzte im Altkreis Leonberg beklagen die Situation – und wünschen sich mehr Hilfe und vor allem mehr Vorausschau von der Politik. Denn so, wie es jetzt ist, haben vor allem die Patienten das Nachsehen.

„Schon seit Ostern impfen wir an freien Nachmittagen durchgehend, das sind unsere Impfnachmittage“, erzählt die Renninger Ärztin Barbara Mergenthaler. „Einen kleinen Teil der Sprechzeiten haben wir auch in Impfzeiten umgewandelt, was natürlich nicht ideal ist. Und bis Weihnachten haben wir einzelne Samstage ebenfalls für Impftermine freigehalten.“ Und trotzdem: Sobald neue Termine bekanntgegeben werden, sind sie fast auf der Stelle weg, die Nachfrage ist riesig. Als stellvertretende Vorsitzende der Kreisärzteschaft Leonberg hat sie ähnliche Rückmeldungen auch von anderen Medizinern bekommen.

„Wir impfen wie verrückt“

Beim Hemminger Hausarzt Robin Maitra sind allein diese Woche sind 450 Pikse gegen Corona angesetzt. „Wir impfen wie verrückt“, sagt er. Er habe erwartet, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) die Auffrischung des Corona-Schutzes für alle ab 18 Jahren empfiehlt - gut findet er das jedoch nicht. „Es sind noch nicht mal alle 80-Jährigen geimpft. Dass alles auf einmal geschieht, ist unglücklich. Eine geordnete Reihenfolge wäre besser gewesen.“ Damit meint Robin Maitra, es hätte schon gereicht, bei der Empfehlung für die Booster-Impfung alle ein bis zwei Wochen eine Altersgruppe dazu zu nehmen.

Auch Barbara Mergenthaler ist unzufrieden mit dem politischen Vorgehen. Eine Ankündigung, dass auf einen Schlag plötzlich jeder eine Auffrischungsimpfung bekommen darf, nicht nur die Älteren, „das weckt Erwartungen, die nicht zu erfüllen sind“. Wie kaum zuvor mache sich der wachsende Ärztemangel jetzt bemerkbar, „wir haben die Kapazitäten nicht mehr“. Sie appelliere daher an die Politiker, bei ihren Versprechungen die Realität nicht zu vergessen. „Man muss bedenken, dass wir auch noch unsere normale Arbeit verrichten müssen. Wir sind immer noch mit den Grippe-Impfungen zugange, die sind noch gefragter als sonst, und wir haben eine enorme Erkältungswelle. Und der Tag hat nur 24 Stunden.“

Kein Verständnis für Schließung der Impfzentren

„Meine Mitarbeiterinnen sind schon völlig überlastet“, bestätigt Rainer Merk, Allgemeinmediziner in einer Corona-Schwerpunkt-Praxis in Leonberg. Und die Alltagsarbeit leidet, „telefonisch kommen Patienten mit wichtigen Anliegen kaum noch durch, weil wir nur noch Anfragen wegen Corona beantworten“. Ihm sei es unverständlich, dass die Impfzentren aufgelöst wurden, „wo doch schon lange bekannt ist, dass wir die Booster-Impfungen brauchen“. Schon im Sommer habe es sich durch die Entwicklungen in Israel abgezeichnet, wo damals schon mit den Auffrischungsimpfungen begonnen wurde. „Die Lage ist seither völlig falsch eingeschätzt worden. Die Zahlen werden explodieren, das werden wir jetzt nicht mehr aufhalten können.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Alle News zur Coronapandemie

Robin Maitra hat indes festgestellt: Bisher hätten sich eher die Älteren boostern lassen, „jetzt buchen sich massiv die Jüngeren ein. Die Solidarität ist nicht sehr ausgeprägt“. Eine Verknappung der Termine entstehe, die nicht notwendig sei. „Wir haben genug Impfstoff.“ Trotzdem rennen die Patienten dem Arzt die Praxis ein, die ebenfalls eine Corona-Schwerpunkt-Praxis ist. Und Maitra versucht, allen Impfwilligen gerecht zu werden. „Die vierte Welle wird als bedrohlich empfunden.“ Auch die Jüngeren würden sehen, dass die Infektionen steigen, hätten Angst vor zunehmenden Einschränkungen und einer Erkrankung. Doch ein Problem bleibt: „Wir erreichen nach wie vor die Erstimpflinge nicht“, bedauert Robin Maitra.

Zur Impfung gehört mehr als nur ein Piks

Seine Praxis hat zwei Impfärzte. Zusammen schaffen sie pro Stunde 24 Impflinge. „Aber nur, weil wir die Patienten kennen.“ So müssen die Ärzte sie nicht erst lange danach fragen, welche Erkrankungen sie haben oder welche Medikamente sie nehmen. Robin Maitra sagt, eine Impfung sei weit mehr, als bloß zu piksen. In den Praxen werde terminiert, erfasst, aufgeklärt, dokumentiert. Dass die Vergütung pro Impfung mittlerweile bei 28 statt 20 Euro liegt und bei 36 Euro für Ärzte, die am Wochenende piksen, war aus Maitras Sicht dringend nötig. „Jetzt wird die Impfung so honoriert, dass viele Kollegen das kostendeckend machen können.“ Robin Maitra wird auch an Samstagen impfen.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Lage in den Kliniken ist „dramatisch“

Trotzdem werden zahlreiche Patienten in den nächsten Wochen das Nachsehen haben. „Wir fahren Routine-Termine runter und die Impfung hoch“, sagt Robin Maitra. Eine Akut- und Notfall-Sprechstunde ist gewährleistet, aber wer zum Beispiel zur Vorsorge kommen will, muss sich gedulden, bis er einen Termin erhält. Robin Maitra ist sich wohl bewusst, dass er damit etliche Termine vor sich her schiebt. Allerdings: „Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen.“

Strohgäu Leonberg Rutesheim Weil der Stadt Renningen Weissach Enzkreis-Gemeinden

Sonderthemen