Böblinger Anwohnerproteste Flüchtlinge im Haus unerwünscht

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Flüchtlinge sollen gefälligst woanders wohnen, befanden einige Böblinger Hausbewohner. Foto: dpa

Böblingen - An die große Glocke will die Stadt Böblingen diese Geschichte nicht hängen. Deshalb hat es eine ganze Weile gedauert, bis sie bekannt wurde und ein Redakteur der Kreiszeitung sie publik machte: Bereits im Januar haben Bewohner eines Mehrfamilienhauses in Böblingen den Einzug einer syrischen Flüchtlingsfamilie verhindert. Lautstark hatten sie sich vor dem Haus postiert. Ihre Botschaft: „Wir wollen keine Flüchtlinge bei uns im Haus!“.

Hinter dieser Forderung standen offenbar alle Bewohner und Wohnungseigentümer außer dem Vermieter. Wortführer waren zwei ältere Männer, beide Zuwanderer, der eine aus Kasachstan, der andere türkischstämmig. Bereits vor dem geplanten Einzug der Syrer waren die beiden Männer bei Oberbürgermeister Stefan Belz vorstellig geworden und hatten ihre Ablehnung dargelegt. Der OB befand: „Wir haben einen gültigen Mietvertrag.“ Diesen hatte die Stadt abgeschlossen. Sie wäre auch der Ansprechpartner gewesen, falls es Probleme mit den neuen Mietern gegeben hätte.

Stadt vermittelt nur gut integrierte Familien in Privatwohnungen

Doch Probleme hatte man nicht befürchtet. „Wir vermitteln nur ausgewählte Familien in Privatwohnungen. Familien, von denen wir wissen, dass sie sich an die Hausordnung halten und auch die Kehrwoche machen“, sagt Klaus Feistauer, der Chef des Amts für Soziales. „Diese syrische Familie – das waren Vorzeige-Flüchtlinge. Der Vater hat Arbeit, die Kinder sind alle in Kindergarten und Schule und sprechen Deutsch.“ In der Flüchtlingsunterkunft zuvor hätte die Familie alles sehr ordentlich gehalten. „Das sind sehr gut integrierte Leute.“

Doch diese Argumente interessierten die Bewohner des Mehrfamilienhauses nicht. Sie verwehrten den Einzug. Für die Familie mit drei kleinen Kindern wäre dieses aggressive Auftreten vor dem Haus sehr belastend gewesen, berichtet Feistauer. „Unsere Sozialarbeiter haben deshalb entschieden zu gehen. Wir wollten es der Familie nicht zumuten, in einem solchen Klima zu wohnen.“

Beata Zelezik-Rebmann, Mitglied im Böblinger Integrationsrat, versteht die Gründe, warum die Stadt in diesem Fall nachgegeben und den Einzug nicht erzwungen hat. Trotzdem findet sie, dass „dadurch das falsches Signal gegeben wurde, dass man mit Aggressivität Leute vertreiben kann. Das Auftreten der Bewohner war Hausfriedensbruch“, sagt sie. Zelezik-Rebmann hätte sich gewünscht, dass man die Polizei gerufen und den Einzug durchgesetzt hätte. „Der Mob darf nicht entscheiden, wer in die Nachbarschaft zieht.“

Probleme auch in Jugendhäusern

Der Integrationsrat fordert von der Stadt die Entwicklung eines Integrationskonzepts und die Anstellung eines Sozialarbeiters, der in Stadtteilen vermitteln soll, in denen es öfter zu solchen Problemen kommt. Denn ein Einzelfall ist der Vorgang vom Januar nur wegen der enormen Aggressivität der Beschwerdeführer. Doch „Vorbehalte gegen den Einzug von Flüchtlingen, das haben wir öfter“, räumt Feistauer ein. Jeder zweite Böblinger gehört zur Gruppe der Bürger „mit Migrationshintergrund“. Es gibt einen Integrationsrat, eine Integrationsbeauftragte und einen Interkulturellen Beirat. Trotzdem kommt es immer wieder zu Konflikten. „In Jugendhäusern gibt es öfter Streit zwischen verschiedenen ethnischen Gruppierungen“, berichtet Feistauer. „Da halten sich die einen für bessere Zuwanderer als die anderen.“

Einig ist sich der Sozialamtschef mit dem Integrationsrat, dass ein solches Verhalten nicht zu einer Stadt mit dem Titel „Ort der Vielfalt“ passt. Wie man künftig mit solchen Problemen umgeht, darüber soll der Gemeinderat beraten.

Und wie geht es der fünfköpfigen syrischen Familie? Die hat – ganz ohne Unterstützung der Stadt – eine andere Wohnung gefunden. „Probleme gibt es keine. So wie erwartet“, sagt Klaus Feistauer.

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