Auswirkungen der Corona-Krise „Mama, ich kann dich nicht mehr ertragen!“

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Elisabeth Kolofon, Karin Joos, Simone Notter, Christina Holler, Roland und Barbara Gommel, Alina Kroll (v.l.). Foto: factum/Simon Granville

Leonberg - Dieses Lob und diese Einschätzung kommt aus berufenem Munde: „Die Lebenshilfe ist für uns und unserer Kinder in oft ausweglosen Situationen zum Retter in höchster Not geworden“, sagen die Eltern mit schwerst und vielfach behinderten Kindern. In der Zeit, als das gesellschaftliche Leben wegen Corona fast auf Null runtergefahren war, sind sie oft mit ihren Problemen allein gelassen worden und standen vor riesigen zusätzlichen Herausforderungen.

Alina Kroll, Karin Joss, Simone Notter sowie Barbara und Roland Gommel haben sich jüngst mit der Geschäftsführerin der Lebenshilfe, Christina Holler, und mit der Beauftragten für Inklusion, Elisabeth Kolofon, getroffen. Um sich zu bedanken, aber auch um auf Probleme hinzuweisen, die Corona und die damit zusammenhängenden Verordnungen verursacht haben.

„Gott sei Dank gibt es dieses Angebot, sonst wären wir völlig aufgeschmissen“, sagt Alina Kroll. Was sie meint, ist „Auszeit in der Lebenshilfe“. Das ist zum einen Tapetenwechsel für Menschen mit Behinderung und zum anderen Entlastung für ihre Familien. Es geht darum, für ein paar Stunden raus aus dem eigenen Haus zu kommen, andere Gesichter zu sehen, Abwechslung bei Spiel und Spaß zu erfahren und um Betreuung in den Räumen der Lebenshilfe, was die Angehörigen entlastet.

Wenn der Sohn einen Traktor klaut

Alina Kroll weiß, wovon sie spricht. Ihr 20-jähriger Sohn musste von einem Tag auf den anderen die Schule und das Internat in Furtwangen verlassen. „Es ist ihm unmöglich, die Situation zu verstehen und die Veränderung zu ertragen“, schildert die Mutter. Nach drei Monaten zuhause sei die Situation eskaliert. Unbemerkt hatte sich der 20-Jährige ein Fahrrad geschnappt und ist nach Ditzingen gefahren.

„Auf einem Bauernhof hat er einen Traktor geklaut, ist losgefahren und hat sich damit überschlagen“, erzählt Alina Kroll noch immer entsetzt. Zum Glück ist niemand verletzt worden, die Maschine hat einen Totalschaden. Dazu kämen mehrere Stunden, in denen die Polizei den jungen Mann mit dem Hubschrauber gesucht hat. „Er konnte einfach den Frust nicht mehr ertragen und wollte in seine Schule fahren“, sagt Alina Kroll. Aggressiv habe den 20-Jährigen auch gemacht, dass „seine Schule“ sich überhaupt nicht gemeldet und nach ihm gefragt hat. Das „Eingesperrtsein“ daheim und die damit verbundene Situation habe dazu geführt, dass ihr Sohn ihr einen Satz zugeworfen habe, der noch nie über seine Lippen gekommen war: „Mama, ich kann dich nicht mehr ertragen!“ Alina Kroll ist immer noch traurig.

„Unsere Tochter geht gestärkt aus der Krise“

„Wir standen vor der Entscheidung, unsere 26-jährige Tochter aus dem Wohnheim zu nehmen oder den Kontakt komplett abzubrechen. Doch nach zwei Wochen wollte sie zurück ins Wohnheim und in Quarantäne“, schildert Karin Joos. „Man muss es Glück nennen, dass die Mitarbeiter mit in die Wohngruppe eingezogen sind – Respekt dafür“, sagt die Mutter. Und sie haben die Bewohner gut an die Hand genommen, sagt Karin Joss voll des Lobes. „Sie kann heute vieles, was sie davor nicht schaffte: allein ins Wohnzimmer finden, die Toilette besuchen – sie hat sich ein bisschen abgelöst von uns.“ Die Mutter ist stolz: „Eigentlich ist unsere Tochter gestärkt aus der Krise hervorgegangen.“

Auch Barbara und Roland Gommel standen vor dem Dilemma, die 36-jährige schwerst mehrfachbehinderte Tochter aus dem Wohnheim nach Hause zu holen. Während die Mutter stundenweise arbeitet und zudem die eigene 90-jährige demente Mutter pflegt, war die Tochter oft mit dem Vater allein. „Richtig glücklich war sie, als sie zur Auszeit in der Lebenshilfe konnte und zwei, drei Stunden nicht daheim war“, schildert der Vater die Situation. Das Zurück ins Wohnheim, der sehnlichste Wunsch der Tochter hat sich schwer gestaltet, schildern die Gommels. Die Alternative zu 15 Tagen Quarantäne sei ein Corona-Schnelltest gewesen. „Doch alle Ärzte in der Stadt, die den machen konnten, waren im Urlaub“, erzählt Roland Gommel. Nur durch eine Bekanntschaft in einem Stuttgarter Krankenhaus sei der Test möglich geworden. „Nun ist unsere Tochter wieder froh in ihrer Betreuungsgruppe“, sagen die Eltern.

„Das Schlimmste, ja eine Katastrophe für unsere Kinder ist es, wenn Mitarbeiter oder ihr Gegenüber eine Maske tragen und sie das Gesicht des Menschen nicht sehen können“, sind sich Alina Kroll und Karin Joss einig. Zu Hause sei jeder Tag anders, das verstöre und mache sogar aggressiv. Es fehlen die Strukturen und die Rituale, die Menschen mit Behinderung Sicherheit geben und ein langsam vertraut gewordenes soziales Umfeld.

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