Ausstellung in Weil der Stadt Jede Entscheidung bedeutet auch Verlust

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Judit Tomcsik und Gergely Mészáros präsentieren ihre Werke. Foto: factum/Jürgen Bach

Weil der Stadt - Nein, die Ausstellung in der Wendelinskapelle in Weil der Stadt hat nichts mit dem neuartigen Coronavirus zu tun. Auch wenn das eine oder andere Exponat vielleicht an die stachelige Kugelform des Erregers erinnern könnte und obwohl der Titel der Ausstellung „Natur des Mangels“ als Hinweis auf all das verstanden werden könnte, was uns im Moment vielleicht zu fehlen scheint: Die Arbeiten von Judit Tomcsik und Gergely Mészáros sind jedoch schon alle im vergangenen Jahr entstanden – deutlich vor dem ersten Auftauchen des Virus.

Bei der Vernissage am Sonntagmorgen hätte man auf jeden Fall die aktuelle Situation beinahe vergessen können. Das Interesse der Gäste war groß, die Stimmung freudig und interessiert. Dem konnten auch die Masken und der Desinfektionsmittelspender nichts anhaben. Wie froh man sei, dass diese Ausstellung nun tatsächlich stattfinden könne, das betonten auch Silvia Tanczos-Lücke, die Vorsitzende des veranstaltenden Kunstforums Weil der Stadt, sowie Jürgen Katz, der Beigeordnete der Stadt, in ihren Grußworten. Mit einem Augenzwinkern sprach Katz von „Frühlingsgefühlen im September“ und betonte, dass die Kunst auf keinen Fall ihren festen Platz in der Stadt verlieren dürfe.

Eine deutsch-ungarische Freundschaft

Die Einführung hielten dann der Deutsch sprechende Gergely Mészáros und der Leonberger Künstler Hans Mendler gemeinsam. Ihrer Freundschaft verdankt die Keplerstadt das kulturelle Event. Dass Mendlers Impuls richtig gewesen war, dass die Wendelinskapelle ein wunderbarer Rahmen für die Werke des im ungarischen Pécs lebenden Künstlerpaares sein könnte, dafür ist die Ausstellung die schönste Bestätigung. Der lichte, hohe Raum lässt den gezeigten Arbeiten genügend Raum, um wirken zu können. Verschiedene Techniken setzen die beiden ein, obgleich sie von Haus aus beide Bildhauer sind.

Dabei sind fast alle Arbeiten direkt mit einem oder zwei weiteren Exponaten inhaltlich verschränkt und interagieren auf spannende Weise miteinander. Den „Gefundenen Wegweiser“ von Gergely etwa, ähnlich einem kleinen Bäumchen, gibt es einmal als artifiziellen, fast schon abstrakten, dreidimensionalen Aluguss in einer Vitrine. Außerdem hängt er noch als hölzernes Objekt inmitten grün wuchernder Vegetation in Form eines Digitaldrucks an der Wand.

Nichts bleibt, alles wandelt sich

Eine weitere Variation des Themas ist der „Verblühte Wegweiser“ in der Raummitte: Auf dem langen, hölzernen Stiel thront die Kugel, deren Stacheln jedoch abgeschnitten am Fuße des pflanzenähnlichen Gebildes wild durcheinander liegen. Rot sind die Flächen, von denen die Stacheln abgefallen sind. Diese vermeintlichen Stacheln sind allerdings kleine Hände mit ausgestrecktem Zeigefinger, die in alle Richtungen zeigen. Als Modell habe ihm die Spitze eines sogenannten Thora-Zeigers gedient, verrät Mészáros. Viele Gedanken sind mit seinen Arbeiten verbunden – beispielsweise, dass die Dinge, die uns im Leben begegnen, stets auf etwas verweisen. Und auch der Gedanke, dass wir, sobald wir uns für etwas entscheiden, zugleich den Verlust all der anderen Möglichkeiten in Kauf nehmen müssen, die es auch gegeben hätte. „Das, was wir nicht spüren. Aber von dem wir wissen, dass es da ist“, sagt der Künstler.

Vielschichtig ist auch das dreiteilige Werk „Frauenakt in der Badewanne“ von Judit Tomcsik. Mächtig thront das metallene, quaderförmige Behältnis auf dem Boden. Wer sich darüber beugt, entdeckt eine dunkle Schicht, welche den Boden mit einem feinen Muster bedeckt, das an zellenartige Strukturen erinnert. Was es damit auf sich hat? Fällt der Blick auf die Stirnseite der Kapelle, erblickt er den Digitaldruck, der eine unbekleidet in der Wanne liegende Frauengestalt zeigt. Erst das Betrachten des Videos, das auf dem nebenstehenden Bildschirm läuft, stellt aber wirklich den Zusammenhang her. Hier wird gezeigt, wie der Wachsabguss des Körpers der Künstlerin nach und nach schmilzt, seine Form verschwindet und sich in eine andere verwandelt. Nichts bleibt, alles wandelt sich. Auch dieser Mangel an Beständigkeit zählt wohl zum Wesen der „Natur des Mangels“.

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