Ausstellung in Rutesheim Kunst in Stein – und das mitten in der Stadt

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Die Skulpturen im Freien reihen sich wie in einem Museum dicht aneinander. Foto: /Simon Granville

Rutesheim - Wer dieser Tage durch die Rutesheimer Stadtmitte geht, stößt immer wieder auf verschiedene Kunstwerke. Dabei hat man das Gefühl, sie gehören schon immer dazu – so gut fügen sie sich hier ein. Vom Rathaus über die Rathauspassage bis zum Marktplatz, alle nicht weit voneinander entfernt, verleiten sie dazu, immer wieder einmal genauer hinzuschauen und sich etwas länger mit einer Arbeit zu befassen. Sie sind Teil der Freiluftausstellung „Kunst in Stein in der Stadtlandschaft“, die das Kulturforum Rutesheim bis Ende Oktober veranstaltet, und bei der Mitglieder der Steinmetz- und Steinbildhauerinnung Ludwigsburg/Böblingen/Rems-Murr ihre Arbeiten zeigen. Die Innung feiert damit gleichzeitig auch ihr 100-jähriges Bestehen.

Die Ausstellung und der Rundgang beginnen im Rathaus, wo es nicht nur die ersten zwei Arbeiten zu sehen gibt – „Ei und Hülle, Leben“ und „Sanduhr“ von Katja und Andreas Geisselhardt. Dort finden Interessierte auch eine begleitende Broschüre – auf Schilder neben den Arbeiten wollten die Organisatoren verzichten. Die Broschüre enthält einen Lageplan und erklärende Texte der ehemaligen Leonberger Kulturamtsleiterin Christina Ossowski zu den einzelnen Werken.

So erfährt der Leser etwa, aus welchem Stein eine Skulptur gemacht ist und welche Bedeutung sie hat. Ursprünglich hatte eine Arbeitsgruppe ein Leporello anvisiert, aber da für die Ausstellung doch 26 Arbeiten von 18 Steinbildhauerinnen und Steinbildhauern zusammengekommen sind, entschied man sich für das umfangreiche Heft.

Im Unterschied zu der Ausstellung „Grenzüberschreitungen erleben“ auf der alten Autobahntrasse in Leonberg vor drei Jahren ist in Rutesheim kein Thema vorgegeben gewesen. Jeder Künstler war frei in seiner Entscheidung, was er präsentieren will, auch ältere Arbeiten konnten wieder hervorgeholt werden. Und so hat die Ausstellung den Charakter einer Retrospektive von 25 Jahren Gemeinschaft. „Man kann auch von einem ‚Best off‘ sprechen“, sagt Christina Ossowski. Alle Steinmetze und Steinbildhauer haben regelmäßig an Ausstellungen teilgenommen und sie alle haben bereits Preise bekommen.

„Möbiusband“ von Stefan Macher und Matthias Berli. Foto: Simon Granville

Das „Möbiusband“ von Stefan Machmer und Matthias Berli ist Besuchern der Ausstellung in Leonberg bereits bekannt. Die Künstlerin Corinna Beutelpacher-Stehle erzählt über ihre Arbeit „Adam und Eva oder der Keil“, dass sie sie 1989 bei einem Symposium in Maulbronn geschaffen hat. Schon beim Transport ging sie kaputt und lag jetzt 30 Jahre in ihrer Werkstatt. Die Bildhauerin beschäftigt das Verhältnis von Mann und Frau.

„Adam und Eva“ oder „Der Keil“ von Corinna Beutelpacher-Stehle. Foto: Simon Granville

Kann es Vertrauen zwischen ihnen geben oder ist für immer ein Keil zwischen ihnen? Jetzt, in Zeiten der Gender-Diskussionen, sei ihr die Aktualität dieser Arbeit bewusst geworden, wie sie erzählt. „Eigentlich geht ihr doch miteinander“ ist für Beutelpacher-Stehle nicht nur die Aussage ihrer Skulptur.

Inge Burst vom Kulturforum Rutesheim und Christina Ossowski weisen beim Rundgang durch die Ausstellung darauf hin, dass der Beruf des Steinmetzes ein sehr alter ist, und er ein besonderes Handwerk ausübt, zu dem eine außergewöhnliche Kreativität nötig ist. Steinmetze und Steinbildhauer müssen „das Innere nach außen holen“ und haben es dabei mit einem harten Material zu tun. Die Werke der Ausstellung im Freien zeichnen sich zudem dadurch aus, dass man sie anfassen oder in Besitz nehmen kann.

Der Steinsessel von Siegfried Stein. Foto: Simon Granville

Der Sessel von Siegfried Stein, der vor der Tür des Rathauses platziert wurde, ist dafür ein gutes Beispiel. Inge Burst sieht darin auch einmal eine Braut sitzen. Deshalb hat der Künstler noch ein Herz an der Seite hinzugefügt.

In der Rathaus-Passage steht ein Carrara-Marmor-Block, der ebenfalls zum Sitzen einlädt. Stefan Machmer, der auch der Obermeister der Innung ist, gab ihm den Titel „Pause in Carrara“, denn seine Familie entdeckte die „Sitzbank“ bei einem Aufenthalt im italienischen Carrara am Tunneleingang zu einem Untertagebau. Ein paar Schritte weiter findet sich das „Sitzobjekt“ von Till Boegel, das dazu einlädt, sich darauf nieder zu lassen.

Nicht ganz so entspannend ist der „Schleudersitz“ von Frank Hintz auf dem Marktplatz, an dem zwar „wenig Stein“ (Ossowski) zu finden ist, den man aber ebenso einmal ausprobieren darf. Bei „Einfach Außerirdisch“ desselben Künstlers weist Christina Ossowski auf die Schrift als Schwerpunkt hin. „Die selbst entwickelte Schrift ist ja wichtig für einen Steinmetz“, macht sie deutlich. Bei dieser Skulptur erkenne man zudem das Gebrochene aus dem Steinbruch.

Die aufbrechende Schote der Iris-Pflanze inspirierte Jochen Flogaus. Foto: Simon Granville

Mit „Vom Pech verführt“ von Till Failmezger ist, so Ossowski, „eine aufwendige Arbeit“ zu sehen, die zeigt, wie unterschiedlich mit dem Material umgegangen wird. Innerhalb der Ausstellung im Freien präsentiert dieses Kunstwerk ein kritisches Thema. Pech ist ein Kondensat aus Kohle und Erdöl, die Pechblende ist Uranerz. In seinem Text auf der Metallplatte der Skulptur weist Failmezger auf die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffs „Pech“ hin. Eine aktuelle politische Dimension und damit auch eine gesellschaftskritische hat das Werk „Macht und Ohnmacht“ auf dem Marktplatz von Corinna Beutelpacher-Stehle.

Auf jede einzelne Arbeit einzugehen, ist an dieser Stelle unmöglich. So kann es nur die Empfehlung geben, die vielfältige Schau und die ganz unterschiedlichen Skulpturen, von denen jede für sich beeindruckend und faszinierend ist, selbst einmal in Augenschein zu nehmen. Das Kulturforum Rutesheim ist mit dieser Schau auf jeden Fall wieder seinem Anspruch gerecht geworden: Laut Inge Burst will es die Kunst vom Sockel der Hochkultur herabholen und in den Alltag der Menschen integrieren.

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