Ausflugstipp in Heimsheim Ein Schloss als 30-Meter-Kasten

Von Kathrin Klette
Woher der Heimsheimer „Kasten“ seinen Namen hat, ist nicht schwer zu erraten. Foto: Simon Granville

Woher der Spitzname „Kasten“ für das Heimsheimer Schleglerschloss kommt, ist nicht schwer zu erraten: Ein knapp 30 Meter hoher viereckiger Quader aus Stein – ohne Türmchen, ohne Erker, dafür aber mit einer spannenden Historie. Das Bauwerk befindet sich im Herzen von Heimsheim am Schlosshof, direkt neben dem Graevenitz’schen Schloss, dem heutigen Rathaus. Vor einigen Jahren musste der Schleglerkasten aus Brandschutzgründen geschlossen werden. Führungen sind aber weiterhin möglich.

Aufstand der Ritter Heimsheim ist auch bekannt als die Schleglerstadt. Doch wer waren die Schlegler? „Das war ein Zusammenschluss verschiedener Ritter aus der Region“, erklärt Jürgen Gerhold vom Kuratorium Schleglerschloss. Das Kuratorium wurde 1956 gegründet mit dem Ziel, das Schleglerschloss zu erhalten und der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.

Die Ritter besaßen im Mittelalter großen Einfluss und kontrollierten zum Teil weite Gebiete, Dörfer und Städte. „Mit dem steigenden Einfluss der Grafenhäuser wie das Haus Württemberg und der Freien Städte wurde den Rittern so ein bisschen das Wasser abgegraben, sie fürchteten um ihre angestammten Rechte.“

Im späten 14. Jahrhundert taten sich daher einige Ritter zu einem Bund der Schlegler zusammen mit dem Ziel, ihre Macht zu erhalten. Eine Gruppe von ihnen versammelte sich im Jahr 1395 in Heimsheim auf der Burg von Wolf zu Steinegg, um einen Überfall auf Graf Eberhard III. von Stuttgart zu planen. Doch das Vorhaben war durchgesickert, und die Stadt wurde durch den Grafen eingekesselt. „Heimsheim war ein kleines Städtchen zu der Zeit und eng bebaut“, so Gerhold. Der Graf musste daher wohl nur einen Strohballen in Brand schießen lassen, worauf sich das Feuer in der gesamten Stadt ausbreitete. Die Ritter saßen in der Falle und mussten aufgeben.

Ein großes Missverständnis „Lange Zeit dachte man, dass der Schleglerkasten die ehemalige Burg der Schlegler ist, aber das ist falsch“, sagt Jürgen Gerhold. „Die originale Burganlage stand da, wo heute das Graevenitz’sche Schloss steht.“ Beim Brand von Heimsheim 1395 wurden auch die größten Teile der Burg zerstört. Deren einzige nachweisbaren Überreste sind der Schlosskeller unter dem Rathaus und ein kleines Kreuzgewölbe im Gebäude. Der Kasten selbst entstand erst um 1415.

Aber wie kommen dann die „Schlegler“ in den „Schlegler-Kasten“? „Der Name kam auf jeden Fall erst später dazu“, sagt Jürgen Gerhold. Zur Zeit der Erbauung hatten die Schlegler noch einen schlechten Ruf. Vermutlich war das Schloss wie üblich einfach nach den Burgherren benannt. „Durch die Geschichte des Ortes und weil so viele später davon ausgingen, dass dies die einstige Burg der Schlegler war, hat sich der Name im Volksmund schon sehr früh etabliert.“

Heute trägt die Stadt ihren Beinamen „Schleglerstadt“ mit Stolz, in den 1990ern gründete sich sogar ein Mittelalterverein mit dem Namen Heimsheimer Schlegler, die den Kasten unter anderem für das Ausrichten historischer Rittermahle nutzten.

Vom Wehrturm zum Fruchtkasten Gebaut wurde der Kasten von den Herren von Gemmingen als frei stehender Wehrturm. „Wir haben bei Burgen immer ein klassisches Bild im Kopf: große Anlagen mit runden Türmen, Schießscharten, Wehrmauer, Zugbrücke und so weiter“, sagt Jürgen Gerhold.

Allerdings war es schon aus praktikablen Gründen für Adelsfamilien durchaus üblich, sich solche kleinen, günstigeren Alternativen zu errichten, die Wohnhaus und Festungsanlage in einem waren. „Das bedeutet, dass sich in dem Schloss alles unter einem Dach befand: Im Erdgeschoss waren links die Stallanlagen und ein Heuboden, rechts eine große Küche mit riesigem Kamin.“ Der Wohnbereich mit Schlaf-, Wohn- und Arbeitsräumen befand sich in den oberen Stockwerken. 1578 wurde die Nutzung als Wohnhaus aufgegeben. Das Schloss wurde zum „herrschaftlichen Fruchtkasten“, einem Lagerhaus für Getreide und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse. „Das sieht man heute noch schön an den nachträglich eingezogenen Stützbalken, damit die Decken das Gewicht des Getreides tragen können.“

Erst saniert, dann stillgelegt Erst im 20. Jahrhundert endete die Nutzung des Schlosses als Fruchtkasten. Im Nationalsozialismus diente es unter anderem als Treffpunkt für die Hitlerjugend, später als Unterkunft für Kriegsgefangene, als Ort für Gottesdienste und mehr. Von den Bombenabwürfen der Alliierten im Jahr 1945, bei denen etwa 70 Prozent von Heimsheim zerstört wurden, blieben die beiden Schlösser größtenteils verschont. Trotzdem wurde der Kasten nach dem Krieg nicht mehr genutzt.

Das änderte sich erst durch die Gründung des Kuratoriums. Seit den 1960ern diente der Kasten als Vereinshaus, Veranstaltungen wurden abgehalten. Zwischen 1988 und 1995 schließlich wurde das Schleglerschloss aufwendig saniert. Der große Rückschlag kam Anfang 2018, als das Schloss aus Brandschutzgründen geschlossen werden musste. Mittlerweile hat die Stadt dem Land das Schloss für 180 000 Euro abgekauft, die Pläne für eine Sanierung laufen.

Schlossführung und Stadtrundgang Trotz Schließung sind Führungen im kleinen Kreis weiterhin möglich. Und es gibt einiges zu entdecken, verspricht Jürgen Gerhold. „Im Erdgeschoss bekommt man noch einen guten Eindruck von der Wehrhaftigkeit des Gebäudes.“ Im oberen Stockwerk sollte man vor allem den Rittersaal gesehen haben. „Das war damals vermutlich das Arbeitszimmer des Schlossherrn. Das hat eine tolle Fensternische mit einer wunderschön verzierten romanischen Säule.“ Im ganzen Schloss gibt es außerdem nur einen einzigen nach außen ragenden Erker. „Das könnte Teil einer Burgkapelle gewesen sein.“

Doch auch ohne Schlossführung lohnt sich ein Besuch in der Schleglerstadt: Direkt neben dem Kasten befindet sich das Graevenitz’sche Schloss, das um 1730 erbaut wurde, die Zehntscheune und die evangelische Kirche. Deren Ursprünge – auch wenn das heutige Gebäude noch nicht so alt ist – gehen bis ins erste Jahrtausend zurück. An der Mönsheimer Straße 36 befindet sich das alte Wasch- und Backhäusle, an der Ecke Mühlrain/Mühlweg sind noch Teile der alten Stadtmauer zu sehen. Außerdem gibt es viele Brunnen zu entdecken, unter anderem am Marktplatz.

Beenden kann man den Rundgang bei der Gaststätte Waldhorn an der Ecke Hauptstraße/Leonberger Straße. Das historische Anwesen wurde 1746 erbaut und hat heute noch ein sehr urtümliches Ambiente.

So kommt man hin Am besten erreicht man Heimsheim mit dem Auto über die A 8. Parkplätze befinden sich direkt auf dem Schlosshof. Die nächstgelegenen S-Bahn-Haltestellen befinden sich in den Nachbarstädten Rutesheim oder Renningen, eine Busverbindung ist vorhanden.

Unterwegs in der Region

Serie
Auf Erkundungstour in der Region – zu geheimnisvollen Burgen und Ruinen, prächtigen Schlössern und eindrucksvollen Kirchen. Wir machen uns in und um Stuttgart auf die Suche nach Schlossgespenstern, erzählen spannende Geschichten aus vergangenen Tagen und liefern Wissenswertes zu mächtigen Mauern in luftigen Höhen. Unsere Sommerserie widmet sich kulturellen und historischen Sehenswürdigkeiten und bietet Anregungen für Ausflüge. Wetten, dass für Sie etwas dabei ist? Suchen Sie im Netz auf der Homepage: ausflugsziele-region-stuttgart .

Service
Die Volkshochschule Pforzheim bietet am 1. Oktober eine historische Stadtführung durch Heimsheim an (Kontakt: info@vhs-pforzheim.de). Ein Blick ins Schloss ist aber nur möglich, wenn es die Zeit erlaubt. Gruppen ab zehn Personen können aber private Führungen durchs Schloss buchen. Kontakt: Kuratorium Schleglerschloss, E-Mail an info@kuratoriumheimsheim.de, Telefonnummer 0 70 33 / 4 09 93 46. Das Kontaktformular auf der Homepage (www.kuratoriumheimsheim.de) funktioniert derzeit nicht.

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