Atrio Leonberg Auf Mitleid ist hier keiner angewiesen

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Bettina Chall ist inzwischen sogar ins Wohnheim nach Höfingen gezogen. Foto: factum/Simon Granville

Leonberg - Wenn Bettina Chall morgens an ihrem Arbeitsplatz eintrifft, kocht sie erst mal Kaffee und Tee für die ganze Mannschaft. Später bringt sie die Küche in Ordnung, ein Klacks für die 54-Jährige mit dem gepflegten Pagenschnitt, die seit insgesamt 35 Jahren in der Werkstatt für geistig behinderte Menschen beschäftigt ist. Die interne zweijährige Ausbildung in der Hauswirtschaft hat sie schon vor vielen Jahren gemeistert. Sie spült ab und räumt auf, bevor sie an ihre Aufgaben in der Produktion geht und mit den Montagearbeiten für die Industriekunden der Werkstatt beginnt. Sorgfältig sucht Bettina Chall aus verschiedenen Behältern die nötigen Teile aus und fügt sie zusammen. „Ein Z-Halter“, erklärt sie, er sorgt dafür, dass später der Auspuff am Porsche bleibt.

68 Mitarbeiter mit Behinderung sind in der Höfinger Werkstatt beschäftigt. Bettina Chall hat in der Leonberger Werkstatt begonnen, ist dann nach Höfingen gewechselt und hier vom ersten Tag an dabei. „Mir gefällt hier alles“, erklärt sie mit einem schelmischen Lächeln, und zwar so gut, dass sie vor einigen Jahren beschlossen hat, eigenständiger zu werden und aus ihrem Gerlinger Elternhaus ins Wohnheim in Höfingen zu ziehen.

Großes Jubiläumsfest am Samstag

Am Samstag, 20. Oktober, feiert die Werkstatt in der Röntgenstraße 6 ihr 25-jähriges Jubiläum. Bettina Chall packt auch an diesem besonderen Tag gerne mit an, sie hat sich freiwillig zum Küchendienst gemeldet, um die Besucher zu versorgen. Zumal es in der Produktion nicht viel zu tun geben wird, auch wenn Werkstattführungen geplant sind.

An den Werktagen sieht das anders aus, da sind die Arbeitsplätze voll besetzt. Hier werden Wasserfilter für die Perma-Trade Wassertechnik und Kleinteile für den Autohersteller Porsche montiert oder Zubehörteile für Wöhr Autoparksysteme kommissioniert. „Wir haben viele Bestandskunden, die seit Jahren mit uns zusammenarbeiten“, erklärt Werkstattleiter Ricky Feuchter nicht ohne Stolz in der Stimme, „und glauben Sie mir, aus Mitleid kauft hier keiner was.“ Zuverlässigkeit und ein hoher Qualitätsstandard sind die Gradmesser.

Jeder Beschäftigte kennt mehrere Arbeitsplätze, es wird öfter gewechselt. Das funktioniert auch sehr gut, dank der durchdachten Mechanismen, die die Gruppenleiter und die Beschäftigten teilweise gemeinsam entworfen haben: „Wir haben für jeden Arbeitsplatz spezielle Konstruktionen und Kontrollen erdacht, die sicherstellen, dass jedes gefertigte Teil dem geforderten Standard entspricht“, erklärt Feuchter. Der 50-Jährige ist Maschinenbautechniker mit Zusatzqualifikation im Bereich Sonderpädagogik und hat die Hilfskonstruktionen oft selbst gefertigt.

Ein mutiger Schritt

Ricky Feuchter ist in Höfingen auch zuständig für das Kreativwerk. Hier schaffen Künstler mit Behinderung faszinierende Kunstwerke, von denen einmal im Jahr ausgesuchte Stücke versteigert werden. Die diesjährige Auktion findet am 15. November im Kreativwerk statt. Zu Atrio gehört auch die Leda Dienstleistungsagentur, die kürzlich einen neuen Geschäftszweig eröffnet hat. „Sozialschilder“ heißt der Webshop, der am 1. Oktober an den Start gegangen ist und dem langjährigen Werkstatt-Beschäftigten Gerrit Heidrich den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt eröffnet hat.

Foto: factum/Simon Granville

Gerrit Heidrich arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Höfinger Werkstatt. Einen festen Tag in der Woche hat er in der Leonberger Kfz-Zulassungsstelle verbracht, wo er die Fahrzeugschilder hergestellt hat. „In der Werkstatt habe ich mich nicht mehr richtig gefördert gefühlt, ich wollte etwas anderes machen“, erzählt der 30-Jährige mit ruhiger Stimme und sehr überlegt. Die Erfahrung, die er in der Zulassungsstelle gesammelt hat, kommt ihm nun beim Wechsel zur Leda, der Leonberger Dienstleistungsagentur, zugute.

„Es war ein mutiger Schritt, den Gerrit Heidrich da getan hat“, findet Werkstattleiter Feuchter, denn dass auf dem ersten Arbeitsmarkt andere Arbeitsbedingungen herrschen, ist dem jungen Mann durchaus bewusst. „Aber ich will mich weiterentwickeln, das ist mir wichtig“, betont er mit fester Stimme seinen Entschluss.

Mittagessen mit Freunden

Gerrit Heidrich ist wegen seiner Gehbehinderung auf den Rollstuhl angewiesen. Trotzdem hat er den Führschein gemacht und fährt von seinem Heimatort bei Weil der Stadt selbst zu seinem Arbeitsplatz. „Das Auto kostet Geld, doch jetzt verdiene ich mehr und kann mir das leisten“, ein weiterer Grund für den Wechsel. „Aber ich wollte meine sozialen Kontakte nicht verlieren, mir ist auch wichtig, dass ich weiterhin in der Werkstatt zu Mittag essen kann und meine Freunde treffe“, erzählt er.

Nach dem Essen fährt er mit dem Rolli wieder zum wenige Meter entfernten Schilder-Webshop, schließt die Eingangstüre auf und erklimmt zwei Treppenabsätze, einen Fahrstuhl gibt es nicht. Oben checkt er mit Betriebsleiter Andreas Neubert die eingegangenen Bestellungen und macht sich ans Werk. Ein ganz normaler Arbeitstag eben.

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