Autorin Anja Rützel über berühmte Gassigeher „Hunde sind einfach sehr tolle Wesen“

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Anja Rützel über ihren Hund Juri: „Es war klassisches Online-Dating mit Sofortheirat.“ Foto: © Gene Glover

Stuttgart - Zuletzt hat die Autorin, Kolumnistin und große Tierversteherin Anja Rützel ein Buch über die ehemalige Boygroup Take That geschrieben. Nun gibt’s ein neues Werk über berühmte Hunde von noch berühmteren Herrchen und Frauchen.

Frau Rützel, kennen Sie das Corona-Meme, wo ein erschöpfter Hund zu seinem Herrchen sagt, er könne nicht schon wieder Gassi gehen?

Ja, darüber habe ich auch herzlich gelacht. Da ich schon immer von zu Hause aus arbeite, ging ich auch vor Corona tagsüber öfter mit meinem Hund Juri raus, aber auch bei uns hat sich das in den letzten Wochen noch gesteigert.

Die Spanier sollen sich Ziegen und Schweine geliehen haben, um bei Ausgangssperre mal vor die Tür zu kommen. Was hat sich für Sie in Corona-Zeiten beim Gassigehen verändert?

Durch die menschenleerere Stadt zu laufen, war mir schon vorher nicht fremd. Im Sommer weckt mich Juri um halb sechs in der Früh, um spazieren zu gehen, weil er die Hitze nicht mag. Die Straßen Berlins sind um die Uhrzeit total leer. Außer vorm Berghain, dort in der Nähe wohne ich. Wenn mir die Berghainis entgegenwankten und teilweise nicht mehr wussten, wo oben und unten ist, hatte das auch manchmal was von einer Zombie-Apokalypse.

Ist es eine gute Zeit, um einen Hund bei sich einziehen zu lassen?

Auf jeden Fall! Ich finde das Eingesperrtsein viel weniger schlimm, weil ich ja weiß, der Juri ist an meiner Seite. Man muss natürlich darauf achten, dass der Hund trotzdem seine Bewegung hat. Aber man kann ja auch in der Wohnung Ball spielen – das bringt einen selbst auf andere Gedanken. Juri liebt Suchspiele in der Wohnung. Das lastet ihn auf andere Weise aus, wenn er gerade nicht draußen mit seinen Kumpels herumrennen kann. Ich packe ihm gerne kleine Pakete, indem ich in Seidenpapier Leckerli einwickle, die dann wiederum in Klopapierrollen stecken. Davon haben wir ja bald alle jede Menge zu Hause.

Was ist, wenn Sie selbst am Corona­virus erkranken?

Dass ich dann mit Juri nicht mehr Gassi gehen könnte, sehe ich als einziges Pro­blem in der Quarantäne. Aber ich habe schon vorgesorgt, indem ich mich einem Gassi-Netzwerk angeschlossen habe.

Obwohl Sie für Ihre Texte über Trash-TV-Formate bekannt sind, haben Sie sich für Ihr Buch nicht Promi-Kaliber wie den Wendler vorgenommen, sondern historische Hundehalter. Wie genau sind Sie vorgegangen?

Ich wollte nicht nur daheim sitzen und Bücher und Briefe von diesen Persönlichkeiten lesen. Also überlegte ich mir, wie ich möglichst nah rankommen und noch etwas nacherleben könnte. Was alle Hundemenschen, egal ob berühmt oder nicht, verbindet: Die Trauer, wenn der tierische Freund stirbt, sie ist für alle gleich. Ich kann wenig nachfühlen, was die Queen jeden Tag so erlebt, aber ich kann schon nachvollziehen, wie sie sich gefühlt hat, wenn wieder ein Corgi gestorben ist. Ich bin also zu allen Gräbern der Protagonisten des Buches gefahren, die zugänglich sind.

Hatten denn früher schon alle Gräber für ihre Hunde?

Nicht alle. Bei Marilyn Monroe weiß man zum Beispiel nicht, wo ihr Hund abgeblieben ist. Aber ich war auf dem Anwesen von Churchill, der hatte einen kleinen Tierfriedhof angelegt für seine Katze und die Pudel. Und dem Landsitz von Queen Elizabeth nahe Sandringham in Norfolk habe ich auch einen Besuch abgestattet.

Wie verändern Hunde den Menschen?

Ich glaube, dass Hunde etwas rauskitzeln aus einem, von dem man gar nicht weiß, dass man es in sich hat, oder sich nicht so richtig traut, es zu zeigen. Mein Hund bringt bei mir auf jeden Fall die softe Seite zum Vorschein. Das ist bei mir so ein bisschen wie bei Churchill, habe ich bei den Recherchen festgestellt.

Sie stellen in Ihrem Buch auch die Widersprüchlichkeit von Winston Churchill heraus.

Churchills Tierliebe war schon eine schizophrene Angelegenheit: Einerseits hat er seine Tiere verhätschelt, andererseits war er als Fuchsjäger unterwegs. Er war auch begeisterter Angler, aber als seine Karpfen von einem Pilz befallen wurden, ließ er jeden erkrankten Fisch fangen und einzeln mit Tinktur behandeln.

Das ist sehr ähnlich zu manchen Menschen heute, die ihr Haustier total verwöhnen, aber das Billigfleisch im Discounter kaufen.

Das kenne ich auch selber ein bisschen aus eigener Erfahrung. Ich bin tiervernarrt, das beschränkt sich nicht nur auf Hunde, aber dafür bin ich relativ spät Vegetarierin geworden. Weil ich ja auch ein schwacher Mensch bin, der inkonsequent sein kann.

Was hat Sie zur Vegetarierin gemacht?

Ich bin mal zum Kuhkuscheln gegangen. Die Kuh sah aus wie das Pferd von Pippi Langstrumpf, also auch weiß mit schwarzen Tupfen, und sie legte sich neben mich und ihren Kopf auf meinen Schoss. Da dachte ich nur: Die ist ja wie der Juri. Von da an war’s dann auch klar und überhaupt nicht mehr schwer, konsequent zu sein. Denn auch ein Schwein und ein Hund sind sich nicht sehr fern. Ich versuche trotzdem nicht so streng zu sein mit solch widersprüchlichen Leuten.

Ist der Hund der bessere Mensch?

Das ist ein Satz, den ich total oft höre. Oder so was wie: „Hunde sind die besten Freunde, so ist kein Mensch.“ Das bricht manchmal aus den Leuten heraus, ohne dass ich vorher mit denen geplaudert hätte, zum Beispiel in der U-Bahn, wenn sie mich und Juri sehen. Ich würde das gerne nicht aus Verbitterung oder Enttäuschung den Menschen gegenüber formulieren, sondern aus einem positiven Blickwinkel: Hunde sind einfach sehr tolle Wesen. Ich habe Juri jetzt seit viereinhalb Jahren, aber seine bedingungslose und nie etwas infrage stellende Liebe berührt mich immer noch jeden Tag.

Info zum Buch: Anja Rützel „Schlafende Hunde. Berühmte Menschen und ihre Haustiere – zehn Liebesgeschichten“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 268 Seiten, 20 Euro

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