Amoklauf von Winnenden Die Schulen sind für den Ernstfall vorbereitet

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Zehn Jahre danach: An der Albertville-Realschule läuft alles wieder normal. Für die 15 Opfer ist ein Gedenkraum eingerichtet. Foto: dpa

Renningen - Amokläufe an Schulen: So etwas kannte man lange nur aus den Nachrichten von jenseits des großen Teichs. Doch dann geschah es auch hier, erst 2002 in Erfurt und schließlich, 2009, keine 50 Kilometer von Leonberg entfernt in Winnenden. Heute, am 11. März, jährt sich der Amoklauf, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen und später sich selbst erschoss, zum zehnten Mal. Seit der Bluttat ist sehr viel Zeit vergangen, in den Köpfen der meisten Schüler und Lehrer, die den Schrecken nicht hautnah miterlebt haben, nimmt das Thema im täglichen ­Leben kaum noch Platz ein. Trotzdem sind Amokläufe auf bestimmte Weise immer noch ein Teil des Schulalltags: in Form von Fortbildungen für die Lehrer, von technischer Ausstattung – und durch Prävention, damit es gar nicht erst so weit kommt.

„An jeder unserer Schulen gibt es ein ­sogenanntes Krisenteam“, erklärt zum Beispiel Melanie Diehm für das Bildungszentrum in Renningen. Sie ist Leiterin der Friedrich-Schiller-Grund- und Werkrealschule. Außerdem befinde sich am Bildungszentrum noch das Gymnasium und die Realschule. Die Krisenteams, die es grundsätzlich an allen Schulen geben muss, sind aber nicht nur für Amokläufe zuständig. Sie sind immer dann gefragt, wenn es zu einer außergewöhnlichen Situation kommt. Das kann ein Brand sein, eine Bombendrohung, ein Unfall oder auch ein Selbstmord. „Zum Team gehören zum Beispiel der Schulseelsorger, der ­Sicherheitsbeauftragte, die Schulleitung natürlich, aber auch die Zuständigen für Erste Hilfe.“

Auf Lehrerseite wird das Vorgehen geübt

Im Fall der Fälle hat jeder im Team eine klare Aufgabe. Doch nicht nur die Spezia­listen müssen dann wissen, was zu tun ist. „Auf Lehrerseite haben wir das Vorgehen im Fall von Amokläufen schon geübt“, sagt Diehm. Die Schulleitung beispielsweise muss fit sein im Umgang mit dem technischen Equipment und mit der Frage, welche Durchsagen wann und wie erfolgen müssen. Im Sekretariat gibt es das Kommunikationskästchen. Damit kann die Schulleitung klare Ansagen an alle Klassenzimmer geben, im Falle eines Amoklaufs: Alle Türen abschließen und im Zimmer bleiben. Umgekehrt ist es auch möglich, sich aus den Klassenzimmern zurückzumelden. „Und natürlich müssen auch die Lehrer wissen, wie sie im Falle einer Bomben­drohung, eines Feuers oder eben eines Amoklaufs reagieren müssen“, erklärt Diehm. „Es kann je nach Altersklasse auch sehr unterschiedlich sein, wie man es den Schülern vermitteln muss.“

Mit Schülern werden Amokläufe, anders als Brände, dagegen nicht geprobt. „Das würde nur zu Panik führen“, sagt ­Melanie Diehm. Viel wichtiger im Hinblick auf die Kinder und Jugendlichen sei die Prävention, ist die Schulleiterin überzeugt. „Dabei geht es dann natürlich nicht um das Thema ,Amok‘ an sich, sondern es geht um das Stärken der Klassengemeinschaft, den Umgang mit Gefühlen und Konflikten, die Frage: Wie gehen wir miteinander um?“ Auch Mobbing sei ein wichtiges Thema. Konkrete Lösungsansätze wie der sogenannte No-Blame-Approach („Keine-Strafe-Ansatz“), bei dem die „Täter“ nicht bestraft werden, sondern in die Lösung des Problems einbezogen werden, kommen hier zum Tragen. Zudem arbeitet die Schule eng mit der Schulsozialarbeit zusammen. „Das ist für uns sehr wichtig.“ Zeigt ein Schüler aggressive oder auch depressive Züge, ist ein Gespräch mit den Schulsozialarbeitern oft ein wichtiger Schritt. „Die ­haben zum Beispiel Schweigepflicht, für ­einige redet es sich deshalb dort leichter.“

Kaum noch Thema im Alltag

Doch abseits von Fortbildungen und Präventionsaktionen: Sind Amokläufe im Alltag der Schüler und Lehrer überhaupt noch gegenwärtig? „Von Schülerseite habe ich nicht den Eindruck“, berichtet Diehm aus ihrer eigenen Erfahrung. Bei Lehrern könne das schon mal vorkommen, gerade wenn ein Schüler sich mal aggressiv ver­halte. „Das ist dann aber eher punktuell.“

Anders sieht es dagegen aus, wenn ­wieder ein aktueller Fall eines Amoklaufs in den USA durch die Medien geht. Dann rückt das Thema wieder stärker ins Bewusstsein. „Lehrer kommen dann zum ­Beispiel auf uns zu und haken noch mal nach: Wie genau gehen wir vor? Wie verhalten wir uns im Klassenzimmer, nachdem die Tür zu ist?“

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