American Football Motivation, ein Militärton und Muskelkater

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Wer erfolgreich American Football spielen will, sollte laut Trainer Fabian Hoyer zusätzlich zu den Trainingseinheiten drei Mal pro Woche ins Fitnessstudio gehen. Foto: Andreas Gorr

Leonberg -

American Football ist Schach mit Gladiatoren.“ So beschreibt der wohl bekannteste Football-Experte im deutschen Fernsehen Patrick Esume die in der Bundesrepublik noch junge Sportart, die sich aber immer stärkerer Popularität erfreut und in Einzelfällen siebenstellige Zuschauerzahlen vor die TV-Geräte lockt. Mit seiner Beschreibung bezieht er sich auf die enorme Bedeutung und Vielfalt der Taktik sowie die in Schutzkleidung gepackten Modellathleten. Wie viel Wahrheit in diesem Zitat steckt, wollte unser Mitarbeiter Luca Kraus selbst herausfinden und nahm am freien Training der Leonberg Alligators teil.

So viel vorweg: Der Football-Boom hat auch den Hirschlandener vor einigen Jahren gepackt. Seitdem verfolgt er das Geschehen in der nordamerikanischen Profiliga NFL mit großem Interesse. Mit zwei Freunden machte er sich kürzlich mittwochabends auf den Weg zum Kunstrasen auf dem TSG-Gelände. Als Sportstudent und langjähriger Fußballer hat der 24-Jährige schon die eine oder andere Sportart ausprobiert. „Selten war ich zuvor so zwiegespalten wie in diesem Fall“, sagt er. Auf der einen Seite freute er sich riesig darauf , „meine Kumpels mal so richtig umzutackeln.“ Andererseits war da der Respekt vor einer neuen Sportart, ihren Eigenheiten, ihrer Härte und ihrer Komplexität.

Nach einer netten Begrüßung prasseln einige neue Eindrücke auf die Gäste ein. Der raue Umgangston der Trainer sorgt für eine hohe Motivation und Ernsthaftigkeit der Spieler. Das stark ausgeprägte Gemeinschaftsgefühl wird bewusst gelebt und gefördert. Los geht es mit einer sportartspezifischen Aufwärmmethode, die auch das Dehnen vereint. Geübt wird nach einer Klatschkombination stets synchron. Auch das anschließende Abklatschen des Nebenmannes gehört zum Ritual. Sämtliche Kommandos erfolgen in englischer Sprache. Wer sich während der Übungen zu laut unterhält oder gar langsam ist, wird zu Liegestützen verdonnert oder muss eine Runde um den Platz laufen.

„Im hochklassigen Football herrscht Militärton. Es gibt klare Hierarchien, die Trainer werden mit Sir angesprochen. Wir haben das ein wenig abgeschwächt, die Ansagen bleiben aber kurz und deutlich. Das ist zwar nicht jedermanns Sache, aber die Spieler merken schnell, dass das seine Gründe hat“, sagt Fabian Hoyer, der für Offensive und Defensive verantwortliche Trainer, „auf dem Platz sind wir die Coaches, danach wieder Freunde“. Weil im Football Spielzüge auf kombinierten Einzelaktionen aufbauen, müsse alles reibungslos funktionieren. Ansonsten sei das immer mit Schmerzen verbunden. „Deshalb nimmt die harsche Art auf dem Platz auch keiner persönlich.“, sagt Hoyer.

Im Anschluss an das Aufwärmprogramm werden die gut 40 Teilnehmer in vier Positionsgruppen eingeteilt. Aufgrund seiner Größe und kräftigeren Statur muss Luca Kraus in die Defensive. „Die sind im Football meistens destruktiv veranlagte Draufgänger, die als Einheit agieren müssen. In der Offensive spielt jeder sein Spiel, das sind dann eher die schmächtigeren und introvertierten Techniker. Die müssen aber auch einstecken können, in der Abwehr darf man hingegen austeilen.“

Auf dem Trainingsplan stehen nun Grundlagen wie das Bewegen mit tiefstmöglichem Körperschwerpunkt und Routenläufe um Hütchen mit schnellen Richtungswechseln. „Die Bewegungen sind sehr footballspezifisch. Winkel sind alles. Wer tiefer steht und seine Füße besser bewegt, gewinnt jedes Duell“, sagt Hoyer.

Gar nicht so einfach, sich dann noch schnell fortzubewegen. Bei den Profis im TV wirkt das so spielerisch leicht. Der Trainingsgast kämpft stattdessen im Rückwärtslaufen immer wieder mit dem Gleichgewicht. „Bei dir sieht das affig aus, du musst den Rücken gerader halten“, ist Hoyers erster Kommentar. Doch auch einige andere haben damit ihre Probleme. „Euer Hintern muss so tief sein, dass er beim Laufen Schürfwunden bekommt“, schreit der Coach ihnen zu.

Es kann nur noch besser werden, als die Bälle ins Spiel kommen. Doch trotz einiger Jahre Erfahrung als Fußballtorhüter ist das Fangen des an zwei Seiten spitzen Balles aus einer Kombination von Rückwärtslaufen, Drehen und Springen heraus kein Kinderspiel. Zwischen den verschiedenen Übungen werden immer wieder Liegestützen eingeschoben. Der Kraftaspekt spielt im Football eine große Rolle. Wer erfolgreich sein will, sollte laut Hoyer zusätzlich zu den Trainingseinheiten drei Mal pro Woche ins Fitnessstudio gehen.

Einer, der es in kurzer Zeit relativ weit gebracht hat, ist der ehemalige Fußball-Torhüter Luis Turian. Vor eineinhalb Jahren wechselte er zum American Football und kam im Sommer erstmals in der Herrenmannschaft der Stuttgart Silver Arrows zum Einsatz. Er ist beim „Schnuppertraining“ dabei. Seine Bewegungsabläufe sind flüssig und sicher. „Die Vergangenheit als Torwart hilft zum Beispiel beim Fangen. Man muss aber einige neue Bewegungen und Techniken erlernen“, sagt der 24-Jährige. Um diese allen beizubringen, dauert die Vorbereitung auf die nur drei Monate lange Sommersaison acht Monate. Und die folgt einem strikten Plan.

In den sogenannten Höllenwochen werden die Grundlagen footballfremd im Kraft- und Ausdauerbereich gelegt. „Da werden die Spieler bewusst an ihre Grenzen getrieben. Durch das gemeinsame Leiden wird der Zusammenhalt gestärkt und es bilden sich Persönlichkeiten heraus. Es kam immer wieder vor, dass sich Spieler übergeben mussten“, sagt Hoyer.

Auf diese erste Phase folgen das Schnelligkeitstraining und das Verinnerlichen fester Abläufe. Im Anschluss geht es, wie derzeit der Fall, in das positionsspezifische Training und den Technikfeinschliff. Erst dann kommen ab Dezember die Tacklings dazu. „Einige spielen Football aufgrund, andere trotz des heftigen Kontakts. Wir wollen niemanden verschrecken und zunächst die Basics aufbauen. Denn nur wenn die sitzen, kann sich ein Spieler darauf konzentrieren einen Ball zu fangen ohne im Hinterkopf zu haben, dass es gleich einschlägt. Im Football geht man ähnlich wie beim Boxen dem Schmerz entgegen anstatt ihm auszuweichen“, sagt Hoyer.

Die Erfahrung mit dem Kontakt bleibt dem Gast noch verwehrt. „Doch in der einen oder anderen Übung war durchaus zu erkennen, dass es im Ernstfall ziemlich scheppern und auch mal weh tun kann“, sagt Kraus. Dennoch bleibt neben interessanten neuen Erkenntnissen und Eindrücken auch der Spaß am Football hängen – und ein heftiger Beinmuskelkater.

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