Altkreis Leonberg Ein Psychiater ist die Stimme der Mediziner

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„Finanzielle Wertschöpfung darf nicht im Vordergrund stehen“: Timo Hurst, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Foto: factum/Simon Granville

Leonberg - Wachwechsel in der Kreisärzteschaft Leonberg: Robert Heger, der langjährige Vorsitzende, hat sich zurückgezogen. Zu seinem Nachfolger haben die Mediziner im Altkreis Leonberg Timo Hurst gewählt. Doch völlig neu ist für den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie die ehrenamtliche Arbeit in der Interessenvertretung der Ärzte nicht. Schon seit acht Jahren ist er im Vorstand und war bisher Hegers Stellvertreter.

Zum Kennenlerngespräch mit unserer Zeitung kommt der 46-Jährige entspannt und leger. Der Psychiater strahlt aus, dass ihn seine Arbeit befriedigt, und dass ihm das Wohl der Patienten sehr am Herzen liegt. „Sonst könnte ich so eine Aufgabe gar nicht übernehmen“, sagt der Mediziner, der mit Ralf Oesterle in der Heidenheimer Straße eine Gemeinschaftspraxis betreibt.

Und eben weil er sich für eine umfängliche ärztliche Betreuung in und um Leonberg engagiert, setzt er in seinem neuen Amt auf die enge Zusammenarbeit mit seiner Stellvertreterin, der praktischen Ärztin Barbara Mergenthaler aus Renningen. „In der medizinischen Landschaft hat mein Bereich immer noch eine exotische Note. Als Allgemeinmedizinerin ist meine Kollegin ganz nah an vielen Patienten dran.“

Über die Medizin im Umbruch

Timo Hurst lässt keinen Zweifel daran, dass eine starke Ärzteschaft heutzutage, da die medizinische Versorgung immer mehr von Sparvorgaben aus der Politik überzogen wird, wichtiger denn je ist. Denn nicht nur in den Kliniken wird über den politisch verordneten Drang zur Zentralisierung gestöhnt. „Auch die niedergelassenen Ärzte leben im Umbruch“, meint Hurst. „Weg von der Einzelpraxis, hin zu medizinischen Versorgungszentren.“

Dahinter steckt das Konzept einer Großpraxis mit unterschiedlichen Fachrichtungen, in der ein Mediziner der Chef ist und mehrere angestellte Ärzte hat. Der neue Vorsitzende der Ärzteschaft hat dazu eine differenzierte Meinung: „Ist die Bündelung medizinischer Kompetenz im Sinne der Patienten, so ist das begrüßenswert. Die reine finanzielle Wertschöpfung darf dabei aber nicht im Vordergrund stehen.“

Doch genau mit diesem Spagat haben die meisten Mediziner zu kämpfen, sagt Hurst. Natürlich müsste eine Praxis wirtschaftlich geführt werden. „Aber ich lege für die allermeisten meiner Kollegen die Hand ins Feuer, dass für sie das Patientenwohl im Vordergrund steht“, erklärt der Psychotherapeut. „Wenn ein Arzt einen dringenden Fall hat, kommt dieser auch dran.“ Deshalb sieht er das neue Termingesetz des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) auch skeptisch, wonach Kassenärzte mindestens 25 Sprechstunden in der Woche anbieten müssen: „Das ist jetzt schon der Fall, betrifft nur einen kleinen Kreis der Patienten und kann zu Lasten der chronisch Kranken gehen, die dann hinten anstehen.“ Und Menschen mit dauerhaften Leiden, so beobachtet Timo Hurst nicht nur in seiner Praxis, nehmen stetig zu.

Doch gerade rund um Leonberg gebe es noch ein gutes Miteinander zwischen den Medizinern und eine bevölkerungsnah aufgestellte Versorgungsstruktur. „Deshalb ist es unsere Aufgabe, diese Insel Altkreis zum Wohle der Patienten zu schützen.“

Über die Zukunft des Krankenhauses

Hurst verhehlt nicht, dass es dennoch in ganz vielen Bereichen Lücken gebe, etwa in der Kindermedizin. „Doch in der großpolitischen Linie wird sogar von einer Überversorgung gesprochen. Der tatsächliche Bedarf sieht aber ganz anders aus.“

Genug Arbeit also für die in der Kreisärzteschaft engagierten Mediziner. Das betrifft auch das Leonberger Krankenhaus, das nach der in fünf Jahren geplanten Inbetriebnahme einer Großklinik in Böblingen Abteilungen verlieren wird. Mit Jörg Noetzel, dem Chef des Klinikverbunds Südwest, hat sich Hurst bereits getroffen. „Er ist daran interessiert, im engen Dialog mit uns zu bleiben“, sagt der Leonberger Mediziner, der als positives Signal wertet, dass das Krankenhaus mit einem Aufwand von 72 Millionen Euro saniert werden soll.

Über die Wahl seines Fachgebiets

Trotz seines vergleichsweise jungen Alters hat der gebürtige Stuttgarter schon viel erlebt. 1993 bekam er einen Studienplatz in Jena, mitten in der Nachwendezeit. „Das hat meinen Horizont in einer besonderen Art erweitert“, sagt Hurst, dessen Vater Bundestrainer im Speerwurf und in der CDU aktiv war. Die Uhren gingen in der untergegangenen DDR anders, auch an den Unis: „Die Ausbildung war sehr verschult und von Zeitdruck geprägt.“ Im Rahmen seiner Facharzt-Ausbildung war er in der Rechtsmedizin, in der Kinderheilkunde und in der Psychiatrie. „Eigentlich wollte ich Allergologe werden. In der Psychiatrie habe ich mich am wohlsten gefühlt, weil ich abends immer ein gutes Gefühl hatte.“

Aus privaten Gründen zog es Hurst 2002 wieder in Richtung Stuttgart. Er wurde Oberarzt in der Psychiatrischen Klinik in Calw-Hirsau und übernahm 2008 die Praxis des Neurologen Gerhard Strauß am Leonberger Marktplatz. Den entscheidenden Vorzug der Selbstständigkeit beschreibt der Arzt so: „Ich bin keinem Controller Rechenschaft schuldig. Wenn es in der Sache medizinisch geboten ist, nicht ökonomisch zu denken, mache ich das.“

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