Altkreis Angst und Schrecken liegen hinter ihm

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Im Lager Camp Domiz nahe der Stadt Dohuk im Nordwesten der autonomen Republik Kurdistan im Irak, das unser Mitarbeiter Bartek Langer besucht hat, leben mehr als 60 000 syrische Flüchtlinge, überwiegend Kurden. Die Zeltstadt wurde im April 2012 ursprünglich für etwa 20 000 Menschen errichtet. In Absprache mit der Regierung und anderen Hilfsorganisationen koordiniert das UNHCR die humanitäre Hilfe, wie etwa die Wasserversorgung (im Bild) in dem Flüchtlingslager. Foto: Bartek Langer

Altkreis – Weil aufständische Salafisten nach seinem Leben trachteten, hat Shirwan (Name geändert) aus Syrien fliehen müssen. Mithilfe von skrupellosen Schleppern und eines gefälschten Passes machte sich der 21-Jährige auf eine Odyssee quer durch Europa und landete schließlich im Altkreis Leonberg. Ihren gewichtigen Anteil daran hatten gewissermaßen auch seine Begeisterung für die deutsche Geschichte sowie den deutschen Fußball, und da insbesondere für Bayern München.

Die Telefonleitung in seine syrische Heimatstadt Aleppo ist tot. Nichts geht mehr. Seit einer Woche versucht Shirwan vergeblich, seine Familie zu erreichen. Wenn ihm elend zumute ist, sehnt er sich besonders nach einer vertrauten Stimme. Heute ist einer dieser Tage. Shirwan sitzt in einem 15 Quadratmeter großen Zimmer – drei Betten, ein Fenster, keine Perspektive.

Vor acht Monaten hat er einen Asylantrag gestellt. Bis heute wartet er auf eine Antwort. Shirwan spricht kein Deutsch. Er darf nicht arbeiten. Bis auf seine Mitbewohner in der städtischen Gemeinschaftsunterkunft kennt er niemanden. Heute bleibt er einfach im Bett liegen. Mit leerem Blick starrt er auf seinen Laptop. Er versucht, die Zeit totzuschlagen. Wie schon gestern. Und auch die Tage davor. Eigentlich seitdem er in Deutschland ist.

14 Kilo Gewicht verloren

Shirwan, ein schmächtiger Kerl mit bleichem Gesicht, das sich farblich kaum von seiner weißen Wollmütze abhebt, musste aus Syrien fliehen. Dort war der 21-Jährige, der seit seiner Ankunft in Deutschland 14 Kilogramm an Gewicht verloren hat, nicht mehr sicher. Kurz vor seinem Schulabschluss im Frühjahr 2011, als der Bürgerkrieg über das Land hereinbrach, überwarf er sich mit dem Schulleiter. Der zum Islam zwangskonvertierte Kurde hatte mit der neuen Religion nicht viel am Hut. Das kam nicht gut an.

Dann verbreiteten auch noch die radikalen aufständischen Salafisten Angst und Schrecken in der Stadt. „Haram“ dies, „haram“ das – plötzlich war alles verboten und eine Sünde. Eine Tätowierung auf dem Arm reichte aus, um den Zorn der Fundamentalisten auf sich zu ziehen. Vor allem die kurdische Minderheit war Repressalien ausgesetzt. Es dauerte nicht lange und die ersten wurden auf offener Straße erschossen. „Später schlugen sie sogar den Leuten mit einer Machete den Kopf ab“, erzählt Shirwan. Er war dabei, er hat alles gesehen.

„Meine Eltern machten sich Sorgen, dass mir etwas zustößt“, erzählt der 21-Jährige, der seine Antworten in Englisch mit Bedacht wählt und für sein junges Alter überaus reif wirkt. Nach langem Hin und Her fassten sie den Entschluss, ihren ältesten Sohn ins Ausland zu schicken.

Australien oder Deutschland?

Shirwan wollte nach Aus­tralien fliehen, aber für seine Eltern kam nur Europa infrage. Wenn schon Europa, dann nur Deutschland, dachte sich Shirwan, der mit seinem Englisch bessere Karten in „Down Under“ gehabt hätte. Von Kindesbeinen an schwärmt er für Deutschland. Wenn sein Vater Schallplatten von Beethoven auflegte, hörte er schon als Erstklässler begeistert zu. Später fing er an, sich mit der deutschen Geschichte zu befassen. Die Schrecken des Dritten Reichs hatten sein Interesse geweckt. Dann kam auch noch seine Bewunderung für den FC Bayern München ins Spiel. Um den fußballbegeisterten Shirwan war es endgültig geschehen – wenn schon in die Fremde gehen, dann nach Deutschland. Er wandte sich an Schlepper, um das Land zu verlassen. Dafür kratzte die Familie ihre gesamten Ersparnisse zusammen. Shirwan packte seinen Koffer. Das Nötigste nahm er mit, ein paar Kleidungsstücke, Laptop, Handy. Mit dem Auto ging es zunächst über die Grenze in die Türkei. Dann weiter mit dem Bus nach Istanbul. Drei Wochen lang saß er dort fest, bevor die Schlepper eine Überfahrt von Izmir auf die griechische Insel Kos organisierten.

„Es war ein sicheres Boot“, sagt Shirwan, „nicht eines dieser Boote, mit denen die Flüchtlinge vor Lampedusa verunglückten.“ Doch Sicherheit kostet. Für die Weiterreise musste Shirwan 2000 Euro hinblättern. Die Küste Griechenlands erreichte er schließlich mit einem Touristenschiff und kam in Athen bei einem Onkel unter. „Er sagte mir, dass ich so lange bei ihm bleiben soll, bis sich die Situation in Syrien beruhigt“, erzählt Shirwan. Sieben Monate verstrichen. Die Lage verbesserte sich nicht, sondern sie eskalierte.

Shirwan ließ sich für 4000 Euro einen italienischen Reisepass fälschen und brach wieder auf. Trotz ungültiger Reisepapiere gelang es ihm, mit einer Swissair-Maschine nach Zürich zu fliegen. Dort nahm er den Zug Richtung Köln. In der Domstadt wohnt ein Freund der Familie.

Ein Staatenloser

Doch im badischen Offenburg war die Reise erst einmal zu Ende. Da er bis auf den gefälschten Reisepass keine anderen Dokumente bei sich hatte, schöpften die Beamten Verdacht. Shirwan flog auf. Nun war er ein Staatenloser. Weil er aber in keinem anderen europäischen Land aktenkundig geworden war, durfte er in Deutschland bleiben. So will es eine Verordnung der Europäischen Union, nach der bestimmt wird, im welchem Mitgliedsstaat das Asylverfahren über die Bühne geht.

Unbeirrt nahm Shirwan den erstbesten Zug nach Köln. In Dortmund beantragte er Asyl. Doch für den 21-Jährigen war Baden-Württemberg und damit das Regierungspräsidium in Karlsruhe zuständig. Nach der Antragstellung im April und einem Aufenthalt in der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe wurde Shirwan einer Gemeinschaftsunterkunft im Altkreis zugeteilt. Damit ist er einer von 50 syrischen Flüchtlingen, die im Landkreis Böblingen untergebracht sind.

Shirwan bezog ein Zimmer mit zwei anderen Landsleuten. Neben der Unterkunft bekommt er monatlich rund 300 Euro. Demnächst muss er aber umziehen. In dem neuen Quartier, so witzeln die Bewohner, soll es schlimmer aussehen, als nach einem Raketenangriff in Aleppo. Nicht folgenlos blieb seine illegale Einreise. Im August wurde Shirwan am Leonberger Amtsgericht zu 40 Arbeitsstunden verdonnert. Für einen örtlichen Bauhof kehrte er Straßen und sammelte Laub auf.

Hin und wieder zieht es ihn und seine Mitbewohner abends in die Stadt. Eine kleine Ablenkung von der alltäglichen Tristesse. Dann ist es ein wenig wie früher in Aleppo, als Shirwan mit Freunden um die Häuser zog. Sie hingen auf der Straße herum, amüsierten sich in Bars oder gingen ins Kino. Animationsfilme hatte Shirwan am liebsten. Manchmal blieben sie einfach zu Hause, bei seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern. Sie unterhielten sich stundenlang, während im Hintergrund amerikanische Country-Musik oder die finnische Band „Apocalyptica“ lief. Hauptsache nichts Arabisches.

„Löw muss weg“

Mit den Mitbewohnern, die allesamt spanische Klubs vorziehen, tauscht sich Shirwan häufig über Fußball aus. Er lässt sich kein Spiel des deutschen Rekordmeisters Bayern München im Internet entgehen. Der 21-Jährige kennt sich aus. Er ist auf dem Laufenden. Shirwan spricht über die Steueraffäre von Uli Hoeneß und über dessen tränenreiche Rede bei der letzten Jahreshauptversammlung. Der neue Trainer Guardiola ist ein Thema. Für den Abwehrrecken Van Buyten hat er nicht viel übrig, für den Filigrantechniker Götze indes schwärmt er. Am Ende der Fußballdebatte gibt es noch deutliche Worte für die deutsche Nationalmannschaft. „Damit sie endlich wieder einen Titel holen“, sagt er, „muss Löw weg.“

Wenn der 21-Jährige mit Schicksalsgefährten über die Zukunft von Syrien diskutiert, gehen die Meinungen auseinander. Shirwan, der inzwischen von einer religiösen Revolution spricht, wettert gegen das Assad-Regime. „Das Schlimmste wäre, wenn die radikalen Salafisten an die Macht kämen“, sagt er. „Aber nur für die Kurden“, fällt ihm Ibrahim, ein sunnitischer Muslim, ins Wort. Der hofft darauf, dass die Rebellen künftig das Sagen haben. Das ist seiner Meinung nach die beste Lösung für alle Menschen im Land. „Letztendlich geht es darum, dass die Kurden zumindest das Recht bekommen, ihre Sprache zu lernen und ihre Religion auszuüben“, sagt Shirwan, der wie alle Kurden von einem eigenen Staat träumt.

Doch für die nächsten drei Jahre wird Deutschland sein Zuhause sein. Diese erfreuliche Nachricht erreichte Shirwan vor wenigen Tagen. Beim Blick auf den entsprechenden Bescheid strahlt der junge Mann, dem nur selten ein Lächeln zu entlocken ist, wie ein Honigkuchenpferd. Was ihm nun durch den Kopf geht? Er möchte schnellstmöglich Deutsch lernen. Dann Abitur nachmachen und studieren. Politikwissenschaften vielleicht. Er will mehr von Deutschland sehen. Die Berliner Mauer, das Oktoberfest und natürlich auch ein Fußballspiel seiner Bayern in der Allianz-Arena in München. Als nächstes ruft er aber erst einmal zu Hause an. Bislang kam er noch nicht durch.

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