Alter Engelbergtunnel Leonberg Wie aus Freude Schrecken wurde

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Viele Menschen informieren sich am Tag des offenen Denkmals über die Historie des alten Engelbergtunnels. Foto: factum

Leonberg - Nur wenige Schritte entfernt ragt der Tunnel auf – imposant, kalt und dunkel. Ein mulmiges Gefühl macht sich in der Magengrube breit, ­sobald man seine Tore passiert hat. Ein Gefühl von Angst und Trauer, dass der Tunnel in sich zu tragen scheint. Mitleidslos wird man von seinen Mauern verschluckt und man bekommt das Gefühl, nie wieder gehen zu können.

Der 1938 eingeweihte Engelbergtunnel war der erste Autobahntunnel in Deutschland. Schnell wurde er zum regionalen Symbol der NS-Gewaltherrschaft und schrieb somit politische Geschichte. Die Leonberger KZ-Gedenkstätteninitiative hat am Tag des offenen Denkmal seine Tore geöffnet. Viele interessierte Besucher nutzten die Möglichkeit, einen Einblick in die düstere Geschichte des Tunnels zu bekommen.

„Es ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte“

Holger Korsten, ein Mitglied der KZ-Gedenkinitiative, erzählt in seinem Vortrag die Geschichte des alten Engelbergtunnels – von seiner Planung, über dessen Umbau zur Flugzeugfabrik, bis hin zu seiner Schließung. „Der alte Engelbergtunnel wurde aus propagandistischen Gründen gebaut. Er sollte bombastisch werden und allen zeigen, dass nur die Nationalsozialisten so etwas Großartiges bauen konnten“, erklärt er. „Was erst eine Autobahn war, die zum Wohlbefinden des deutschen ­Volkes errichtet wurde, wurde kurze Zeit später eine Fabrik zur Produktion von Tragflächen eines Düsenjägers.“ Weiterhin sagt er: „Damit begann im Frühjahr 1944 für 5000 Häftlinge eine Zeit, in der sie sieben Tage die Woche arbeiten mussten. In 12-Stunden-Schichten, ohne Urlaub und permanentem Hunger, Seuchen und der Willkür der SS ausgesetzt.“ Nachdem die Fabrik geschlossen wurde, konnte man von 1950 an wieder durch den Tunnel fahren. Doch als Leonberg 1980 dem Engelbergbasistunnel zustimmte, wurde der alte Tunnel geschlossen.

Claudia Gutzke besichtigt den alten Engelbergtunnel an diesem Sonntag zum ersten Mal. Sie ist allerdings schon früher mit dem Auto durch den Tunnel gefahren. „Es ist ein komisches Gefühl, zu sehen, was hier passiert ist. Die Arbeitsbedingungen waren brutal und viele junge Menschen mussten sehr leiden“, sagt sie nachdenklich. Die 38-jährige Verkäuferin findet es wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Es ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte. Doch es gerät im Laufe der Jahre immer mehr in Vergessenheit. Das finde ich sehr schade.“ Claudia Gutzke ist sich sicher, dass man viel aus der Vergangenheit lernen kann. „Es gab so viel Leid und so viele schlimme Dinge, die passiert sind. So etwas darf sich niemals wiederholen!“

„Bestimmte Dinge aus der Vergangenheit wiederholen sich“

Auch Rolf Scherer guckt sich den alten Engelbergtunnel zum ersten Mal genauer an. „Früher ist mein Vater immer mit dem Auto hier durchgefahren. Später habe ich    den Tunnel dann benutzt“, sagt der ­Rentner. Jetzt erweckt der Tunnel in ihm ­geteilte Gefühle. „Hier hat sich eine sehr düstere Geschichte zugetragen. Das ist ­erdrückend und lässt einen nachdenken. Einem wird klar, wie gut es uns geht und dass wir viele Fortschritte gemacht haben. Man lernt, die Freiheit zu schätzen.“

Rolf Scherer sieht im Moment allerdings eine negative Entwicklung in der Gesellschaft. „Ich habe das Gefühl, dass sich bestimmte Dinge aus der Vergangenheit wiederholen. Dinge, die nichts in unserer Zeit zu ­suchen haben.“ Der Rentner zieht deshalb eine klare Botschaft aus der Geschichte. Bestimmt sagt er: „Niemals darf sich der Mensch über andere erheben! Sonst ­passiert Böses.“

Die KZ-Gedenkinitiative bietet am Sonntag vielen die Möglichkeit, einen Teil der Vergangenheit besser kennenzulernen. Die Initiative regt dazu an, darüber nachzudenken, was passiert ist und macht deutlich, dass dieser Teil unserer Geschichte niemals in Vergessenheit geraten sollte.

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