Aktion der Polizei im Kreis Ludwigsburg Frauen lernen S-Bahn fahren

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Nein! Übergriffe müssen nicht erduldet werden. Foto: Mauritius/Stock4B/Vienna Slide
Marbach –  Der S-Bahn-Waggon, der am Donnerstag, 12. September, auf Gleis drei des Marbacher Bahnhofs steht, ist ein ganz besonderer: Ihn ihm können Mädchen und Frauen ab 16 Jahre lernen, wie sie mit brenzligen Situationen umgehen – oder sie vermeiden.

Frau Glück, müssen Frauen S-Bahn fahren lernen?

Nein, natürlich nicht.

Wozu dann der Workshop Frauen – sicher unterwegs im ÖPNV?

Die Gefährdungslage ist definitiv nicht so, dass Frauen sich Sorgen machen müssten, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Aber wir nehmen wahr, dass das subjektive Sicherheitsgefühl trotzdem schlecht ist. Viele Frauen möchten nicht mit der S-Bahn fahren, weil sie denken, dass sie dort in eine doofe Situation kommen könnten. Statistisch gesehen gibt es dafür keinen Anlass, aber allein die Kriminalitätsangst ist für uns ein Grund, aktiv zu werden.

Was lernen denn die Teilnehmerinnen in Ihrem Kurs?

Es gibt unter anderem Informationen darüber, was strafbar ist, womit man sich an die Polizei wenden kann, und es gibt Tipps, wie man risikoreiche Situationen vermeiden kann.

Ist ein Klaps auf den Po ein Fall für die Polizei?

Grundsätzlich kann man immer zur Polizei kommen! Ob es sich bei einem Verhalten letztlich um eine Straftat handelt, muss man sehen – aber das müssen nicht die Frauen beurteilen. Die Erfahrung zeigt, dass viele Frauen übergriffiges Verhalten hinnehmen, weil sie denken, dass es sich um eine Bagatelle handelt. Aber dank der Reform des Strafrechts vor zwei Jahren wurden gerade im Bereich der sexuellen Belästigung Dinge strafbar, die vorher nicht strafbar waren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Klassiker ist eine Berührung, die sexuell bestimmt ist und durch die man sich belästigt fühlt. Früher konnte das maximal als Beleidigung gewertet werden, nun gibt es einen Tatbestand im Sexualstrafrecht: Sexuelle Belästigung. Und das kann bei einem Griff an den Po der Fall sein! Oder: Wenn ein Mann einer Frau urplötzlich die Hand auf den Busen gelegt hat, war das früher rechtlich ganz schwierig. Eine sexuelle Nötigung lag nur vor, wenn der Täter einen „entgegenstehenden Willen“ überwunden hat. Aber wenn ein Übergriff überraschend kommt, kann das Opfer einen entgegenstehenden Willen ja gar nicht formulieren. Mit der Reform des Sexualstrafrechts wurde so ein überrumpelndes Verhalten zur sexuellen Nötigung.

Kann man brenzlige Situationen ernsthaft vermeiden?

Man sollte es auf jeden Fall versuchen. Wir empfehlen zum Beispiel, sich in einem Viererabteil nicht ans Fenster zu setzen. Damit man nicht eingekesselt werden kann. Und es schadet auch nicht, die Umgebung zu scannen. Also Kopfhörer raus und Handy weg, damit die Aufmerksamkeit da ist. Und, ganz wichtig: Wenn man beim Einsteigen in einen Waggon ein doofes Gefühl hat, dann geht man besser in einen anderen. Natürlich sieht man den Leuten nicht an, was sie vorhaben, aber wenn man ein schlechtes Bauchgefühl hat, gibt es meistens einen Grund dafür.

Fahren Sie während des Kurses mit der S-B­ahn zwischen Schwabstraße und Marbach hin und her?

Nein, der die DB Regio stellt den S-Bahn-Waggon auf Gleis 3 des Bahnhofs ab – und dort bleibt er während der Kurse stehen.

Haben Sie selbst schon mal eine ungute Situation in einer S-Bahn erlebt?

Erlebt zum Glück noch nicht, aber beobachtet. Die Frau hat sich toll verhalten.

Was war passiert?

Ein betrunkener Mann hat diese Frau massiv belästigt. Erst hat er sie nur belabert, dann hat er seine Hand auf ihr Bein gelegt und dann den Arm um ihre Schulter und ist immer an sie herangerückt. Die Frau hat das nicht still erduldet, sie hat lautstark auf sich aufmerksam gemacht. Sie hat Mitreisende aufgefordert, ihr zu helfen – und das hat super funktioniert!

Anmeldung und Infos

Person
Andrea Glück leitet den Workshop in der S-Bahn. Die 46-Jährige ist Kriminalhauptkommissarin und im Polizeipräsidium Ludwigsburg zuständig für Kriminalprävention.

Aktion
Der Workshop ist Teil eines Aktionstages der Polizeipräsidien Ludwigsburg, Aalen, Reutlingen und Stuttgart. Die Oberthemen des Präventionstages sind Zivilcourage und Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln. Kooperationspartner sind verschiedene Nahverkehrsunternehmen.

Kurs
Der Workshop in Marbach beginnt um 11 und um 13 Uhr und dauert jeweils 90 Minuten. Eine Anmeldung ist nötig und bis zum 9. September möglich per Mail: ludwigsburg.pp.praevention@polizei.bwl.de

 

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