Ahmed Al Toamas aus Heimsheim Sein Traum ist ein Medizinstudium

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„Deutschland ist für mich eine zweite Heimat geworden“, sagt Ahmed Al Toamas. Foto: Andreas Gorr

Heimsheim - Die Stiftung „Talent im Land“ fördert begabte Schüler aus Baden-Württemberg, deren Lebensverhältnisse eine erfolgreiche Schulkarriere spürbar erschweren. Unter 350 Bewerbern hat sich der junge Syrer Ahmed Al Toama aus Heimsheim behaupten können: Der junge Mann hat eines der jährlich 50 vergebenen Stipendien erhalten.

Als Ahmed Al Toama seinen Heimatort Deralsur im Osten Syriens verlassen hat, wusste er nicht, wohin ihn sein Weg führen würde. Europa erreichen und damit die Chance auf ein Leben, auf ein normales Leben, war das Ziel. Über die Türkei, Griechenland, Serbien und Österreich führte der Weg des damals 16-jährigen Syrers, bis er schließlich in Deutschland ankam. „Es war ein schwerer Weg“, sagt er, schluckt und schaut zu Boden.

Ahmed sitzt in seiner kleinen Einliegerwohnung in Heimsheim, das geräumige Zimmer ist sauber, das Bett ist ordentlich gemacht. Mehr erzählt er nicht über die Flucht. Auf dem Schreibtisch liegen Bücher, Stifte und Papiere. „Ich muss eben viel lernen“, sagt er und strahlt dabei. Inzwischen ist er angekommen in Deutschland, die Sprache beherrscht er immer besser. Das ist gut so, denn Lernen, das ist eines der wichtigsten Dinge in seinem Leben.

Und die größte Hürde dabei ist die Sprache: „Wenn deutsche Schüler eine Stunde lernen, dann brauche ich eben zwei, wenn sie an einem Tag fertig werden, dann bin ich es in zwei“, erklärt er. Doch das kümmert den zielstrebigen jungen Mann nicht. Er weiß: Je mehr er lernt, desto schneller verschwindet diese Hürde.

Über Karlsruhe nach Leonberg

Über Karlsruhe kam Ahmed nach Leonberg, wo er zuerst in der Jugendhilfe Waldhaus gelebt hat. Am Leonberger Berufsschulzentrum besuchte er einen Jugend-Integrationskurs und fand Freunde in der Fremde. „Den Kurs haben alle in meiner Klasse bestanden. Wir haben auch heute noch Kontakt, das ist wie Familie“, nachdrücklich nickt er, „und das ist wichtig.“

Am Berufsschulzentrum nahm ihn die in der Flüchtlingshilfe engagierte Heimsheimerin Ursula Duppel-Breth unter ihre Fittiche. Gemeinsam machten sie sich an die Erfüllung von Ahmeds Traum: „Ich wollte zur Schule gehen und lernen, ich will die Chance auf eine gute Ausbildung haben.“ Doch aufgrund seines Alters, mittlerweile war er 18 geworden, fand sich keine Schule, die ihn aufnehmen wollte. Lediglich ein Gymnasium hätte ihn eingeschult, das allerdings in die achte Klasse. Aber mit Dreizehnjährigen die Schulbank drücken? „Das wäre nicht gegangen“, sagt Ahmed und schüttelt den Kopf, die Enttäuschung von damals ist jetzt noch spürbar.

Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Mentorin Ursula Duppel-Breth ließ nicht locker, sie informierte und erkundigte sich, bis eine Lösung gefunden war: ein Stipendium für die Urspringschule nahe Ulm. „Das Internat in Urspring ist meine letzte Chance auf Schule und damit auf eine gute Ausbildung gewesen“, ist sich der heute Zwanzigjährige bewusst. Also hat er die Gelegenheit beim Schopf gepackt, obwohl er dafür wieder einen Neuanfang wagen musste. Wieder war er auf sich gestellt, wieder musste er sich in einer fremden Umgebung einleben, wieder neue Freunde finden. „Ich habe das trotz allem gerne auf mich genommen, auch wenn es schwer war. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich mich eingelebt habe“, erzählt er. „Aber jetzt“, und das sagt er sehr bestimmt, „jetzt bin ich auf meinem Weg.“

Dabei hilft auch das Stipendium von „Talent im Land“, mit dem eine monatliche finanzielle Unterstützung und ein vielseitiges Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten einhergeht. Im Sommer 2018 hat er sich dafür beworben. „Als ich die vielen Mitbewerber bei der Prüfung gesehen habe, hätte ich nie gedacht, dass ich eine Chance habe.“

Doch die Jury hat das Potenzial in ihm gesehen. Dass er sich das Stipendium durch großen Fleiß und den Willen, etwas aus sich zu machen, erarbeitet hat, erfüllt den sportlichen jungen Mann sichtlich mit Stolz.

Mit der schwäbischen Küche angefreundet

Doch neben dem Lernen und der Schule bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes. Seit einem Jahr spielt er beim CVJM Flacht Fußball: „Sport ist mir wichtig, Fußball und Schwimmen sind meine Disziplinen“, erzählt er. Auch in der Küche weiß er Hand anzulegen, er kocht gerne Gerichte aus seiner Heimat. Mit der schwäbischen Küche hat er sich angefreundet, Kässpätzle und Maultaschen findet er lecker. Der schwäbische Apfelkuchen dagegen ist ihm ein Graus – aber es gibt ja Alternativen.

„Deutschland ist für mich eine zweite Heimat geworden“, sagt er mit einem Lächeln, „und wenn ich heute zurückblicke, finde ich, der Anfang war gar nicht so schlimm. Ich habe neue Freunde gefunden, ich habe viele nette Menschen kennengelernt. Es war oft ein Kampf, mit der Sprache, mit der Fremde, mit der Bürokratie. Aber ich habe gerne gekämpft, weil ich wusste, am Ende bekomme ich etwas dafür. Die Möglichkeit, zu lernen und die Chance auf eine gute Ausbildung, auf eine Lehre oder ein Studium.“ Der Gesundheitssektor interessiert ihn besonders, sein Traum ist ein Medizinstudium. Dass er den nötigen Willen hat, um in einigen Jahren vielleicht Dr. Ahmed Al Toama zu sein, hat er schon jetzt bewiesen.

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