Zaubermühle Merklingen Es hat sich ausgezaubert

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Sigrid Wolbold und Hermes Kauter hören auf. Foto:  

Weil der Stadt - Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören? Nicht, wenn es nach dem Publikum geht, das bei der Abschiedsvorstellung in der Merklinger Zaubermühle zu Gast war. Trotzdem schließen Sigrid Wolbold und Hermes Kauter alias Tres Face und Frascatelli nach 16 Jahren die Pforten ihres außergewöhnlichen magischen Theaters. Der letzte Vorhang sollte schon im Mai 2018 fallen, doch die Nachfrage war so groß, dass es nach der letzten eine allerletzte Vorstellung der magischen Künste geben musste, ein großes Finale des Abschiedsprogramms „Jubilitäten“, bei dem Frascatelli und Tres Face neben Zauberkunst und Mentalmagie auch Einblicke in ihre magische Laufbahn gewährt haben.

„Unser Theater lebt ja auch vom Mitspiel des Publikums“, erzählt Kauter voller Vorfreude, während er mit wachem Blick die Zuschauer aussucht, die er auf die Bühne bittet. Zum Beispiel Alfred, der hier eine Blitzkarriere als Magiker hinlegt. Angeleitet von seiner „inneren Stimme“ Frascatelli und unterstützt von Chantal, einer fedrig-pudrigen Vogeldame, der Puppenspieler Frascatelli einen charmanten französischen Akzent verleiht, schafft es Alfred eloquent und fast wie ein Profi durch einen wundersamen Kartentrick.

Auch der nächste Zauberlehrling Axel wird durch Frascatellis Geschick zum verdutzten Helfer des Künstlers. Der demonstriert mit viel Wortwitz und für das Publikum ganz offen, für den Bühnenneuling jedoch nicht durchschaubar, wie durch Fingerfertigkeit und Ablenkung ganz einfach und ausgesprochen wirkungsvoll magische Effekte wie das geheimnisvolle Verschwinden und das plötzliche Erscheinen einfacher weißer Handschuhe hervorgezaubert werden können.

Drei Jahre lang haben sie nach eine Bühne gesucht

Frascatelli und Tres Face sind ganz besondere Künstler, die mit der Zaubermühle in Merklingen auch etwas ganz Besonderes geschaffen haben. Drei Jahre lang haben sie gesucht, bis sie 1990 in Merklingen mit all ihren Kuriositäten, Requisiten und dem eigenen Theaterboden sesshaft geworden sind. Davor sind die Psychologin und der Jugendsozialarbeiter „nebenberuflich“ im Zirkuswagen durch Europa gezogen, haben ihren Jahresurlaub und viele Wochenenden mit Straßentheater und auf Kleinkunstbühnen verbracht, magische Programme ersonnen und ihre Fertigkeiten immer mehr erweitert und verfeinert. Autodidaktisch, wohlgemerkt: „Wir haben vor allem beim Straßentheater sehr viel ausprobiert“, erzählt Kauter, „wir sind oft in Bibliotheken gegangen und haben alte Zauberbücher nach Ideen durchforstet, die wir dann für uns passend gemacht haben. Wir haben alle unsere Nummern selbst entworfen, wir haben etwas ganz Eigenes geschaffen.“

Der Lohn für ihre Mühe: 2013 wurde dem Duo der „Hofzinser-Gedächtnisring“ verliehen. Eine Auszeichnung für Zauberkünstler, die sich um die Zauberkunst besonders verdient gemacht haben und deren Symbol seit der Einführung 1933 nur sechs Zauberkünstlern verliehen wurde. „Da waren wir baff. Damit haben wir nicht gerechnet. Den Ring hat vor uns noch niemand bekommen, der nicht in einer magischen Vereinigung war.“ Das ist das Duo nicht: „Ende der 80er Jahre wollte ich dem magischen Zirkel beitreten“, erzählt Kauter, „aber was ich gemacht habe, war dem Zirkel zu obskur und zu suspekt.“ Also sind die beiden ihren eigenen Weg gegangen, haben sich und ihr Programm beständig weiterentwickelt. Sie haben es geschafft, Zauberei und Mentalmagie ganz natürlich und gleichberechtigt miteinander zu verbinden.

Und dann wird es noch spannender

Frascatelli und Tres Face verblüffen ihr Publikum im Wechsel. So dirigiert die ganz in feuerrot gekleidete Tres Face mit verbundenen Augen zwei leuchtende Herzen, die kreuz und quer durch das Publikum gereicht werden, letztendlich zu einem nebeneinander sitzenden Paar. Woher weiß sie, welchen Weg die Herzen nehmen müssen? Sie stellt ihr Können ein weiteres Mal unter Beweis. Vier Hundebesitzer notieren die Rasse ihres Vierbeiners auf einen Zettel, Tres Face ordnet drei davon verblüffend schnell den Besitzern, die neben ihr auf der Bühne stehen, zu. Und dann wird es noch spannender. Welchen Hund der vierte Hundebesitzer Gassi führt, das weiß die Gedankenkünstlerin nämlich nach kurzem Überlegen einfach so: „Berner Sennhund“, ist sie sicher. Nicht ganz getroffen, der Besitzer korrigiert: „Schweizer Sennhund.“ Die akkurate Richtigstellung löst herzliches Gelächter im Publikum aus, ist der eine Vierbeiner doch vom andren kaum zu unterscheiden.

Das liebevoll zusammengetragene Kuriositätenkabinett, das Ambiente auf dem Dachboden der alten Mühle, der Witz und die Empathie für das Publikum haben wahrlich magische Momente geschaffen.

„Ich glaube, unser Erfolgsrezept ist, dass es uns gelungen ist, das ganze Spektrum an Besuchern zu bedienen“, resümiert Kauter heiter. Jung und Alt, Akademiker und Praktiker. Dabei sind alle Vorstellungen von Anfang an ausverkauft gewesen, rund 60 000 Zuschauer haben bis heute die Zaubermühle besucht. „Aber jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, wo wir mit unseren Kräften haushalten müssen“, bedauern die beiden Mittsechziger. Pläne für „danach“ haben sie bewusst nicht gemacht, sie wollen endlich einmal alles auf sich zukommen lassen, zur Ruhe kommen, tief Luft holen. Und dann – wer weiß?

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