Weissach Ursula Kreutels schwerster Wettkampf

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Ursula Kreutel in ihrem Dienstzimmer im Weissacher Rathaus – das will sie am 13. Juli verteidigen. Foto:  

Weissach - Manchmal passen Namen zum Charakter. Ursula heißt auf Lateinisch „kleine Bärin“. Dass Ursula Kreutel wie eine Bärin kämpfen kann, hat sie in den vergangenen acht Jahren jedem bewiesen, der es nicht glauben wollte. Jetzt absolviert sie in den Tagen bis zum 13. Juli ein enormes Terminpensum, ist omnipräsent im Ort. Die spannende Frage ist: Wie stark ist das Lager der Kritiker und wie stark das ihrer Anhänger? Das, und wie stark diese mobilisieren, wird über die politische Zukunft von Ursula Kreutel entscheiden – und über die der Gemeinde.

Um das zu verstehen, muss man ein paar Schritte in die Vergangenheit machen. Ursula Kreutel musste sich im Leben immer durchkämpfen. Auch als erfolgreiche Leistungssportlerin, sie war bekanntlich Deutsche Meisterin im Diskuswerfen und hat auch an der Europameisterschaft teilgenommen. Niemals aufgeben, dieses Mantra einer jeden Spitzenathletin hat sie verinnerlicht. Das half ihr auch über private Schicksalsschläge hinweg – und dabei, sich als alleinerziehende Mutter in einer männerdominierten Branche zu behaupten, der Kommunalpolitik. Und zwar ganz oben an der Spitze, in einer Führungsrolle.

Streitbare Gemeinde

So kam die damals 40-Jährige, die parallel zur Sportkarriere Verwaltungswirtin studierte und Höfinger Ortsvorsteherin war, 2006 nach Weissach. Eine schon damals streitbare Gemeinde, zwei Vorgänger waren abgewählt worden, einer warf nach Monaten entnervt das Handtuch.

Von jetzt an gibt es zwei Versionen der Geschichte, was im Weissacher Rathaus in den acht Jahren passiert ist. Da keine der beiden ganz richtig sein kann, muss die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Die eine Erzählung lautet so: Eine junge Bürgermeisterin kommt in eine Verwaltung, in der sich die seit Jahren kooperierenden Männer nichts sagen lassen wollen. Sie trifft so manchen Missstand an, räumt auf, macht sich damit viele Feinde, weil sie den mächtigen Honoratioren auf die Füße tritt – und lässt sich dabei nicht beirren.

„Beide Seiten tragen einen Teil der Schuld“

Die andere Erzählung beginnt zwar ähnlich, nimmt jedoch einen gänzlich anderen Verlauf. Dass es anfangs Vorbehalte gegen eine Frau an der Spitze gab, ist unbestritten. Doch nach der ersten Phase der Machtkämpfe blieb die Rathauschefin im permanenten Angriffsmodus, attackierte jeden, der widersprach – und hat so zu der beispiellosen Personalfluktuation im Rathaus geführt. Allein sechs Führungskräfte haben seither das Weite gesucht. Der Höhepunkt war die Kündigung des Hauptamtsleiters Jürgen Troll. Er hat diese erfolgreich angefochten, sich zurückgeklagt – das Rathaus war über ein Jahr lang blockiert. Das wirkt bis heute nach, das Klima ist angespannt. Die veraltete Homepage und das oft kritisierte Amtsblatt sind dafür sichtbare Zeichen. Seither ist auch das Verhältnis zumindest zu den Freien Wähler im Keller. Zuletzt drehte sich der Machtkampf um die Kämmerei – es brauchte zwei Anläufe, ein Veto der Bürgermeisterin und viele Wahlgänge, bis sich Kreutels Kandidat Horst Dieter schließlich durchsetzte. „Es tragen wohl beide Seiten einen Teil der Schuld“, sagt eine Weggefährtin, die sowohl Kreutel als auch Troll gut kennt.

Mit dieser Vorgeschichte zieht Ursula Kreutel nun in den Wahlkampf. Doch es wäre nicht fair, ihre Bilanz nur an den Konflikten fest zu machen. Ihr zentrales Reformwerk nennt sich „Weissach 2025“, das sie nun auch im Wahlkampf anführt als roter Faden, als Leitlinie. „Das Konzept haben wir mit den Bürgern erarbeitet“, sagt die 48-Jährige. Punkten kann sie auch mit dem Ausbau der Kinderbetreuung, die mit dem Spatenstich für die Ferry-Porsche-Kita vor kurzem ein sichtbares Symbol bekommen hat. Auch die neue Gemeinschaftsschule ist eine Erfolgsgeschichte.

Porsche-Erweiterung ist fertig

Am 18. Juli kann die Bürgermeisterin einen weiteren Glanzpunkt verbuchen: Die Porsche-Erweiterung ist fertig, der Sportwagenhersteller expandiert am Standort mit einem neuen Windkanal und Forschungsstätten. Auch hier gab es im Vorfeld viele Unstimmigkeiten, doch kurz vor einem möglichen zweiten Wahlgang kann die Amtsinhaberin noch einmal vor den Augen der Öffentlichkeit brillieren.

So wirbt Ursula Kreutel unverdrossen für ihre Sicht der Dinge und für ihre persönliche Bilanz. „Bürgermeisterin ist mein Traumberuf“, sagt sie immer wieder. Ihre Nervenstärke beeindruckt selbst ihre Gegner – trotz der massiven Kritik und den Querelen bleibt sie stets ruhig. Wie eine Rathauschefin, die um ihr Amt zittert, wirkt sie nicht gerade. Kreutel sucht offensiv den Dialog mit den Bürgern – und hat gerade im Umgang mit den Vereinen mehr Offenheit entwickelt als zu Beginn.

So bleibt die Frage, die auch am Anfang stand: Wie stark ist das Lager der Freunde, in dem sich viele aktiven Frauen im Ort wiederfinden, und wie stark ist das ihrer Kritiker? Und wie verteilen sich die Stimmen? Wie sehr wird die allgemeine Unzufriedenheit in der Gemeinde und die ambivalente Haltung mancher Bürger zu Porsche mit ihrer Person verbunden? Oder setzt eine Trotzreaktion dagegen ein, die vierte Person an der Spitze in Folge zu verschleißen? Ursula Kreutel jedenfalls hält es mit Franz Beckenbauer, und lächelt: „Schaun mer mal.“

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