Weil der Stadt Neuer Stoff fürs Kopfkino beim Schmökern

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Auch Amys Universum ist unter dem Pseudonym Auch Amys Universum ist unter dem Pseudonym Emily Cole geschrieben. Foto: factum

Weil der Stadt - Seit vier Jahren etwa kennt die Merklingerin Emily Cole das Gefühl, dass andere Menschen über sie verfügen, sie in Beschlag nehmen, regelrecht Besitz von ihr ergreifen und ihre Hirnwindungen kaum mehr verlassen. Das kann monatelang so gehen. Bis irgendwann wieder ein Buch fertig und die Geschichte der besitzergreifenden Menschen geschrieben ist. So ist es auch mit Emily Coles drittem Buch, dem erotischen Liebesroman „Amys Universum“, in dem eine Mittdreißigerin sich in einen jungen Mann verliebt. Das Buch ist im Scholz Verlag Hamburg erschienen.

Es gibt Autoren, die nie im Wilden Westen waren – wie Karl May – und dennoch über ihn geschrieben haben. Es gibt Männer, die aus der Sicht von Frauen schreiben und umgekehrt. Oder es gibt Autoren, wie Leonie Swann, die die Welt aus der Sicht eines Schafes beschrieben hat, aber wohl kaum je eines gewesen ist. Und doch wird die Frage, wie viel vom Autor selbst, seinen Erfahrungen Sehnsüchten oder seiner tatsächlichen Geschichte in seinen Büchern stecken, gern gestellt. Emily Cole antwortet darauf entwaffnend: „50 Prozent von mir stecken schon drin.“ Welche 50 Prozent verrät sie aber nicht.

Amy ist die Hauptperson des Buches und aus ihrer Sicht wird die Geschichte geschrieben. Amy ist Fotografin, Mittdreißigerin, verheiratet, hat einen Sohn – und verliebt sich in einen fast zehn Jahre jüngeren Mann. Es entspinnt sich eine Geschichte von Betrug und enttäuschter Liebe, von Leidenschaft, Lust und Hoffnung, Misstrauen und Enttäuschung – mit einer ordentlichen Portion Erotik und einem überraschenden Ende.

Angefangen hat die Autorenkarriere der gebürtigen Münchnerin, die in Ehningen aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in Merklingen lebt, damit, dass sie vor vier Jahren auf dem Dachboden in alten Kladden gewühlt hat und einige ihrer uralten Geschichten fand, die sie als Teenager in ihre Schreibmaschine getippt hatte. „Ich hab’ schon immer gern geschrieben“, erzählt sie, „und hatte auch in Aufsätzen immer gute Noten.“ Die alte Teenie-Liebesgeschichte vom Dachboden faszinierte sie erneut so sehr, dass sie sie umgehend in ihren Laptop hackte, nicht ohne sie dabei gleich ein wenig zu glätten und, vor allem, weiterzuspinnen. „Ich habe nächtelang geschrieben, im Grunde Tag und Nacht, über Monate hinweg“, erinnert sie sich an die Arbeit, die 2011 in ihr erstes gedrucktes Werk mündete, den Roman „Jenseits der Scheinwerfer“. Es ist immer noch ihr liebstes Werk, und ihrer Tochter gefiel es damals so gut, dass sie der Mutter riet, sie solle es an einen Verlag schicken.

Emily Coles Erfahrungen mit Verlagen lassen sich nicht unbedingt verallgemeinern: Geich drei interessierten sich für das Manuskript und mit dem Scholz Verlag wurde sie handelseinig. Seither hat die Merklingerin zahlreiche Lesungen abgehalten, Radio-Interviews gegeben, zwei weitere Bücher („Im Licht der Scheinwerfer“ und „Amys Universum“) sowie eine Kurzgeschichte geschrieben („Der See“ – erschienen im Titus-Verlag für dessen „Story-to-go-Reihe“).

Neu ist für die zweifache Mutter, dass sie unter Zeitdruck arbeiten muss, weil ein Verlag ihr einen Abgabetermin nennt: Zurzeit recherchiert und schreibt sie an einem Teil eines Krimi-Projekts, für das insgesamt acht Autoren gemeinsam arbeiten: Die „Complex-West-Thriller-Serie“. In dem Wohnkomplex in Fishkill im Staat New York, einer einstigen Anstalt für Geisteskranke, lebt eine seltsame Melange von Menschen, unter anderem die Prostituierte, deren Part und deren Appartement gewissermaßen Emily Cole übernommen hat. Die einzelnen Geschichten hängen zusammen und die grob umrissenen Basisgeschichten sind vorgegeben. „Das ist etwa, wie wenn man einen Weihnachtsbaum bekommt, den man selber schmücken soll“, beschreibt Cole ihre Aufgabe. Der Leser könne jede Geschichte für sich lesen, doch nur wenn man alle kenne, seien sämtliche Verbindungen und Verflechtungen klar.

Dafür hat die Merklingerin auch im Rotlichtmilieu recherchiert. „Da kriegt man die unglaublichsten Geschichten zu hören“, erzählt sie und bekennt, dass diese Art von „Erotik“ für sie extrem schwer zu beschreiben sei. Im März ist Abgabetermin. Das macht Druck. Immerhin: den Schluss ihrer Geschichte hat Emily Cole, die im realen Leben Marion Scheible heißt, schon im Kasten. Angst vor Leere im Kopf hat sie nicht: „Mein Hirn läuft über vor Ideen und im Grunde bin ich so etwas wie ein Sklave meines Kopfes“, erklärt sie. Viel mehr Arbeit, sagt sie, mache am Ende das Feintuning, das Feilen an Formulierungen, der Ausbau von Dialogen, die glaubhafte Beschreibung von Gefühlen, also all jene Dinge, die dafür sorgen, dass im Leser das Kopfkino sanft zu laufen beginnt.

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