Volkstrauertag Sie wollte nie die Heimat verlassen

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Nirmeen Alturk erzählt eindrücklich von ihrer Heimatstadt Damaskus. Foto: factum/Bach

Weissach - Zuerst sind es Bilder, die eine Stadt voller Freude und Lebenslust zeigen. Mit lachenden jungen Menschen auf sonnigen Straßen und Plätzen, die in eine scheinbar sorgenfreie Zukunft blicken. Arabische Klänge untermalen die Szenerie. Nirmeen Alturk kontrastiert in ihrem kurzen Film die strahlende Vergangenheit ihrer Heimatstadt Damaskus mit Bildern aus der Gegenwart. Und die sieht ganz anders aus: Eine zerstörte Metropole, auf der kaum noch ein Stein auf dem anderen steht. Eine Ruinenstadt aus einem apokalyptischen Albtraum.

Persönliche Geschichte von Krieg, Flucht und Vertreibung

Für die 22-Jährige, ihren Bruder, ihre Mutter und ihren Vater ist dieser Albtraum eine Realität, vor der sie geflohen sind. 2015 nach Deutschland, ein Jahr später sind sie in Weissach angekommen. Dort lebt die Familie noch heute – neben rund 120 weiteren Asylsuchenden. In ihrem etwas mehr als fünfminütigen Filmbeitrag, den die junge Frau zusammen mit ihrem Bruder Mohammed Joud selbst gemacht hat und den sie am Sonntag anlässlich einer Gedenkfeier zum Volkstrauertag in der fast vollen Aussegnungshalle des Friedhofs in Weissach-Flacht zeigte, erzählt sie ihre ganz persönliche Geschichte von Krieg, Flucht und Vertreibung. Und eines wird dabei schnell deutlich: Nach Deutschland kommen wollte sie und ihre Familie nicht. Niemals. Zu viel musste zurückgelassen werden: Freunde, Verwandte, eine wahrscheinlich glänzende Zukunft, die Nirmeen Alturk als Mathematikstudentin in Damaskus vor sich hatte. „Ich habe nie daran gedacht, dass wir einmal unsere Heimat verlassen müssen“, sagt sie in ihrem Film. „Ich liebe meine Heimat und musste trotzdem gehen.“

Auch wenn manch einer mit diesem Gedanken fremdelt: Wenn am Volkstrauertag wie in Flacht an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft gedacht wird, sind damit die Toten und die Opfer aller Kriege gemeint. Und so betonte auch Weissachs Bürgermeister Daniel Töpfer (CDU) am Sonntag in seiner Rede, dass der Nahostkonflikt auch in Weissach angekommen sei. „Auch wenn wir hier zunächst einmal wenig direkt davon mitbekommen“. Umso wichtiger sei es, dass man miteinander darüber rede, was mörderische Kriege mit den Menschen anrichten, so Töpfer weiter. „Der heutige Volkstrauertag ist ein guter Anlass, um diesen Faden aufzunehmen.“

„Nur Versöhnung wird einen dauerhaften Frieden schaffen“

Ein Faden, den Nirmeen Alturk mit ihrem Film weiterspinnt und damit manch einem Zuhörer nicht nur schmerzlich zeigt, wie nah uns die Kriege im Nahen Osten tatsächlich sind. Alturk verdeutlicht ebenso, welche Wünsche und Hoffnungen die überwiegende Mehrheit der unfreiwillig aus ihrer Heimat geflüchteten Syrer hierzulande teilen: nämlich den Wunsch, so bald wie möglich wieder zurückzukehren. Für die 22-jährige Syrerin ist das ein Lebensplan, den sie zielstrebig verfolgt. Denn mit ihrem Bauingenieurstudium, das sie an der Universität Stuttgart derzeit absolviert, will sie den Grundstein dafür legen, am Wiederaufbau ihres Landes ganz konkret mitzuwirken.

Dass freilich dürfte bis auf Weiteres tatsächlich nur ein Traum für die Familie Alturk sein. Nicht ohne Grund wünscht Pfarrer Harald Rockel von der evangelischen Kirchengemeinde in Flacht, dass die Familie irgendwann „ohne Angst in ihre Heimat zurückkehren kann“. Denn allzu oft schließe sich an einen Krieg eine Phase der Vergeltung an, betonte Rockel in der Aussegnungshalle. Auch deshalb wird für Familie Alturk und viele andere, die aus dem Kriegsgebiet in Syrien fliehen mussten, der Aufenthalt in Deutschland wohl noch lange nicht beendet sein. Die Vorsitzende des VdK Flacht brachte es am Sonntag auf den Punkt: „Nur Versöhnung wird am Ende einen dauerhaften Frieden schaffen.“

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