Volker Stelzmann stellt im Galerieverein aus Bilder mit vielen Schichten und Verweisen

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Die Arbeiten von Volker Stelzmann regen zur Diskussion an. Foto: factum/Bach

Leonberg - Bei der Vernissage zur Ausstellung von Volker Stelzmann im Galerieverein am Sonntagvormittag herrscht noch mehr Gedränge als sonst bei solchen Gelegenheiten. „Hatten Sie auch das Gefühl, dass noch nie so viele Menschen unsere Ausstellungsräume bevölkert haben?“, fragt Kulturamtsleiterin Christina Ossowski. Damit meinte sie allerdings nicht all die Menschen, die auf jeden Fall bei der letzten Ausstellungseröffnung im Galerieverein dabei sein wollten, welche sie und Oberbürgermeister Bernhard Schuler in offizieller Funktion mit gestalteten. Vielmehr spielte sie in den ersten Sätzen ihrer Einführung auf all die Persönlichkeiten an, die auf Stelzmanns ausgestellte Kompositionen zu sehen sind.

Für die Kulturamtsleiterin, die Anfang 2018 in Ruhestand gehen wird, hat sich mit dieser Ausstellung ein lange gehegter Wunsch erfüllt. Stelzmann gehört zur so genannten Leipziger Schule, die nicht nur in der Kunstgeschichte einen wichtigen Stellenwert hat, sondern auch in Ossowskis persönlicher Biografie von besonderer Bedeutung ist. Als ihre eigene berufliche Laufbahn 1976 in Leipzig startete, stand ihr die Generation der Schüler der Gallionsfiguren Bernhard Heisig, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer sehr nah. „Das war die Kunst, die mir entsprach“, beschreibt sie. „Sie spricht den Intellekt und das Gefühl an, ist mehrschichtig, oft allegorisch, und sie enthält viele Bezüge zur Kunstgeschichte.“ Arno Rink und Volker Stelzmann sind für Christina Ossowski die stärksten Vertreter dieser Generation der Leipziger Schule. Und nachdem Arno Rink 2010 im Galerieverein zu sehen war, schließt sich nun mit der Stelzmann-Schau der Kreis.

Oberbürgermeister Bernhard Schuler ließ es sich nicht nehmen, in seiner sehr ausführlichen und herzlichen Begrüßung darauf hinzuweisen, dass die Stadt Leonberg zusammen mit dem Galerieverein der einzige Ausstellungsveranstalter in der Region Stuttgart sei, der seit 2005 namhaften Vertretern der Leipziger Schule ein Podium bietet. Zu sehen waren die Werke von Werner Tübke, Gudrun Petersdorf, Hartmut Klopsch und Arno Rink, sowie nun Stelzmann.

Dass sie eine solche Fülle von Bildern bekommen hätten, freute Christina Ossowski sehr. Das Spektrum reicht dabei von Werken der frühen 1980er Jahre bis hin zu Exponaten, die erst in diesem Jahr entstanden sind. Alle eint jedoch dasselbe künstlerische Anliegen: den Menschen von heute zu zeigen, seine Verstrickung in Schwierigkeiten sowie die Verletzlichkeit von Mensch und Welt und die Herausforderung, Leben und Würde zu behaupten.

Dies ist schon auf „Melancholie II“ (1982) zu sehen, in der lange vor der allgegenwärtigen Bedrohung durch islamistischen Terror der „verwirrend unspektakuläre Gegensatz von Alltag und Gefahr, von Gut und Böse“, wie es Ossowski ausdrückt, thematisiert wird: während eine Frau einen Brief fortbringt und ein Mann ein Paket unterm Arm trägt, kauert am unteren Bildrand eine weitere Figur, die offensichtlich vorhat, eine Bombe zu zünden.

Gefährliches und Verstörendes findet sich in fast allen Kompositionen. Mal ist es, wie auf einem Werk aus der Reihe „Straße“ eine Gestalt, die sich unter ihrer Kapuze und mit ihrer grauen Gesichtsfarbe auf unheimliche Weise fast der Wahrnehmung entzieht – und doch verheißt der über die Schulter gelegte Baseball-Schläger nichts Gutes. Rechts stiehlt sich eine weitere Person aus dem Bild. Der Blick, den sie zurückwirft, macht Gänsehaut.

Stelzmann bietet dem Betrachter Bilder, die auf den ersten Blick scheinbar einfach zu erkennen sind. Doch auf den zweiten eröffnet sich eine Kunstwelt mit zahlreichen Verweisen. Die „Große Konspiration“ von 2004 ist kompositorisch an die Ikonografie des Abendmahls angelehnt. Wer genau hinsieht, entdeckt darauf die Künstler Matthias Grünewald, Otto Dix und El Greco sowie im Vordergrund die beiden Vertreter des florentinischen Manierismus Jacopo Pontormo und Rosso Fiorentino, die für Stelzmann wegweisend waren. Hat der schlafende Obdachlose auf einer Parkbank auf „Vorfrühling“ (2017) mit den verschränkten Händen etwas mit den Eremiten aus der christlichen Überlieferung zu tun?

Volker Stelzmann gefiel die Ausstellung, an deren Hängung er selbst maßgeblichen Anteil hatte, sehr gut. „Ich bin erstaunt, weil die Bilder eher tief gehängt sind und ich ein Hoch-Hänger bin“, merkte er schmunzelnd an. „Aber das ist ein neuer Gesichtspunkt und interessant – ich bin damit einverstanden.“ Den Malprozess, so verriet er, bestimme er indes nicht allein: „Ich fange an, und das Bild geht los. Wenn ich dann wiederkomme, macht das Bild etwas mit mir.“ Ziel sei es, so meint er mit einem Augenzwinkern, schließlich doch die Oberhand zu bekommen und das Bild zu einem Abschluss zu bringen.

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