Mercedes-Werk Sindelfingen Falken und Fledermäuse am Fabrikschlot

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Im Innenhof des neuen Verwaltungsgebäudes wachsen ausschließlich einheimische Blumen und Sträucher. Foto: Daimler, factum/Granville (3)

Sindelfingen - Pflaumen, Kirschen und Äpfel wachsen direkt neben der Autobahn. Zugegeben, die erst vor drei Jahren gepflanzten Bäume tragen noch wenige Früchte – erst recht in diesem wegen der Frühjahrsfröste obstarmen Jahr. „Aber im vergangenen Jahr konnten wir zwei Hände voll Kirschen ernten“, sagt Michael Bratenberg sichtlich stolz. Und in zwei, drei Jahren, dann hofft der Umwelttechniker auf reiche Ernte für die Mitarbeiter im Sindelfinger Mercedes-Benz-Werk.

Denn dort stehen die Bäume auf einer typisch schwäbischen Streuobstwiese mitten auf dem Werksgelände an der A 81. So etwas vermutet kaum jemand bei einem Autobauer. Doch tatsächlich ist das rund drei Quadratkilometer große umzäunte Areal, das damit sogar größer ist als ­Monaco, ein Refugium für Pflanzen und Tiere aller Art. „Bei uns nisten 35 ver­schiedene Vogel- und elf unterschiedliche Fledermausarten“, berichtet der Umweltschutzbeauftragte Michael Schwarz stolz, „etwa so ­viele wie im Naturpark Schönbuch.“ Der Grund für diese ungewöhnliche Population: „Bei uns haben die Tiere einen geschützten Raum, es gibt nur wenige ­Störungen.“

Nisthilfen für Bienen und Singvögel

Um die Tiere zu halten, gibt es verschiedene Nisthilfen zwischen den Fabriken. Dabei arbeitet das Werk eng mit dem Naturschutzbund Nabu zusammen. Dieser betreibt ein Vogel-Monitoring, beobachtet und zählt die Tiere auf dem Gelände. Regelmäßig werden jedes Jahr die jungen Falken beringt, die im Nest am Schornstein des Werks aus den Eiern schlüpfen und dort groß werden. Nur mit Ingenieuren ist eine solche Arbeit nicht zu leisten, und deshalb beschäftigt der Daimler-Standort auch Biologen, Chemiker, Geologen und Geografen. Auch wenn Kritiker angesichts des Dieselskandals, in den fast sämtliche deutsche Autobauer verwickelt sind, dem Konzern den Umweltschutz wohl nicht so recht abnehmen – am Daimler-Standort Sindelfingen gibt es dafür eine ganze Abteilung. Insgesamt 13 Leute hat das Team des Umweltmanagements, das zur Abteilung Arbeits- und Umweltschutz gehört.

„Im Moment sind wir besonders gefragt“, sagt Ingo Hartel, der Chef der Abteilung. Denn in das Werk mit 37 000 Mitarbeitern wird kräftig investiert. Für insgesamt 2,1 Milliarden Euro entstehen allerorten neue Gebäude: für die Verwaltung, die Forschung, die Produktion. Bei allen Bauplanungen müssen die gesetzlichen Vorgaben des Umweltschutzes berücksichtigt werden.

Eine schwäbische Laube mit heimischen Pflanzen

Für den Innenhof des neuen Verwaltungsbaus an der Tübinger Allee, der im vergangenen Jahr bezogen wurde, haben sich die Umweltschutzleute etwas ganz Neues einfallen lassen: Statt eines gepflasterten Hofs gibt es bepflanzte Sandflächen, Hochbeete mit überwiegend heimischen Sträuchern und sogar eine „schwäbische Weinlaube“. Noch wirkt alles etwas kahl. „Aber in zwei, drei Jahren können Sie hier durch einen Laubengang spazieren“, prophezeit Ingo Hartel.

Schon jetzt nutzen viele Mitarbeiter den Innenhof, den man über die Kantine erreichen kann. Einige hängen in der Mittagspause in Liegestühlen in der „Chill-Zone“ ab. Andere sitzen in kleinen Gruppen mit Laptops zu Besprechungen zusammen. „Wir haben im Hof WLAN, sodass hier auch mal gearbeitet werden kann“, sagt Hartel.

Die Firma Bosch beschäftigt CO2-Reduzierer

Auch andere Unternehmen haben eigene Abteilungen für das Thema Nachhaltigkeit. Die Firma Bosch beispielsweise hat an jedem Standort CO2-Reduzierer-Teams. Diese sollen das Konzernziel umsetzen: von 2007 bis 2020 den CO2-Ausstoß an weltweit allen Bosch-Standorten um 35 Prozent zu verringern. In Stuttgart-Feuerbach sei man da schon sehr weit. „Wir haben in den vergangenen neun Jahren unseren CO2-Ausstoß um die Hälfte reduziert“, berichtet Ralf Münter, der CO2-Koordinator im Feuerbacher Bosch-Werk.

Das Umweltteam im Sindelfinger Mercedes-Benz-Werk möchte vor allem das Bewusstsein der Mitarbeiter für die Natur schärfen. Deshalb initiierte es im vergangenen Jahr eine große Pflanzaktion. 20 Teams aus unterschiedlichen Abteilungen setzten auf dem Werksgelände insgesamt 50 000 Blumenzwiebeln. Im Frühjahr zierte als Belohnung ein Blumenmeer die Ein- und Ausgänge der Gebäude.

Tomatenpflanzen dienen als Mess-Station

Aber auch Nutzpflanzen wachsen im Werk – allerdings zu Forschungszwecken. So dienen Tomatenstauden als Messstation für einen externen Umweltexperten: Dieser untersucht die Pflanzen regelmäßig darauf, ob Schadstoffe die Fauna beeinträchtigen. „Bisher gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass Schadstoffe aus dem Werk die Pflanzen schädigen“, sagt Hartel. Zum Bedauern mancher Mitarbeiter lässt man die Stauden nicht so lange wachsen, bis die Tomaten reif sind. Doch eine Tomatenzucht sei auf dem Werksgelände deshalb nicht ausgeschlossen, meint Hartel. „Wenn ein Mitarbeiter eines der Hochbeete bepflanzen möchte, haben wir nichts dagegen.“


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