Sichelhengetse in Rutesheim Alle Reparaturen erledigen die Männer selbst

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Viele verschiedene, liebevoll restaurierte Traktoren waren bei der Sichelhengetse in Rutesheim zu sehen. Foto: factum/Bach

Rutesheim - Manchmal ist es schön, die Vergangenheit Revue passieren zu lassen und der guten alten Zeit zu gedenken. Bei der Sichelhengetse auf dem Aussiedlerhof Grötzinger in Rutesheim am Wochenende war genau dies möglich. Denn dort gab es Feldvorführungen mit alten Mähgeräten, einen Bauernmarkt und die Demonstration vieler oft vergessener Arbeiten wie das Dreschen und Pflügen. Der Höhepunkt aber war das 21. Bulldog- und Schleppertreffen der Bulldog- und Schlepperfreunde Rutesheim.

Das herbstlich-regnerische Wetter am Sonntag schreckte dabei nur die wenigsten ab, denn trotz kalter Temperaturen erschienen viele gut gelaunte Besucher mit und ohne Traktor zu der Veranstaltung.

Viele verschiedene Traktoren waren bei der Sichelhengetse zu sehen. So gab es für die, die sich weniger auskennen, Modelle in rot, grün, blau und orange und sehr große und kleine. Für die Experten gab es Modelle von Lanz, Kramer, Porsche Diesel, Deutz, Fendt und vielen mehr. Die Preisklasse variierte dabei von unter 1000 D-Mark, den seinerzeit ein Kramer gekostet hat, bis zu 100 000 Euro für einen großen Schlüter-Schlepper.

Auch Jürgen Burkhardt und Dirk Sobotka sind mit ihren Traktoren aus Möglingen (Kreis Ludwigsburg) hergefahren. Vor mehr als 15 Jahren hat Jürgen Burkhardt seinen Traktor, einen MAN AS 325 H, aus dem Allgäu für 4500 D-Mark ersteigert. Reparaturen, die sich an seinem Traktor in Grenzen halten, nimmt er stets selbst vor, den Bulldog fährt er nur als Hobby zu eben jenen Bulldogtreffen wie das in Rutesheim am Wochenende.

Traktor von einem Zirkus

Sein Freund Dirk Sobotka fährt einen IFA Fortschritt ZT 303 aus der DDR, Baujahr 1972, Farbe blau. „In meiner Jugend bin ich schon immer mit diesem Traktor gefahren“, berichtet Sobotka, der selbst aus der DDR stammt. „Vor fünf Jahren habe ich mir dann in Augsburg wieder einen ersteigert.“ Den Traktor hat er von einem Zirkus für weniger als 1000 Euro bekommen, allerdings musste er für die Restauration des Traktors, der sehr heruntergekommen war, noch einmal 1000 Euro und drei Jahre Zeit investieren. Sein Traktor sticht unter den anderen Traktoren heraus, da er aus der DDR kommt. „Schon gestern kamen viele, die selbst aus der DDR stammen zu mir und haben mich wegen meinem Traktor angesprochen“, erzählt Sobotka.

Der Name „Sichelhengetse“ ist indes noch älter. Er kommt von einer Zeit, als man auf dem Feld noch mit Sichel und ­Sense arbeitete. Nach der Ernte wurde bei einer Sichelhengetse dann der Ernte gedankt und die Arbeitsgeräte aufgeräumt. Eben diesen Arbeitsgeräten war die Sichelhengetse am Wochenende gewidmet: So gab es zum Beispiel eine Strohbandmaschine, gebaut um das Jahr 1925, die für das Zusammenbinden von Strohhalmen benutzt wurde und heute noch so gut funktioniert wie am ersten Tag.

Hans Eckert, Mitglied bei den Bulldog- und Schlepperfreunden Rutesheim, gibt einen Einblick in die Pflüg- und Dresch­geräte im Laufe der Zeit. So benutzte man in Amerika von 1880 an eine Mähmaschine mit Handablage, die von zwei Pferden gezogen wurde. Sie erleichterte die Ernte um ein Vielfaches, da man nicht mehr die schwere körperliche Arbeit mit Sense und Sichel vollbringen musste. 1935 wurde die Mähmaschine dann durch einen vollautomatischen Mähbinder ersetzt, der im Prinzip genau wie die Mähmaschine mit Handablage funktionierte, die Feldarbeit aber nochmals erleichterte. Später kam dann der gezogene Mähdrescher, der von einem Traktor gezogen wurde und dann der Mähdrescher, so wie wir ihn heute kennen. „Die Amerikaner waren den Europäern mit der Technik um das Pflügen und Dreschen ­damals immer weit Voraus“, erklärt Hans Eckert. Für ihn sind die historischen Fahrzeuge aus Land- und Forstwirtschaft wie für alle anderen Traktorbesitzer und Mitglieder der Bulldog- und Schlepperfreunde eine große Leidenschaft.

Antiquitäten aus vergangener Zeit

Den Besuchern der Sichelhengetse wurde neben den Demonstrationen der alten Handwerksgeräte und dem Bauernmarkt nicht langweilig. Denn am Freitagabend war ein schwäbisches Kabarett-Duo zu Gast, das ganze Wochenende gab es viele Schlepper-Vorführungen zu sehen. Am Sonntagmorgen fand dann ein Erntedankgottesdienst statt und am Sonntagnachmittag ein „Wettheizen“ mit alten Lanz-Bulldogs, deren Glühkopf man mit einem Gasbrenner vorglühen und gleichzeitig das Schwungrad drehen muss.

Organisiert wurde die Sichelhengetse und das Bulldog- und Schleppertreffen von den Bulldog- und Schlepperfreunden Rutesheim. Der Verein wurde 1990 gegründet und zählt heute etwa 2000 Mitglieder. Udo Grassmeier, der erste Vorsitzende der Schlepperfreunde, freut sich über die vielen Besucher und das Engagement der Mitglieder im Verein. Er weiß aber auch, dass die Mitglieder des Vereins älter werden. „Wir sind auf der Suche nach jungen ­Mitgliedern“, sagt er. Denn im Zeitalter der Smartphones und Computer sind Traktoren und alte Handwerkzeuge eben Antiquitäten aus einer vergangenen Zeit.

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