Seehaus Leonberg Das Seehaus – von der Vision zur Erfolgsgeschichte

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Mit einem breiten Programm stellt sich das Seehaus den Besuchern vor. Foto: factum/Granville

Leonberg - Hier gibt es keine Wunder, aber engagierte Menschen geben Jugendlichen, die gewillt sind, die Regeln des Rechtsstaates zu lernen und zu akzeptieren Perspektiven und eine Zukunft“, sagt Guido Wolf (CDU). Das hat der baden-württembergische Justizminister in seinem Grußwort beim Festakt zum 15-jährigen Bestehen des Seehauses als Jugendstrafvollzug in freien Formen gesagt.

In dieser Zeit sei im Seehaus etwas Besonderes entstanden, das mitten im Leben stehe. Mit klaren Regeln lernen straffällige Jugendliche, Verantwortung für sich und ihre Taten zu übernehmen. Gleichzeitig lernen sie, der Gesellschaft etwas zurückzugeben – so bekommen sie eine Chance auf die Rückkehr in ein straffreies Leben, sagte Guido Wolf. Es brauche einen starken Rechtsstaat, der Unrecht bestrafe, aber den Menschen auch Perspektiven gibt. „Und das macht das Seehaus“, sagte der Justizminister des Landes.

Voll des Lobes zeigte sich Wolf für den Mut seines Amtsvorgängers Ulrich Goll (FDP), der von 1996 bis 2002 und von 2004 bis 2011 Justizminister war, und der das verwirklicht hat, was das Gesetz schon seit 1953 möglich macht – einen Jugendstrafvollzug in freien Formen. Doch dies alles wäre nicht möglich gewesen ohne die Vision des Mannes, der mit Herz und Seele seit mehr als 15 Jahren hinter der Vision steht. „Tobias Merckle ist das Gesicht des Seehauses“, würdigte Wolf das Engagement des geschäftsführenden Vorstandes.

Auch der Waldkindergarten feiert

Mit einem Tag der offenen Tür wurde das 15-jährige Bestehen des Seehauses am Sonntag begangen. In kurzen Gesprächsrunden, mit Männern und Frauen der ersten Stunde, wie etwa dem ehemaligen Justizminister Ulrich Goll, wurde an einzelne Etappen bei der Entwicklung des Seehauses erinnert. Zudem haben die Gäste jede Menge aktuelle Informationen rund um das Seehaus und seine vielfältigen Arbeitsbereiche bekommen. Darüber hinaus haben die Seehaus-Jungs – gegenwärtig sind 18 in den drei Mitarbeiterfamilien untergebracht – mit einem Theaterstück schauspielerisches Talent unter Beweis gestellt.

Der Wald- und Tierkindergarten des Seehauses, der auch auf zehn Jahre Bestehen zurückblickt – hat ein Kinderprogramm mit vielen Attraktionen angeboten. Bei Führungen konnten sich die rund 2000 Festbesucher einen Eindruck von den Werkstätten für Zimmerei, Schreinerei, Metallverarbeitung sowie Garten- und Landschaftsbau machen. Auch eine Wohngemeinschaft hatte ihre Türen geöffnet.

Das jüngste Seehaus-Angebot „Protactics“, ein Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungsprogramm innerhalb der Präventionsarbeit, die das Seehaus in Schulen veranstaltet, erläuterte der Trainer Marc Stäbler und lud zum Mitmachen ein. Einige Partnerorganisationen des Seehauses, wie etwa die Polizei, das Hoffnungshaus oder die Gemeinde am Glemseck, waren mit Informationsständen vertreten. Geschichtsinteressierte konnten mit dem schwäbischen Historiker und Schriftsteller Gerhard Raff diskutieren.

Potenziale positiv nutzen

„Wir können dankbar sein für 15 Jahre, in denen wir jungen Menschen eine Chance geben durften, für 15 Jahre, in denen wir sie vorbereiten durften auf ein Leben in Freiheit“, sagte der Initiator des Seehauses, Tobias Merckle. „Es lohnt sich für jeden Einzelnen, es loht sich für unsere Jungs da zu sein“, sagte Merckle im Rückblick auf die 197 jungen Männer, die bisher im Seehaus waren. 90 Prozent haben die Zeit genutzt, um ihren Hauptschulabschluss zu machen oder das erste Lehrjahr erfolgreich abzuschließen. 98 Prozent von ihnen haben einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz bekommen. Mehr als 75 Prozent haben es geschafft, dass sie nachher nicht wieder ins Gefängnis mussten – auch das Seehaus ist vor Rückfällen nicht gefeit. „Trotzdem, in jedem stecken unheimliche Potenziale und es wäre schade, ja unverantwortbar, wenn wir ihnen und uns als Gesellschaft nicht die Möglichkeit geben würden, diese Potenziale positiv zu nutzen“, mahnte Merckle.

Aus dem Strafvollzug in freien Formen ist in den 15 Jahren noch viel mehr entstanden: Ein weiteres Seehaus in Sachsen, Präventionsarbeit an Schulen, begleitete gemeinnützige Arbeit, eine Opfer- und Traumaberatungsstelle, Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Inzwischen darf das Seehaus auch junge Männer aufnehmen, um die Untersuchungshaft oder Auflagen für eine Bewährungsstrafe zu vermeiden.

Aber auch sonst sind von Seehaus und seinem Initiator Impulse ausgegangen, die weit in die Gesellschaft reichen. So wurde 2013 die Hoffnungsträgerstiftung gegründet und 2016 die Gemeinde am Glemseck.

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