Schule in Ludwigsburg wird Kulturerbe „Mehr Wertschätzung wäre toll!“

Von
Werner Stannat im „Abenteuerspielplatz“ der Schule. Hier restaurieren die Schüler freiwillig ausrangierte Orgeln. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Die Orgeln, die einst in Ludwigsburg entstanden, wurden in die ganze Welt exportiert: Boston, Helsinki, St. Petersburg – Walcker-Orgeln waren gefragte Meisterstücke. Von der Weltfirma ist in der Stadt nichts mehr zu sehen – aber wie die Instrumente erschaffen werden, wird hier noch immer gelehrt: In der Oscar-Walcker-Schule auf dem Römerhügel. Der Schulleiter und seine Kollegen waren von der Unesco-Auszeichnung so überrascht worden, dass der Schultag vordergründig ein ganz normaler blieb. Ein ganz besonderer ist er aber trotzdem, wie Werner Stannat, der Leiter der Abteilung Musikinstrumentenbau, anschaulich erklärt.

Herr Stannat, bis gestern haben sich nur Insider für die Orgel interessiert, plötzlich redet alle Welt von der „Königin der Instrumente“. Sind Sie schon durch die Werkstatt getanzt?
Ich habe eigentlich den ganzen Tag Unterricht. Von der Nachricht wurde ich genauso überrascht wie die meisten anderen. Aber natürlich bin ich sehr glücklich, dass die Orgel wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt.
Die Orgellobby hat alle Register gezogen?
Die Initiative ging ja von Michael Kaufmann aus. Er hat eine Professur an der Hochschule für Kirchenmusik der Badischen Landeskirche in Heidelberg – am Rande waren aber auch wir an der Schule involviert. Bei uns gibt Michael Kaufmann seit Jahren Kurse für Orgelsachverständige. Ein Teil des Films, den er für die Bewerbung bei der Unesco einreichen musste, wurde denn auch hier gedreht. Das ist ein sehr interessanter Film geworden.
Die Oscar-Walcker-Schule ist die einzige Berufsschule in Deutschland, die Orgelbauer ausbildet. Wie kam das?
Das liegt am Gründer und Namensgeber Oscar Walcker. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war er der weltweit größte Orgelbauer, und er hat eine Möglichkeit gesucht, seine Leute auszubilden. Bis dahin waren sie gemeinsam mit Schreinern unterrichtet worden. 1924 hat er die erste Fachklasse für Orgel- und Harmoniumbau eingerichtet. So nahm die Schule ihren Lauf. Heute werden hier auch Klavierbauer und Blasinstrumentenmacher ausgebildet.
An Ihrer Schule lernen in allen drei Jahrgängen zusammen 120 Schüler Orgelbau. Das ist nicht viel, oder?
Man muss es so sehen: Unter den 400 Orgelbaubetrieben, die es in Deutschland gibt, sind nur ganz wenige große Betriebe. Der Bedarf an Auszubildenden ist also überschaubar. Pro Jahr unterzeichnen etwa 40 einen Ausbildungsvertrag.
Sorgen Sie sich um Ihre Schule?
Diese Sorgen sind immer da. In den 70 und 80er Jahren hatten wir noch drei Klassen pro Jahrgang und mehr, heute sind wir bei zwei Klassen. Man muss allerdings dazu sagen: Alle, die bei uns lernen, sind mit Leib und Seele dabei.
Was sind das für Menschen, die Orgelbauer werden wollen?
Das sind durchweg junge Menschen, die sich Gedanken machen, die etwas durchdringen wollen. Nicht umsonst dauert die Ausbildung zum Orgelbauer noch immer dreieinhalb Jahre.
Warum ist Orgelbauer einer der komplexesten Berufe überhaupt?
Ein Orgelbauer muss über sehr viele Werkstoffe Bescheid wissen. Er muss sich bei den verschiedensten Metallen auskennen, aus dem die Pfeifen gegossen werden. Er muss wissen, wofür er welches Holz nehmen kann. Musikalisch sollte ein Orgelbauer auch sein, damit er auch wirklich weiß, was er tut. Mit Stoffen wie Leder und Filzen muss er auch umgehen können – und in neuerer Zeit kommt es auch auf Wissen über die Elektronik an.
Elektronik?
Natürlich! Es kann gut sein, dass sich ein Organist heute an seine Orgel setzt und einfach einen USB-Stick einsteckt, auf dem er seine Registratur gespeichert hat. Er muss dann nicht während des Spiels die Register ein- oder ausschalten, was ihm die Arbeit erleichtert.
Was macht eine gute Orgel aus?
Eine gute Orgel passt in die Situation, für die sie gebaut ist, sie harmoniert mit der Akustik des Raums, die Zuhörer fühlen sich mit dem Instrument wohl, und der Organisiert spielt es gerne. Schön aussehen muss eine Orgel natürlich auch.
Wo kann man als Orgelbauer arbeiten?
Für einen durchschnittlichen Zwei-Mann-Betrieb ist die Wartung von Orgeln ein großes Betätigungsfeld, also das Reinigen oder Stimmen einer Orgel. Großaufträge für Neubauten sind selten geworden. Und die meisten gehen eh ins Ausland. Hauptsächlich nach Amerika und Asien. Deshalb haben wir auch immer wieder Schüler aus diesen Ländern hier zur Ausbildung.
Was verdient man als Orgelbauer?
Das traut man sich gar nicht zu sagen. Ein Junggeselle fängt mit einem Stundenlohn von elf Euro an, manche sogar mit neun. Wenn einer richtig gut ist, kann er auch mal 21 Euro kriegen, aber das ist dann wirklich spitze. Die Arbeit des Handwerks wird einfach zu wenig wertgeschätzt. Bei der Orgel ist es besonders schlimm, weil sie ein unglaublich arbeitsintensives Werkstück ist.
Die Kirchen drücken die Preise?
So kann man das nicht sagen. Die Kirchengemeinden sind ja auch Getriebene. Der Mitgliederschwund, den sie zunehmend beklagen, hat nun mal Auswirkungen auf ihre finanziellen Mittel. Und bevor es ins Dach regnet, wird natürlich an der Orgel gespart.
Ändert die Aufnahme in die Unesco-Liste vielleicht etwas?
Das wäre toll! Es ist so wichtig, dass dieses kleine, verletzliche Berufsbild des Orgelbauers mehr Wertschätzung erfährt!

Liste
Außer dem deutschen Orgelbau nebst Orgelmusik hat die Unesco ihrer Liste des immateriellen Kulturerbes weitere 24 Erbschaften hinzugefügt. Zu den Neuzugängen gehören auch die Pizza, die Baseler Fasnacht und das niederländische Müllerhandwerk. Auf diese Liste setzt die Unesco Dinge, die für das kulturelle Leben in einem Land wichtig sind.

Schule Werner Stannat, 56, unterrichtet Klavierbau an der Oscar-Walcker-Schule, die lange schlicht Gewerbliche Schule hieß. Insgesamt werden dort 1800 Schüler von etwa 110 Lehrern in sieben Berufen ausgebildet. In Deutschland arbeiten rund 2800 Orgelbauer, die Zahl der haupt- und ehrenamtlichen Organisten wird auf 3500 geschätzt.

Artikel bewerten
1
loading
Strohgäu Leonberg Rutesheim Weil der Stadt Renningen Weissach Enzkreis-Gemeinden
0

Kommentare

Artikel kommentieren

Kommentarregeln
  1. null