Satiretruppe „Die Partei“ in Ludwigsburg Im Ernst: Todesstrafe für Porsche-Abfackler?

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Die Aktivisten der „Partei“ im Kreis: OB-Kandidat Konrad Kling, Jasmin Akkas, Merlin Gerath und der Kreisvorsitzende Marcel Rühle (von links). Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Ludwigsburg soll wieder Landeshauptstadt werden, wie schon früher in der Geschichte. Das sei auch sinnvoll, denn Stuttgart solle nicht nur am Bahnhof, sondern auf ganzer Fläche unter­irdisch werden – indem es geflutet wird. Und zur Oberbürgermeisterwahl in Ludwigsburg soll eine „Schmutzkampagne“ gegen den Amtsinhaber gestartet werden. Meinen die das ernst? Die, das sind gut 150 Aktivisten der Spaßpartei Die Partei im Kreis Ludwigsburg. Sie sind Anhänger von Martin Sonneborn, dem Gründer des Satiremagazins „Titanic“, der 2004 mit dem Slogan „Wir sind die Partei, weil wir die Partei sind“ dieselbe ins Leben gerufen hat. Erstaunlicherweise bekommt er mit seiner Partei viele Wählerstimmen und sitzt gar im Europaparlament.

Seit 2014 gibt es im Kreis Ludwigsburg einen Ableger. Jetzt machen die Mitglieder richtig mobil. Am Freitag haben sie einen „Asyl-Stammtisch für Groko-Flüchtlinge“ organisiert, etwa für SPD-Mitglieder, die vor der Regierungsverantwortung fliehen. Der desolaten Sozis nimmt sich Jasmin Akkas­ (ewige 29) aus Unterriexingen liebevoll an. Sie sagt: „Ich integriere alles. Auch Genossen.“ Sie firmiert als „Integrationsbeauftragte“ der Partei im Landkreis und ist die Lebensgefährtin von Marcel Rühle (29), dem Kreisvorsitzenden. Beide arbeiten in einer Firma für Kunststoffverarbeitung und haben einen „Ortsverband Markgröningen“ gegründet, der allerdings eine überschaubare Veranstaltung ist.

In Hemmingen will man in den Rat

In Hemmingen meint es die Spaßpartei dagegen wirklich ernst: Dort soll Markus Walker 2019 in den Gemeinderat einziehen. Mit einer Kampagne gegen die – tatsächlich – stark verschimmelte Grundschule. Ein Flyer ist schon fertig, der ein Pferd und die Schule nebeneinander zeigt: „Verwechslungsgefahr: Echter Schimmel – Schimmel an der Hemminger Schule.“

Die Partei ist auch in den anderen Kreisen der Region und in Stuttgart organisiert, 2500 Mitglieder hat sie landesweit. In Tübingen stellt sie mit Hans Dämpf gar einen Stadtrat, der zum „Kandidaten-Casting“ für die Listenaufstellung eingeladen hat. Weitere Gruppen gibt es in Heilbronn und in Schwäbisch Hall. Und warum soll nun Ludwigsburg Landeshauptstadt werden?

„Wir haben einen Neckarhafen, einen funktionierenden Durchgangsbahnhof mit vier Gleisen, das reicht“, sagt Konrad Kling. Der 27-jährige Architekt aus Ludwigsburg ist nicht nur „Heimatbeauftragter“, sondern will in seiner Stadt noch eine tragende Rolle spielen: Er wurde am Freitag zum OB-Kandidaten für 2019 ausgerufen. Die Satire der Partei-Aktivisten kennt keine Tabus, dabei soll es auch um das Fahrverbot gegen den OB Werner Spec vom Jahr 2013 gehen.

Schmutzkampagen gegen OB Werner Spec

Das erinnert an das Prinzip der „heute-show“ im ZDF: Frechheit gegenüber dem Establishment siegt. Das haben die Satiriker schon mehrfach ausprobiert. Als etwa der EU-Kommissar Günther Oettinger zum CDU-Neujahrsempfang in Markgröningen kam, hielten sie ein Plakat vor: „Oettinger stürzen.“ Zu sehen ist eine Flasche des gleichnamigen Biers. Der aus Ditzingen stammende CDU-Politiker kennt das schon und nahm es mit Humor. Er schüttelte Marcel Rühle die Hand und sagte: „Ihr versucht es halt immer wieder.“ Weniger Humor bewies der neue SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil beim Politischen Aschermittwoch der Genossen in Ludwigsburg: Er ignorierte die schrägen Typen mit den Plakaten und rief nur von fern: „Martin Sonneborn ist mein Nachbar.“

Das muss man nicht verstehen. Wie so manches in der Sozialdemokratie. Und so geht es den Anhängern der Partei häufig, wenn es um eingestaubte Politikrituale geht. Denn sie sind, darauf legen sie großen Wert, keine Spaßpartei. „Das ist ja schon die FDP“, kalauert Marcel Rühle.

Aber noch mal: Meinen die das ernst mit ihren Forderungen? Wenn sie regieren würden, käme dann tatsächlich eine Mauer nach Baden, weil „die gelbfüßlerischen Landsmänner nichts gegen Wirtschaftsflüchtlinge nach Schwaben unternehmen“? Würden „endlich Inhalte überwunden“? „Wir wollen irgendwie an die Macht, und dann sieht man schon“, sagt Rühle schmunzelnd. Weil in Ludwigsburg immer mal wieder Luxusautos angezündet werden, fordert er übrigens „die Todesstrafe für Porsche-Abfackler“. Die Aktivisten verziehen keine Miene und sagen: „Natürlich meinen wir das ernst.“ Das gehört schließlich zur Show.

Hinter dem Klamauk steckt auch Ernst

Tatsächlich aber wollen sie mit ihren Provokationen und den ulkigen Slogans wohl eher etwas tun gegen Politikverdrossenheit, gegen überalterte Parteien und unglaubwürdige Rituale. „Hinter jeder Spaßaktion steckt ein ernsthaftes Thema“, sagt Marcel Rühle beim Gespräch in einem Café und nimmt einen Schluck aus seinem Weizenbierglas: „Wir interessieren junge Menschen wieder für Politik“, behauptet er.

Dann geht es also um das moralische Verhalten des Ludwigsburger Oberbürgermeisters? Um den Kampf gegen den Schimmel an der Hemminger Grundschule? Um ein Nachdenken über das verrohte Vokabular in der Flüchtlingsdebatte? Ist die Partei wie der Hofnarr, der die Wahrheit sagt? Vielleicht. „Manchmal machen wir auch nur Spaß“, sagt Merlin Gerath. Der 26-jährige Student ist Vizechef der Partei im Landkreis. „Für uns ist der Humor der Türöffner“, sagt er.

Das Ziel: Mehr Stimmen als Dauerkandidat Ulrich Raisch

Kommt abseits der lustigen Plakate auch etwas Inhaltliches? Ja, meint Gerath und verweist auf die Kampagne „Jesus is a dancer“, die gegen das Tanzverbot an Karfreitag wirken soll. Demnächst will die Ortsgruppe Markgröningen etwas Lustiges zum Schäferlauf machen, der Welterbe werden soll – das hat zumindest der Markgröninger Bürgermeister Rudolf Kürner ernsthaft gefordert. So verschwimmen die Grenzen zwischen Politik und Satire immer mehr. Für die OB-Wahl hat sich der frisch gebackene Kandidat Konrad Kling ein klares Ziel gesetzt: mehr Stimmen als der Dauerbewerber Ulrich Raisch. Der 53-jährige Pädagoge aus Stuttgart kandidiert seit 2008 bei einer kaum noch überschaubaren Anzahl von Bürgermeisterwahlen. Ulrich­ Raisch hat nur ein Problem: Er meint es wirklich ernst. Und das finden manche zum Lachen.

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