Rutesheim/Stuttgart Schütten statt Plastikverpackung

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Jens-Peter Wedlich hofft, dass die „Geiz ist geil“-Mentalität immer weniger Anklang findet – der Umwelt zuliebe. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Rutesheim - Es war auf einer Fahrt mit einem Containerschiff von Rotterdam nach Lissabon, als Jens-Peter Wedlich die Entscheidung seines Lebens fällte. Gerade noch habe er unweit des Golfs von Biskaya einer Gruppe Delfine verträumt dabei zugesehen, wie sie um die Wette schwimmen, dann habe ihn eine auf dem Wasser treibende Plastiktüte gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, erzählt der Mann im Bürgersaal der Christian-Wagner-Bücherei. Just in dem Augenblick beschloss er, die Welt vor dem Plastikinfarkt zu retten. Der Gedanke mündete später in der Eröffnung des ersten Unverpackt-Lebensmittelladens im Großraum Stuttgart.

„Schüttgut“ ist eine Erfolgsgeschichte, die vor einem Jahr ihren Lauf nahm. Seitdem tummeln sich Weltverbesserer und alle, die es noch werden möchten in dem kleinen Laden mit großen Absichten in Stuttgart-West. „Wir haben mit 300 Produkten angefangen, jetzt sind es schon mehr als 500“, berichtet der Rutesheimer nicht ohne Stolz. Schütten mit Müsli und Nüssen, Döschen mit allerlei Gewürzen, Körbchen mit frischem Obst und Gemüse sowie Reinigungsmittel und Molkereiprodukte reihen sich auf den rund 50 Quadratmetern in der Vogelsangstraße 51 nebeneinander. Alles regional, saisonal und obendrein vegetarisch. Der Clou ist aber: Die nachhaltigen Produkte gehen fast verpackungsfrei über die Theke.

Dosen und Behälter müssen die Kunden selber mitbringen

Und das ganze funktioniert so: „Die Kunden bringen ihre gereinigten Dosen und Behälter von Zuhause mit“, erklärt Wedlich – alternativ gibt es auch Baumwolltüten oder Tupperware aus umweltfreundlichem Material im Laden. Diese werden direkt am Eingang des Ladens gewogen und mit einem ausgedruckten Etikett beklebt. Dann werden die Utensilien befüllt. „An der Kasse kommen die Produkte auf die Waage, wobei das Gewicht der mitgebrachten Verpackung abgezogen wird“, so der 51-Jährige. Jeder kauft nur so viel ein, wie er auch braucht. Nix da mit Lebensmittelverschwendung! Die ganze Prozedur könne aber schon mal etwas länger dauern, als beim Discounter um die Ecke.

Wenn man im „Schüttgut“ aufschlägt, ist ohnehin „Entschleunigung“ angesagt. Denn auch die wird neben dem Umweltschutz, einem Umdenken in Sachen Konsumverhalten und Müllvermeidung, groß geschrieben, um „die Menschen zu einem bewussten Umgang mit Lebensmitteln zu führen“. Nebenher machen die Wedlichs auch dem Prinzip eines Tante-Emma-Ladens als sozialer Treffpunkt aller Ehre. „Zeit für einen netten Plausch gibt es immer“, sagt der Rutesheimer, der schon mal guten Rat gibt, wenn das Fahrrad streikt. Gattin Claudia sei derweil für Eheprobleme zuständig. Die Kunden wüssten die besondere Atmosphäre zu schätzen und reisten sogar aus Schwäbisch Hall an, um ganze Trolleys zu befüllen, berichtet er und sagt stolz: „Es gibt Familien, die praktisch keinen Müll mehr verursachen!“

Dass er den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, hat er einer Midlife-Crisis zu verdanken. Der Groß- und Außenhandelskaufmann war 15 Jahre lang in der Öl-Branche tätig. Finanziell habe es nicht besser laufen können, doch erfüllt habe ihn der Job nicht, erzählt der Mann, der sich schon immer für den Schutz der Weltmeere engagierte. „Es reicht aber nicht, Petitionen zu unterschreiben, man muss auch den Hintern hochkriegen!“, befindet der Familienvater, der sich seit Jahren ehrenamtlich bei Greenpeace einbringt. Für seinen Chef habe Mineralölhandel und Meeresschutz irgendwann nicht mehr zusammengepasst. Wedlich war über die „einvernehmliche Trennung“ aber alles andere als traurig. „Endlich kam Bewegung in mein Leben!“, sagt der Mann, der auf einer Schiffsreise zu sich selbst fand.

Jeder kann seinen Beitrag zum Umweltschutz leisten

Angespornt durch die Eröffnung des allerersten Unverpackt-Ladens in Deutschland machte er sich an die Arbeit. Er stellte einen Businessplan auf, heuerte einen Unternehmensberater an und klapperte eine freistehende Ladenfläche nach der anderen ab. Der Weg sei nicht einfach gewesen. „Ich liege bis heute mit der Arbeitsagentur im Clinch, weil sie den Gründungszuschuss zurückhaben wollte, nachdem der Laden nicht rechtzeitig offen war“, erzählt er und sagt: „So was kann einen in die Knie zwingen.“ Doch die Wedlichs ließen sich nicht unterkriegen. Und das zahlte sich aus. „Wenn ich heute im Laden stehe, dann fühle ich mich wie auf Wolke sieben!“, sagt der Mann, der endlich gefunden habe, was ihn glücklich mache.

Der Umwelt zuliebe muss man aber nicht gleich einen eigenen Laden eröffnen. „Jeder für sich kann einen Beitrag leisten, wir müssen nur damit anfangen!“, lautet seine Botschaft im Bürgersaal. Wedlich spricht von einem Umdenken von „Geiz ist geil!“ zu „Das ist mir zu billig!“. „Wenn ein Pfund Spargel knapp vier Euro kostet, dann muss einem klar sein, dass bei den Arbeitern kaum etwas ankommt“, sagt er. Er rät dazu, Lebensmittel, die nicht mehr ganz frisch sind, nicht gleich wegzuschmeißen. „Fallen Sie auch nicht darauf rein, wenn ein Supermarkt mit regionalen Produkten wirbt“, sagt er. Und für den Einkauf am besten eine Stofftasche einpacken. „Wenn jeder auf eine Plastiktüte verzichtet, dann sind es 80 Millionen in ganz Deutschland!“

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