Rhythmische Sportgymnastik Federleicht – als ob es keine Schwerkraft gäbe

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Mit einem strahlenden (Zahnspangen-) Lächeln und so mühelos beweglich präsentiert Foto: Pressefoto Baumann

Leonberg - Bunte Bälle und Keulen fliegen hoch in die Luft bis unter das Hallendach und landen punktgenau und zielsicher dort, wo sie landen sollen. Bänder zwirbeln über den Boden, bewegen sich elastisch wie Schlangen, bilden in rasantem Tempo kunstvolle Formen, die sich genauso schnell wieder verlieren. Federleicht, elegant und grazil bewegen sich die Rhythmischen Sportgymnastinnen, als ob die Schwerkraft außer Kraft gesetzt würde und an Stelle ihrer Sehnen und Bänder Gummi wäre. Und doch halten sie während der gesamten Übung Spannung und Körperbeherrschung bis in die Fußspitzen. Fünf- bis sechsmal pro Woche trainieren die Mädchen des Rope Skipping Clubs Stuttgart in einer ehemaligen Tennishalle der Landessportschule Ostfildern-Ruit. Eine davon ist die 13-jährige Pauline Bitzer aus Höfingen.

Seit sie sechs ist, ist sie dabei. Sie hatte eine Sportart gesucht, die ihr gefällt und die zu ihr passt. Weiblich sollte es sein, und gefordert wollte sie werden. Allein, Ballett war ihr irgendwann zu langweilig, so auch die Standard- oder Lateinamerikanischen Tänze. Beim Turnen war ihr die Höhe an den Geräten nicht geheuer. Irgendwann machte sie ein Probetraining bei den Sportgymnastinnen und war auf Anhieb begeistert. Die Vielfalt der Geräte – Ball, Keule, Reifen, Band und Seil – haben es ihr angetan. „Jedes hat seinen eigenen Stil, die Ballkür ist elegant und langsam, mit den Keulen kann ich powern und meinen Ausdruck zeigen“, sagt Pauline Bitzer und erklärt diese beiden zu ihren Lieblingsdisziplinen.

Für ihren Sport nimmt Pauline Bitzer einiges in Kauf, ohne Disziplin geht es nicht. In Stuttgart besucht sie die siebte Klasse des St. Agnes Mädchengymnasiums, fährt frühmorgens mit der S-Bahn dorthin. „In dieser Schule kann ich meinen Sport gut unter einen Hut bringen“, sagt die 12-Jährige. Wenn sie bei internationalen Wettkämpfen startet, bekommt sie frei und hat die Möglichkeit, den Lernstoff nachzuholen. Nach dem Unterricht besucht sie oft ihre Eltern, die beide in Stuttgart arbeiten. Entweder sie gehen gemeinsam essen oder sie macht noch ihre Schulaufgaben. Am späteren Nachmittag fährt sie mit der Stadtbahn weiter in die Sportschule nach Ruit. Abends nach dem Training holt Vater Jochen seine Tochter mit dem Auto ab und gemeinsam geht’s dann wieder nach Hause. Viel Zeit für ein gemeinsames Abendessen oder restliche Hausaufgaben bleibt nicht mehr. Pauline Bitzer kennt das nicht anders und vermisst daher nichts. „Im Verein habe ich meine Freundinnen“, sagt sie. Samstags legt sie in der Regel noch eine „Sonderschicht“ ein, nimmt bei einer Ballett-Trainerin Einzelunterricht.

Stolz und mit einem strahlenden Lächeln präsentiert die nur 1,40 Meter kleine Sportlerin („Ich bin in meinem Jahrgang meistens die Kleinste“) ihren neuen Wettkampfanzug, der nicht nur durch sein knallbuntes Muster besticht. Auf dem Stoff glitzern und funkeln mehr als 2000 aufgeklebte Swarovski-Steinchen. „So ein Anzug kostet schnell mal 300 Euro, nach oben sind keine Grenzen gesetzt“, sagt Vater Jochen Bitzer. Und dabei sei dieser noch relativ günstig, weil ihn die Trainerin selbst maßgeschneidert hat. Hinzu kommen die speziellen Sportgeräte. Keulen für 60 Euro, Ball und Band kosten jeweils bis zu 100 Euro, das Seil 30, der Reifen, der noch selbst beklebt wird, um die 20 Euro. „Da kommt einiges zusammen“, sagt Jochen Bitzer.

Ihre eigenen Ziele hat sich Tochter Pauline zuletzt neu gesteckt. „Ursprünglich wollte ich bei den Weltmeisterschaften starten, jetzt will ich bei den deutschen Meisterschaften möglichst unter die ersten fünf kommen“, sagt die aufgeweckte und redegewandte Gymnasiastin, die Klassensprecherin ist und auch schon Unterstufensprecherin war. „Um auf Weltniveau zu sein, habe ich zu spät angefangen und müsste schon einiges weiter sein.“ Die meisten ihrer Kolleginnen im Verein haben osteuropäische Wurzeln, und dort hat die Rhythmische Sportgymnastik einen hohen Stellenwert. Top-Athletinnen wie beispielsweise Jana Kudrjawzewa, die ihre Karriere schon beendet hat, werden in ihrer Heimat als Stars gefeiert. Auf Landesebene ist Pauline Bitzer ganz vorne dabei. Vor zwei Jahren war sie württembergische Meisterin mit dem Ball. In diesem Jahr startete sie bei den deutschen Meisterschaften in Berlin.

Ein Vorbild hat die 13-Jährige im eigenen Verein. Die 15-jährige Alica Peresunchak ist mehrfache deutsche Meisterin, Mitglied im Nationalkader und wechselte in diesem Jahr wegen interner Unstimmigkeiten vom Landesleistungszentrum TSV Schmiden zum RSC Stuttgart. „Sie gibt mir immer wieder gute Tipps“, sagt Pauline Bitzer, die vorwiegend bei Yuliya Peresunchak, der Mutter von Alica, trainiert. Lernen kann sie auch von Galina Krilenko, Peresunchaks weißrussische Trainerin, die ebenfalls aus Schmiden kam, wo sie von 1996 bis 2015 Chefcoach war. Zwei Jahre lang betreute sie die deutsche Nationalmannschaft, davor 14 Jahre lang das weißrussische Nationalteam. Sie hat zahlreiche Athletinnen zu großen Erfolgen geführt – Höhepunkt war der Olympiasieg ihres Schützlings Marina Lobatsch 1988 in Seoul.

Und selbst wenn es Pauline Bitzer nicht bis auf Weltniveau reichen wird. Atemberaubend ist es dennoch, was sie mit ihrem beweglichen Körper und den vielfältigen Geräten auf den Teppich zaubert.

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