Neue Pfarrerin in Ditzingen Ein „Pommernmädel“ im Einsatz für Werte

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Ein verschmitztes Lächeln ist bei der neuen Ditzinger Pfarrerin Kathleen Reinicke nicht selten. Foto: factum/Bach

Ditzingen - Ihre vorhergehende Station war in Heimsheim, wo sie auch wohnen bleibt. Ihre Heimat aber ist ganz woanders: In Stralsund, im Nordosten Deutschlands; dort, wo früher noch die DDR war. Kathleen Reinicke, 40, bezeichnet sich selbst als „Pommernmädel“. Ihr fünf Jahre älterer Ehemann stammt aus Ostdeutschland. Konkret aus Eisleben, der Lutherstadt in Sachsen-Anhalt.

Kennengelernt haben sich die beiden in Halle beim Theologiestudium. Und nun leben und arbeiten sie mit ihren drei Kindern im Schwäbischen: Sie als Pfarrerin in Ditzingen, er in einem nicht-theologischen Beruf. Mehrere Dinge sind der 40-Jährigen wichtig: Kinder und Familien, Gottesdienst und Seelsorge, Gewaltfreiheit und Werte.

Sie erschrecke immer wieder über den Egoismus und die Aggressivität in der Gesellschaft: „Die Gewaltbereitschaft und der Werteverlust treiben mich um“, sagt Kathleen Reinicke, „alles ist so auf Krawall gebürstet, jeder will Recht behalten.“ Prügeleien und Aggressivität unter Kindern hätten sehr zugenommen, meint sie.

Dem will sie schon im Schulunterricht entgegenwirken, „man kann nicht früh genug damit anfangen“. Viele Kinder und Jugendliche würden bei den Themen Krieg und Tod vom Elternhaus nicht vernünftig begleitet, könnten mit der Fülle an Reizen aus den Medien nicht umgehen. Das sind für Kathleen Reinicke Themen in der Seelsorge ebenso wie in der Schule. Noch unterrichtet sie in Heimsheim, sie wird aber von September an in Ditzinger Schulen tätig sein. Und im Büro im Dekanatamt ist sie regelmäßig erreichbar.

Ein Krippenspiel mit Erwachsenen

Pfarrer halten Gottesdienste, auch zu Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen. Dabei fühlt sie sich den Menschen ganz nahe. Und sie spürt, ob diejenigen, für die sie da ist, es ernst meinen. Manchmal, dieses Wort spricht sie selber aus, fühle sie sich schon als Zeremonienmeisterin. Immer wieder wirkt sie dem entgegen – wie an Weihnachten mit einem anderen Krippenspiel: Einem, in dem Erwachsene mitspielen. Und sie hat noch ein schönes Beispiel parat: Da lud ein nicht verheiratetes Paar zur Taufe seines Kindes ein – die ganz normal verlief. „Dann habe ich die Bombe platzen lassen“, erzählt die Pfarrerin und berichtet von der anschließenden Trauung, von der niemand wusste außer dem Paar und ihr. „Die Eltern hatten Tränen in den Augen, das war ein heiliger Moment, es ging nur um das Wesentliche.“

Elf Jahre alt, als die Wende kam

Kathleen Reinicke bezeichnet sich als „kirchlich sozialisiert“; beide Eltern hätten aber in der DDR ihre kirchlichen Berufe nicht ausüben können. Bei der Wende war sie elf Jahre alt. Sie studierte in Halle, Marburg und Tübingen und kam als Vikarin nach Württemberg. So habe sie eine „alles andere als geradlinige, glatte, schlanke Biografie“. Dennoch fühle sie sich hierzulande „zuhause und wohl, auch fernab der Wurzeln“. Man merkt’s auch an ihrer Sprache: Immer wieder schleicht sich ein „gell“ oder ein anderer schwäbischer Begriff in einen Satz. „Wir fühlen uns angenommen“, sagt Reinicke, „wir sind Wirtschaftsflüchtlinge und wissen, was es bedeutet, Rei’gschmeckte zu sein.“ So gesehen könnten ihr Mann und sie „das Thema Flüchtlinge anders betrachten“. Sie strahlt Herzlichkeit, Offenheit und Güte aus, nimmt das Gegenüber an und sagt: „Ich bin im Glauben sehr offen und gehe auf Menschen zu“ – und „aufgeräumt“ nicht nur zu seelsorgerlichen Gesprächen.

Kathleen Reinicke arbeitet seit wenigen Wochen auf einer Stelle, die es nach dem neuen Pfarrplan von 2024 an nicht mehr geben soll. Wie geht sie damit um? „Ich spiele auf Zeit“, sagt sie und ergänzt: „Wir Pfarrersleute begleiten Gemeinden in ihrem Leben; das ist wichtiger als eine Pfarrplandiskussion.“ Viele Ehrenamtliche müssten Aufgaben schultern. „Wir stehen im Dienst und sollten uns so sehen und verhalten. Wir sind für Menschen da.“

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