Mit Rollstuhl in Weissach unterwegs Über Stock und über Stein – gar nicht so leicht

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Rollstuhl-Rallye mit Daniel Töpfer: Der Bürgermeister und Gemeinderäte erkunden mit Rollstuhlfahrern den Ortskern um Barrieren zu finden. Ingrid Engel zeigt, wo Stolperfallen sind. Foto: factum/Bach

Weissach - Weg mit den Barrieren“ – so lautet das Motto der Arbeitsgruppe „Stolperfalle“. Die Gemeinde Weissach hat es sich gemeinsam mit dem VDK-Sozialverband zur Aufgabe gemacht, die Alltagsbedingungen für Menschen mit Einschränkungen durch eine „Rollstuhl-Rallye“ zu prüfen. Mitbürger, die auf ­Hilfsmittel wie Rollatoren, Rollstühle und Gehstöcke angewiesen sind, benötigen ­besondere Bedingungen um sicher und barrierefrei die Straßen und Wege nutzen zu können. (So etwas Ähnliches hat bereits in Renningen stattgefunden

Für ein umfassendes und wirklichkeitsnahes Bild der Lage treffen sich Bürgermeister Daniel Töpfer, aus dem Gemeinderat: Detlef Bausch und Frank Bauer (Freie Wähler Flacht), Adelheid Streckfuß (Unabhängige Liste), die Vorsitzende des VDK-Ortverbandes Flacht Gisela Rockenfeller-Ziehmann und viele Betroffene zu einer Begehung des Stadtkernes . Andreas Pröllochs (Bürgerliste), Mitbegründer der Arbeitsgruppe ist krankheitsbedingt leider nicht dabei. Um die Realität bestmöglich nachzustellen, hat sich Bürgermeister ­Töpfer dafür einen elektrischen Rollstuhl geliehen und die Gemeinderäte werden mit unterschiedlichen Rollatoren-Modellen ausgestattet.

Vor dem Start am Rathaus betont die ­75-jährige Ingrid Engel, von ihren beiden Urenkeln aufgrund des Rollstuhles liebevoll „Tschu-Tschu-Oma genannt: „Der gute Wille ist da, aber es muss noch viel getan werden.“

Probleme gleich zu Beginn

Bereits der Beginn der Rollstuhl-Rallye zeigt deutliche Schwierigkeiten mit dem allgegenwärtigen Kopfsteinpflaster. Am Brunnen liegen die breiten Rillen der Schachtdeckel genau in Fahrtrichtung. Adolf Rieger erzählt: „Hier finden oft Feste statt. Im Gedränge oder zwischen den ­Buden können die Schachtdeckel leicht übersehen werden. Wer da mit den Rädern hineingerät, kommt ohne Hilfe nicht mehr heraus.“ Seine sehbehinderte Frau Margarete Rieger fügt hinzu: „Oft fehlen auch Markierungen an Treppen oder Absätzen. Da kann man leider sehr schnell stürzen.“

Auch der Zugang zur Apotheke stellt mit vier Stufen und ohne Rampe ein unüberwindliches Hindernis für viele dar. An der Bushaltestelle kommt man aufgrund ­fehlender Breite mit dem Rollstuhl nicht an   die Fahrpläne. Die Wege sind strecken­weise sehr eng, durch Treppen vor ­Hauseingängen verschmälert oder durch ­Mülltonnen versperrt. Parkende Autos ­verschärfen die Lage zusätzlich.

Gemeinderat Detlef Bausch zieht eine erste Bilanz: „Das ist ein echtes Problem. Als Betroffener ist das wirklich sehr schwierig. Ich komme mit dem Rollator nicht die Bordsteinkante hinauf ohne ihn anzuheben. Aber das ist vielen älteren oder behinderten Menschen ja nicht möglich. Wenn dann noch Einkäufe transportiert werden müssen, steht man vor einem unlösbaren Problem oder ist auf Hilfe angewiesen.“ Ein schönes Café ist durch eine Treppe für Rollstuhlfahrer nicht nutzbar, obwohl es über eine schöne, große Terrasse verfügt. Das Verkehrsaufkommen an dieser Kreuzung ist zudem enorm hoch und nicht alle Autofahrer nehmen Rücksicht auf ­behinderte Menschen.

Kampf mit Bordsteinkanten

Bürgermeister Töpfer kämpft im Selbstversuch mit hohen Bordsteinkanten und Engpässen. „Und ich bin gesund. Auch wenn ich gerade im Rollstuhl sitze, habe ich sicherlich bessere Voraussetzungen bei der Bedienung dieses Fortbewegungsmittels als viele Betroffene“, stellt er klar fest. ­Zurück im Rathaus wird noch ein Test mit dem Alterssimulationsanzug „Gert“ gestartet. Detlef Bausch lässt sich die vielen ­Einzelteile anlegen und sagt bereits nach wenigen Minuten erstaunt: „Die Bewegungseinschränkung ist heftig und das Treppenlaufen echt schwierig. Das ist kein Spaziergang.“ Bürgermeister Töpfer zieht das Fazit aus der Rollstuhl-Rallye: „Wir haben nun die nötige Sensibilität gewonnen, um entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Städtebau darf nicht nur schön und ­ästhetisch, sondern muss in erster Linie für alle Menschen funktionell sein.“ Wie geht es konkret weiter? „Die gewonnenen Erkenntnisse werden in zukünftige Planungen einfließen. ,Erste-Hilfe-Maßnahmen’ werden wir jetzt schnell starten. So zum Beispiel die Abflachung der Bordsteine an relevanten Stellen. In Flacht sind viele Verbesserungen bereits erfolgt und Weissach wird nachziehen.“, schließt Töpfer.

Wheel Map

Das Projekt des Vereins Sozial­helden aus Berlin wird auch seit vielen Jahren im Kreis Böblingen aktiv unterstützt. So sind immer wieder Schulklassen unterwegs, um ­gemeinsam mit Rollstuhlfahrern, Senioren oder anderen Personen mit Einschränkungen den ­öffentlichen Raum zu erkunden. Auf einer Karte wird dann markiert, welche Orte mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen gut erreichbar sind und welche nicht. Seit Kurzem gibt es eine ­weitere Funktion, die aktuell zeigt, wo Fahr­stühle an S-Bahnhöfen defekt sind.

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