Magstadt Kreis Böblingen Bio-Gärtner muss beste Böden abtreten

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Klaus Winter wird den Betrieb an seinen Sohn Jonas übergeben. Dass er Äcker für den Bau der Bundesstraße 464 und der S-60 verloren hat, konnte er nicht verhindern. Foto: factum/Bach

Magstadt - Der 55-Jährige sprüht vor Vitalität. Schon um halb sechs Uhr am Morgen war er auf einem seiner Felder und hat gepflügt – bei einer Temperatur von knapp unter Null Grad. „Der Boden war zwar leicht gefroren, aber es ging. Ich muss jetzt Gas geben“ sagt der Gärtnermeister, der mit seinem Familienbetrieb zurzeit 45 Hektar bewirtschaftet: Es ist Zeit, die Äcker vorzubereiten. Klaus Winter setzt auf Bio-Qualität und hat Abnehmer in aller Welt. Er verdankt das seinen begehrten Heil- und Kräuterpflanzen und seinem Gemüse. Doch die Böden für den anspruchsvollen Anbau sind rund um Magstadt rar. Und jetzt muss er im Zusammenhang mit der Flurbereinigung auch noch 70 Ar an den Kreis Böblingen abtreten – damit dieser eine Straßenmeisterei bauen kann. „Und das, ohne geeignete Ausgleichsflächen zu erhalten“, klagt Winter. Die Behörde jedoch widerspricht ihm: „Herr Winter wird angemessen entschädigt.“

Regierungspräsidium: Herr Winter ist massiv betroffen

Wenn er das hört, zittern seine Hände, das spitzbübische Lächeln ist verschwunden. Mit dunklem Blick bekennt er: „Ich habe so einen Hals.“ Rund sieben Hektar Fläche seien ihm in den vergangenen Jahren „schon systematisch weggekauft und entzogen worden“, sagt Winter. Für die Umfahrungen von Magstadt, den Bau der S-60-Bahnstrecke und den Bau der Bundesstraße 464. „Herr Winter ist massiv betroffen“, räumte ein Sprecher des Regierungspräsidiums in Stuttgart schon vor einiger Zeit ein.

Hier entlang: „Kommentar: Das Opfer ist zu groß“

„Mit einem erheblichen finanziellen Aufwand“ musste der Gärtnermeister, wie er sagt, „selbst für den Flächenersatz sorgen“ und anderen Grundstückseigentümern ihre Äcker abkaufen. Damit konnte er seine Anbaufläche über die Jahre hinweg konstant bei rund 60 Hektar halten und dem Flächenfraß begegnen, durch den sein Betrieb sonst beträchtlich geschrumpft wäre. Auf etwa 15 Hektar Ackerfläche pflanzt Winter zurzeit gar nichts an, weil die Bodenqualität zu wünschen übrig lässt.

Etwas mehr als elf Euro für den Quadratmeter

Selbstverständlich habe die Kreisbehörde, wie sie versichert, nicht die Absicht, dem angesehenen Gärtnermeister zu schaden. Er sei aber der einzige Grundstückseigentümer, mit dem man noch keine Einigung erzielt habe, sagt Roseli Eberhard, die Dezernentin für Verkehr und Ordnung im Landratsamt. Winter beliefert zum Beispiel die Magstadter Firma Schoenenberger, einen Hersteller von mehr als 30 Sorten von Pflanzensäften und Heilkräuter-Elixieren, von Frucht- und Gemüsesäften in Bio-Qualität. „Herr Winter wird zu keinem Zeitpunkt enteignet“, betont Eberhard. Der Gärtner bekomme wohl bis zum Herbst über die Flurbereinigung vom Landratsamt Grundstücke zugeteilt. Und zwar solche, die den Wert seiner Flächen ausgleichen würden. Zwar habe man mit ihm gesprochen, doch er habe keine Absicht erkennen lassen, „dass er verkaufen möchte“, sagt Eberhard. Man habe ihm mehr als elf Euro pro Quadratmeter Acker geboten. Doch Winter habe abgelehnt.

„Was nützt mir das?“, fragt der 55-Jährige, er benötige guten Boden. Winter ist sich sicher: Eine solche Erde der Güteklasse 1 wie seine beiden Äcker sie besäßen, die er nun hergeben müsse, gebe es in Magstadt nicht mehr. In Maichingen habe er nur einen einzigen, der so beschaffen sei: nicht steinig, nicht nass. Einen „sandigen Lehmboden“ brauche er.

Vor Jahren wollte Klaus Winter in den Osten ziehen

Ampfer ist zuletzt auf den Äckern gediehen, auf denen die Straßenmeisterei gebaut wird. Zuvor Johanniskraut, Thymian, Zitronenmelisse, Salbei und viele andere Kräuter mehr. Das Gelände wird bereits von der Bundesstraße 464 durchschnitten. Insgesamt war das Feld einmal 1,9 Hektar groß. 20 Ar fielen einer Erdaufschüttung für die neue Bundesstraße zum Opfer. Sie wurden Winter entzogen. Den Rest des Grundstücks mit 1,7 Hektar beansprucht der Kreis für die Straßenmeisterei. 70 Ar davon gehören bis jetzt noch dem Gärtnermeister. Rund einen Hektar hatte er bis vor einigen Jahren gepachtet, die Eigentümer haben die Fläche längst an den Kreis verkauft. Und nun werden ihm dort auch noch die letzten Flurstücke genommen.

„Ich wäre vor Jahren gerne mit meinem Betrieb in den Osten gezogen. Aber meine Frau und meine Kinder hatten etwas dagegen“, sagt der 55-Jährige. Nun soll sein Sohn demnächst die Betriebsführung übernehmen, obwohl Klaus Winter noch vital ist. „Ich werde weiterarbeiten“, sagt er, „aber das, was hier passiert, ist bitter.“

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